Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 20 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 367 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Hesterreichifche Wochenschrift Seile 367 Redner zieht sodann die Vorkommnisse seit der Eröffnung des Reichsrathes in den Kreis seiner Betrachtung, aus denen die vielversprochene Episode Dr. Bloch-Schneider hervortritt, gelegentlich welcher der Erstgenannte ein neues Ruhmesblatt der Geschichte seiner vielen Verdienste für das Judenthum einfügte. Allein während die Helfershelfer herbeieilteu, um ihrem Freunde und Gesinnungsgenossen Schneider zur Seite zu stehen, blieb Dr. Bloch sich selbst überlassen, in dieser Richtung unserer Glaubensgenossenschaft gleichend, die im Parlamente kein Wort der Verteidigung finden. Die Union habe die Aufgabe, dahin zu wirken, daß das Gefühl der Solidarität bei den jüdischen Abgeordneten erwache, und daß sie endlich für die Ehre und Würde des Judenthums mit aller Kraft eintreten mögen, und dies um somehr, als sie dann nur ihre eigene Ehre und Würde vertheidigen. Herr Leopold Fried besprach die passive Haltung der jüdischen Abgeordneten im Reichsrathe gelegentlich der Affaire Bloch-Schneider und beantragt, dem Abgeordneten Bloch für dessen muthiges Auftreten im Interesse des Judenthums den Dank durch Erheben von den Sitzen zu vottren. (Geschieht. Der anwesende Abgeordnete Dr. Bloch ist Gegenstand einer minutenlangen Ovation.) Redner krittsirt scharf das Verhalten der jüdischen Abgeordneten, welche den antisemitischen Schmähungen gegenüber passiv bleiben. Dr. Bloch (mit lebhaftem Beifalle und Händeklatschen begrüßt) dankt zunächst für die ihm in der Versammlung gewordene Ehrung. Er folge gerne jeder Einladung in eine jüdische Versammlung, weil er daselbst Gelegenheit habe, die Empfindungen und Wünsche der jüdischen Wählerschaft kennen zu lernen, um selbe sodann in dem Hause, in welchem die Räthe des Volkes sitzen, zu verdolmetschen. Redner mahnt die Versammlung zur Mäßigung, warnt vor übereilten Beschlüssen, vor Recriminationen gegen die jüdischen Abgeordneten, welche in schwierigen, parteipolitischen Situationen ihre Pflicht zu erfüllen haben, deren Kraft man durch Angriffe nicht lähmen darf. Der als Gast anwesende Herr Dr. Davidovits, aus Sniatyn, welcher dem Wahlsprengel des Abg. D r. Bloch angehört, erbittet sich das Wort, und glaubt, — obwohl nicht als Mandatar — so doch im Sinne aller Wähler des Wahlkreises des Abg. Dr. Bloch zu handeln wenn er demselben seine vollste Sympathie ausdrücke. Es erfüllte die Wähler des Abg. Dr. Bloch mit gerechtem Stolze, daß ihr Vertreter die richtige Stellung in der antisemitischen Frage einnehme, und geben sich dieselben der Hoffnung hin, daß Dr. Bloch, dessen Wiederwahl blutige Opfer kostete, wie bisher im Interesse des Judenthums wirken würde. (Lebhafter Beifall). Herr Brod bemerkt, die jüdische Wählerschaft habe kein Opfer gescheut, um den liberalen Candidaten zum Siege zu verhelfen, und diese darf es daher nicht Wunder nehmen, wenn die jüdische Wählerschaft ihre berechtigten Ansprüche nunmehr geltend mache. Herr Brod bittet um Annahme einer diesbezüglich von ihm verfaßten Resolution, welche der Vorstand der „Union" der Leitung der liberalen Partei im Abgeordnetenhause zukommen lassen möge. Herr Markus ist gegen die Annahme einer solchen Resolution, welche er für verfrüht hält. Man möge vorerst eine wartende Haltung einnehmen, bevor man an die liberalen Abgeordneten eine derartige Manifestation richte. Herr Direktor Marek hätte es gewünscht, daß zur heuttgen Versammlung die jüdischen Abgeordneten geladen worden wären, um denselben Gelegenheit zu bieten, die Wünsche der jüdischen Wählerschaft kennen zu lernen. Der Vorsitzende erwidert, daß dies absichtlich nicht geschehen sei, um die Mitglieder des Vereines unbeeinflußt ihre Beschlüsse fassen zu lassen. Herr