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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-22 · 20 (22.5.1891) · p. Seite 365

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
20 (22.5.1891)
Date
1891-05-22
Page
Seite 365 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Hesterreichifche Wochmfchrift Seite 365 sächlich nur eine neue Etappe auf dem Leidenspfade der russischen Juden. Wie es ausfällt, wenn „Väterchen" seine Fürsorge den Juden zuwendet, dafür haben wir ein klassisches Zeugniß in dem Berichte des Fürsten Demidoff San Donato, welchen derselbe Über die Judenfrage in Rußland im Jahre 1883 auf Grund authentischer Documente erstattete. Wir geben denselben hiemit nach dem Auszuge, welcher in dem von uns bereits angezeigten Buche „Les Juifs de Russie" erschienen ist: „Die Regierung unterließ es nicht, daran zu denken, die Juden zum Ackerbau zu ermuthigen. Im Jahre 1804 wies dieselbe in Gemäßheit des Reglements vom selben Jahre 30.000 Dessiatinen Landes (1 Dessiatine -- 109 25 Ar) zu diesem Zwecke in Neu-Rußland an, und im Jahre 1810 wurden mehr als 3640 Personen beiderlei Geschlechtes auf ihr eigenes Verlangen in diese Ländereien im Gouvernement Kherson transportirt. Neue Transporte jüdischer Colonisten in diese Gegenden fanden im Jahre 1822 und die folgenden Jahre bis zum Jahre 1860 statt. Versuche gleicher Art wurden in Sibirien gemacht. Im Jahre 1836 wies man daselbst den Jueen 15154 Dessiatinen Landes im Gouvernement Tomsk und in der Provinz von Omsk an und brachte 1317 Personen dahin. Im folgenden Jahre bestimmte die Regierung überdies noch 13.363 Dessiatinen Landes in der Provinz Omsk für Juden, welche sich freiwillig dahin begeben wollten; aber als die Colonisten bereits unterwegs waren, kam plötzlich die Ordre, Alles zu suspendiren, sie umkehren zu heißen und in die Colonien des Gouvernement von Kherson zu transportiren, da die Niederlassung von Juden in Sibirien von nun ab vollständig verboten wurde. Diese Colonisaüonsversuche sind nicht geglückt und unter den Bedingungen, unter denen sie erfolgten, war ihr Gelingen unmöglich. Statt die Juden vor Allem auf Ländereien anzusiedeln, welche nahe bei ihrem Domicile lagen, transporttrte man sie sehr weit in Provinzen, deren Klima ein anderes war und wo Krankheiten sie decimirten. Den ärmsten Classen angehörig und durch ihre und ihrer Vorfahren Leiden mit körperlichen Elend behaftet, geschwächt durch die langwierige Reise, wo ihnen weder Entbehrungen noch schlechte Behandlung gefehlt hatte, unbekannt mit den einfachsten Handgriffen des Ackerbaues, kamen dieselben in wüste Gegenden auf einen noch unbebauten Bodenl schlechtesterQualität, welchen nur geübte Hände urbar machen konnten. Das Klima dieser Gegend war äußerst rauh, und in der ersten Zeit hatten sie weder Häuser noch Wirtschastsutensilien noch Ackerbaugeräthe. Die Sterblichkeit unter ihnen war sehr groß, die Ernten schlecht. Die Verantwortung für den Mißerfolg fällt auch zum größten Theile auf die Beamten, welche mit der Leitung betraut waren. Die Regierung sicherte den Colonisten 175 Rubel für die Familie zu. Ein Reglement bestimmte jedoch, daß sie nur 30 Rubel auf die Hand bekommen sollten und daß die Administration ihnen für den Rest Häuser erbauen und Ackergeräthe kaufen werde. „Aber die Häuser und die beigestellten Utensilien waren nichts wert". Im Laufe des Jahres 1846 wollte man im Gouvernement von Jekatarinoslaw 185 jüdische Familien aus Vitebsk ansiedeln, aber am 18. December war kein einziges Gebäude, welches die Colonisten bewohnen sollten, fertig gestellt und das war am 18. Februar 1847 noch nicht der Fall. Die Wohnungen, welche man ihnen schließlich gab, waren zu klein, zu niedrig, ein Mann mittlerer Größe konnte nicht einmal auftecht darin stehen. Da dieselben mitten im Winter bei einer Kälte von 22 