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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-22 · 20 (22.5.1891) · p. Seite 366

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
20 (22.5.1891)
Date
1891-05-22
Page
Seite 366 (sequence 4)
Language
German
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Seite 366 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 20 erging an ihn der Ruf der Gemeinde Eibenschitz. daß er den verwaisten Rabbinatssitz seines sel. Vaters einnehme — ein ehrender Ruf, dem er auch Folge leistete. Hier wie in seiner ersten Stellung vervollkommnete er sich durch redliche Arbeit immer mehr als Kanzelredner — als eine schöne Probe seiner Beredtsamkeit veröffentlichte er zwei Passah-Predigten unter dem Titel: „Das Tal-Gebet" — war in Schule und Seelsorge stets eifrig bei seinen Berufspflichten, gab sich daneben der Erforschung unseres alten Schristthums hin, Studien, deren Ergebnisse er schon damals in wissenschaftlichen Zeitschriften zu veröffentlichen begann nnd erwarb sich einen so geachteten Namen, daß die angesehene Gemeinde Thorn in Preußen ihr Augenmerk auf ihn richtete und ihn im Frühjahre 1868 zu einer Probepredigt Berief, deren günstiger Erfolg für seine Wahl zum Rabbiner und Dirigenten der Gemeindeschule in Thorn entschied. In dem größeren Wirkungskreise konnte er seine unverdrossene Arbeits- und frische Thatkrast in reicherem Maße entfalten. Auch hier war ihm die Schule das unermüdlich gehegte Arbeitsfeld, sowie die Kanzel die Lieblingsstätte, von der er mannhaft Gottes Lehre und Wort verkündete. Zahlreiche Vorträge wissenschaftlicher Art, in leichtfaßliche Formen gekleidet, erhielten den Sinn und das Interesse der Gemeinde füv die jüdische Vergangenheit und deren Geistesschöpfungen wach, tief eindringende literarhistorische Untersuchungen über die Literatur des Midrasch und Halacha, die er unausgesetzt betrieb, reiften eine große Reihe von Auffätzen, die zumeist in der von ihm meisterhaft gehandhabten hebräischen Sprache in Zeitschriften nnd Lehrbüchern veröffentlicht wurden. Es ist hier nicht der Ort, ein Verzeichniß dieser vielen, sehr zerstreuten, zum Theil in Ruffisch-Polen erschienenen Arbeiten anzulegen, was gewiß von Seiten eines tüchtigen Bibliographen geschehen wird, und sei hier blos noch bemerkt, daß die in Weiß' Bet Talmud erschienene große Abhandlung über die Abfassung der Mischna auch in Buchform erschienen ist. Mitten in diesem schaffensfreudigen, arbeitsftohen Dasein befiel den glaubensstarken, charakterfesten Mann ein schmerzliches Leiden, das aber nichts über seine Pflichttreue vermochte, der nur die kalte Hand des Todes für immer ein Halt gebot. Am 11. Feber l. I. trat er, begleitet von der treuen, aufopfernden Gattin und seiner Tochter Jda, deren zartsinniges Erzählertalent die Leser dieser Blätter bereits kennen gelernt, die schwere Reise nach Berlin an, wo ihm die Genesung winken sollte, statt dessen aber ein trauriges Geschick ereilte, nachdem ihn die Kunst des Operateurs für gerettet gehalten. Wiewohl dem Verblichenen in Berlin ein ehrendes Begräbniß bereitet worden wäre, entschloß sich die Familie auf Betreiben des Thorner Vorstandes dafür, daß der Leichnam dahin überführt und da zur Erde bestattet werde. Die Beerdigung fand der dazwischen liegenden Festtage wegen erst am Freitag den 1. Mai statt und gestaltete sich zu einer Todtenfeier, die ein beredtes Zeugniß der innigen Liebe und hohen Verehrung bildete, welche die Gemeinde wie die entferntesten Kreise dem Dahingeschiedenen gezollt. Nicht blos die ganze jüdische Gemeinde hatte sich versammelt, um ihrem Seelenhirten das letzte Geleite zu geben, auch die städtischen Notabilitäten, der Lehrkörper des Gymnasiums mit dem Director, Offiziere u. s. w. hatten sich eingefunden, um dem Betrauerten die letzte Ehre zu erweisen. Von der Ferne waren auf den Wunsch des Vorstandes herbeigeeilt: Die Rabbiner Dr Klemperer aus Bromberg und Dr. Rosenstein aus Graudenz. ferner im Aufträge des Rabbinerverbandes Dr. Werner aus Danzig. Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentanz trugen den Sarg in den schwarz drapirten Tempel, wo er unter Palmen auf der Estrade vor der Lade aufgestellt wurde Nachdem die elegischen Töne eines vom Männerchore vorgetragenen Psalms verklungen waren, nahm der Sohn des Verstorbenen, Dr. Berthold Oppenheim, das Wort, um seinem Schmerze und seiner Klage ergreifenden Ausdruck zu verleihen. Es war wie ein letzter Sonnenstrahl, der in das brechende Auge des Sterbenden fiel, als er von dem Beifall hörte, den sein Sohn mit den Festpredigten an den ersten Passahtagen auf der Kanzel des Vaters errungen. Bier Tage später betrat jener dieselbe Kanzel, vor sich den Sarg mit der sterblichen Hülle des geliebten Vaters, um mit thränenerstickter Stimme dem Vater nachzurufen, was er selbst, was seine Familie, was die Gemeinde, das Judenthum, die Wissenschaft an ihm verloren, wie er gelebt uud geschafft, gestritten und gekämpft für Recht und Wahrheit, für Glauben und Liebe, für Licht und Erkenntniß. Der Eindruck dieser aus den Tiefen eines vollen Herzens dringenden Rede war ein erschütternder und es ttaf sich gut, daß die ruhiger gehaltene, formvollendete Sargrede des Dr. Klemperer, die darauf folgte und eine geistvolle Charakteristik der Fähigkeiten und Tugenden des Betrauerten lieferte, sänstigend auf die Gemüther einwirtte. Ein Trauerchoral schloß die Feier in der Synagoge, während in der Friedhofshalle zunächst Dr. Werner, Rabbiner in Danzig, einen von warmer Freundschaft und inniger Verehrung dicttrten, ergreifenden Nachruf hielt und sodann noch Dr. Rosenstein am Grabe an der Hand von rabbinischen Kernsprüchen ansprechende Worte des Lobes uud des Trostes fand, und schließlich Dr. Oppenheim aus Brünn, der Neffe des Verewigten, von dessen Manen rührenden Abschied nahm. Es war ein tief ergreifender Moment, als die Mitglieder der Familie und des Vorstandes auf des allzufrüh Entrissenen Sarg die Erdschollen rollen ließen und in Jedermanns Auge stand zu lesen: Wir haben der Edelsten und Besten einen begraben, uns hat ein schwerer Verlust betroffen. Die Nähe des Festes, wie des Sabbaths anderseits waren Schuld daran, daß viele Collegen und Verehrer des Verewigten nicht im Stande waren, zur Beerdigung zu erscheinen. Dafür beabsichtigt der Vorstand demnächst eine besondere Trauerfeier zu veranstalten, wobei andere Rabbiner aus der Provinz die Trauerreden halten werden. Die Zahl der Beileidsbezeugungen, die aus allen Richtungen der Windrose einlangten, war Legion. Oppenheims literarische Thätigkeit hatte eine segensreiche Bedeutung für Kreise, deren Bildung weitab von der wissenschaftlichen Richtung bisher lag, für Polen und Rußland und gelang cs ihm durch seine Arbeiten, die jeder aufklärerischen Tendenz entbehrten, die Geister unvermerkt auf die Bahnen literarisch-kritischer Forschung zu leiten, hierin ein Schüler seines berühmten Schwagers I. H. Weiß. Sein Andenken wird daher auch in fernen Landen erhalten bleiben und mit Fug und Recht gilt auch von ihm der alte Satz: „Man errichtet den Frommen keine Monumente — ihre Thaten sind ihre besten Denkmale." Sein Andenken sei gesegnet, wie es sein Wirken war. Oesterreichisch-israelitische U«io«. Samstag den 9. Mai d. I. hielt dieser Verein die erste Vereinsversammlung nach der diesjährigen Generalversammlung in den neuen Localitäten des Restaurant Khuner ab. Nach Begrüßung der zahlreich erschienenen Mitglieder durch den Vorsitzenden, ergriff Vicepräsident Dr. Marcus S p iH e r das Wort, und zeichnete in flüchtigen Zügen den Rahmen innerhalb dessen sich die Erörterung der politischen Tagesfragen zu bewegen haben werde. Redner bespricht sohin in eingehender Weise die letzten Gemeinderathswahlen, deren erfreulicher Ausgang zum großen Theile der Pflichttreue der jüdischen Wähler zu danken sei. Die eigentliche Bedeutung des erfochtenen Sieges liege in der gewonnenen Erkeuntniß, daß das Gift des Antisemittsmus noch nicht in den Organismus eingedrungen sei, vielmehr als eiu demselben fremder Stoff nach und nach ausgeschieden werden könne.

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