Neustadt! spricht in gleichem Sinne. Herr Fleischer hält es für eine dringende Pflicht der Union, einen Mahnruf nicht nur an die jüdischen Mandatare, sondern an die gesummte liberale Partei ergehen zu lassen, von welcher einige hervorragende Mitglieder in der Union versprochen haben, stets für das Judenthum einzutreten. Nicht der Jude, die Menschenwürde wurde in jedem einzelnen Abgeordneten verletzt. Herr Fleischer rügt sodann den Scheinliberalismus im Gemeinderathe, welchem es der einzige jüdische Stadtrath zu verdanken habe, daß er nur mit knapper Noth in denselben Aufnahme fand. Redner ttitt schließlich für die Annahme der Resolutton des Herrn Brod ein. Auch Dr. Landesberg ist für diese Resolutton, welche nichts anderes bezweckt, als die liberalen Abgeordneten auf das aufmerksam zu machen, was sie uns vor ihrer Wahl versprochen haben. Gemeinderath Lang verwahrt sich gegenüber einem der Vorredner, daß der liberalen Partei im Gemeinderathe Scheinliberalismus vorgeworfen werde. Die Besprechung über die Besetzung einer der Stadtrathsstellen durch einen Juden erfolgte in so vorgerückter Nachtstunde, daß es nicht Wunder nehmen darf, wenn derselben so wenige Gemeinderäthe beiwohnten, umsoweniger, als die Versammlung ohnehin 4 Stunden dauerte. Wenn nun in letzter Stunde für Gemeinderath Trost gegen Ritter v. Goldschmidt agitirt wurde, so sei dies nur eine Bezirksbergerei seitens der Gemeinderäthe des X. Bezirkes, keinesfalls jedoch eine Agitation gegen den Juden Goldschmidt gewesen. Eine vom Gemeinderathe Lang an den Vorsitzenden gerichtete Jnterpellatton, die Redactton des Vereinsorganes betreffend, wird von dem Redacteur desselben, Vereinssecretär Josef Fuchs energisch zurückgewiesen. Herr Iaiteles rügt es. daß sich kein jüdischer Abgeordneter fand, der die Bemerkungen des Abg. Troll, daß die Juden Christenblut benöthigen, energisch zurückgewiesen hätte und tritt für die Annahme der Resolution Brod ein. Hof- und Gerichts-Advocat Dr. AlfredSkrein stellt den Antrag, vorläufig von der Annahme der Resolutton Brod abzusehen. Die Union möge warten, welche Haltung die jüdischen Abgeordneten gelegentlich der Debatte über die neu einzuführende Geschäftsordnung im Reichsrathe, bei welcher es gewiß nicht an gehässigen Angriffen seitens der antiliberalen Abgeordneten fehlen wird, einnehmen werde. Herr Fleischer replicirt auf die Ausführungen des Gemeinderathes Lang, daß er es auffallend finde, daß bei einer vierstündigen Debatte die Besprechung über Besetzung einer Stadtrathsstelle durch einen Juden erst um die vorgerückte späte Nachtstunde erfolgte, und daß bei 25 Mandaten in den Stadttath, der Kampf um das jüdische Mandat erst beim 25. Mandate beginnt. Dies zeuge klar und deutlich die liberale Gesinnung so mancher liberalen Gemeinderäthe. Warum kam der liberalen Partei im Gemeinderathe erst beim letzten zu vergebenden Mandate das Bewußtsein, daß der großen jüdischen Bevölkerung im Stadtrathe auch eine Vertretung gebühren? Was die angebliche Bezirksbergerei bettifst, so erinnert er Gemeinderath Lang an den Beschluß der Gemeinderäthe, daß nicht die Rücksicht auf die einzelnen Bezirke, sondern die Tüchtigkeit des betteffenden Candidaten für dessen Wahl in den Stadttath ausschlaggebend sei. Warum kam daher diese Bezirksbergerei bei dem letzten Mandate, bei welchem es sich um einen Juden handelte, zum Vorscheine? Herr Leopold Fried lobt das Eintteten des Abg. Dr. Bloch für seine jüdischen College», die vice versa jedoch nicht dieselbe Collegialität beobachten. Die Resolutton des Herrn Brod wird somit einstimmig angenommen und die Redigirung derselben dem Vorstande überlassen. Ebenso wird ein vom Bezirksausschuß Wald stein gestellter Anttag, die Union möge sich an der 70. Geburtstagfeier des gefeierten Prediges der Israelitischen Cultusgemeinde Dr. Adolf Jellinek in geeigneter Weise betheiligen, einsttmmig angenommen.