Grad in feuchtem und niederem Grunde, ohne Fundament erbaut waren so mußten sie bei der ersten Hitze zu Ruinien zusammenfallen und bei dem geringsten Winde einstürzen. „Die Colonisten litten unter großen Uebelständen, welche durch Kälte und Feuchtigkeit verursacht waren; der Skorbut tauchte unter ihnen auf. Bald waren 83 Häuser nichts mehr als Lattengerüste und stürtzten in einem Zeittaum von 29 Tagen zusammen; in 18 anderen Häusern fielen die Rauchfänge ein, in 4 brachen die Balken; in 3 fielen die Dächer und Plafonds in Trümmer und Wind und Schnee hatten fteienZutritt". Die jüdischen Colonisten welche sich entschlossen hatten, nach Sibirien zu gehen, wurden von den Beamten, die beauftragt waren, sie zu escortiren, grausam maltraitirt und erhielten bei ihrer Ankunft an ihrem Bestimmungsorte weder Getreide noch Arbeitsvieh, das ihnen versprochen wurde. Erschöpft durch die Strapazen und Entbehrungen der Reise starben sie in großer Zahl dahin". Soweit der Bericht des Fürsten Demidoff. Er liest sich wie die Blätter aus den erschütternden Berichten George Kennans über Sibirien, und dabei waren diese Juden doch keine Sttäflinge! Heute, wo in Rußland die Beamtencorruptton noch ebenso blüht wie vor 50 Jahren, würde das Schicksal jüdischer Colonisten in Sibirien nicht um ein Haar besser sein. Dr. Joachim Oppenheim, Rabbiner in Thorn, geb. 30. September 1832, gest. 27. April 1891. In der Nacht vom 27. zum 28. April d. I. hat ein Mann im jüdischen Krankenhause zu Berlin seine ftomme Seele ausgehaucht, der zu den angesehensten Vertretern des Rabbinerstandes in Oesterreich und Deutschland zählte. — Dr. Joachim Oppenheim, Rabbiner in Thorn, erlag, nachdem er zwölf Wochen auf dem Schmerzenslager gelitten und in Gottergebenheit ertragen hatte, einem schweren inneren Leiden. Er hinterließ eine tief gebeugte Witwe, zwei hoffnungsvolle Kinder, eine ihm in Verehrung ergebene Gemeinde. Dr. Oppenheim ist ein Sohn Oesterreichs und erblickte am 30. September 1832 das Licht der Welt. Er war der jüngste Sohn des berühmten Rabbi Beer Oppenheim in Eibenschitz, der zu den letzten und geehrtesten Repräsentanten der alten Schule des pilpulistischen Talmudstudiums gehörte, gleichwohl aber schon vom freieren Geffte der Biuristen-Schule berührt, auch sinngemäße Bibelerklärung und Grammatik betrieb, in diesem Geiste seine Schüler und vornehmlich seine eigenen Söhne unterwies und selbst die Pflege der allgemeinen und elastischen Studien bei diesen nicht mißbilligte. Sein ältester Sohn David, der zum Betriebe wissenschaftlicher Studien nach Prag ging, wurde ein gelehrter Rabbiner, dessen Forschungen noch heute bei Fachmännern in hohem Ansehen stehen. Der jüngste Sohn wurde vom Vater in die tiesen Schachte der talmudisch-rabbinischen Literatur eingeführt und erwarb sich darin eine Vertrautheit, wie sie bei den jüngeren bildungsbeflissenen Rabbinern dieser Länder nicht mehr alltäglich war. So ausgerüstet konnte der junge Candidat daran gehen, die obersten Klassen des Gymnasiums in Brünn öffentlich zu absolviren und sodann die Universität zu beziehen, wo er neben dem Talmud und der jüdischen Theologie den philosophischen Studien mit allem Eifer oblag. Nach Erlangung der philosophischen Doktorwürde von der Universität Wien erhielt er die rabbinische Autorisation vom Wiener Rabbiner Lazar Horovitz und vom mährischen Landesrabbiner Abraham Placzek, die beide den hohen Grad seiner rabbinischen Kenntnisse wie seiner scharfsinnigen Casuistik mit dem wärmsten Lobe bezeugten. Als sein Bruder David, Rabbiner zu Jamnitz in Mähren, im I. 1857 nach Groß-Becskerek in Ungarn berufen wurde, erwählte ihn die Gemeinde Jamnitz sofort zu ihrem religiösen Oberhaupte, wo er bis zu dem im Dezember 1859 erfolgten Hinscheiden seines Vaters verblieb. Damals nämlich

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