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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-22 · 20 (22.5.1891) · p. Seite 364

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
20 (22.5.1891)
Date
1891-05-22
Page
Seite 364 (sequence 2)
Language
German
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Hesterrelchifche Wochenschrift Nr. 20 Seite 364 der« ihres Hebens, von jenen kleinen Erdwohnungen, wo sie ihre Lieblinge zur ewigen Ruhe gebettet haben. Sie hatten noch den Trost, daß sie von Zeit zu Zett hinaus giengen, zu den Stätten des Friedens, wo sie mit ihren Thränen die Hügel benetzten, unter denen die Hüllen chrer Lieblinge ruhen. Nun sind es Thränen wilden Schmerzes, die sie daselbst vergießen, denn sie sollen für immer von diesen Stätten Abschiü» nehmen, die nun ein Raub der Verwüstung werden sollen. Selig sind die Kleinen da unten, denn sie werden es nimmer erfahren, wie grausam und unmenschlich die Menschen sein können. Doch — ich wU hier nicht all diese Szenen des Jammers schildern, denn die Menschen verweilen nicht gerne bei solchem Anblick, wenn sie selber nicht von dem Unglücke betroffen wurden. Aber ich frage nun — wofür das Alles? Was haben diese Menschen verschuldet, daß man solches Elend über sie verhängt? Ich muß hier beifügen, daß es sich hier um keine Palliativmaßregel der Regierung handelt, welche etwa den einen Bruchtheil der Bevölkerung gegen die Ausbeutung durch einen anderen schützen wollte, denn es handelt sich hier, wie gesagt, um Handwerker, welche chre Arbeit zum Nutzen der Gesellschaft leisten und welche auch viele christliche Arbeiter in ihren Werkstätten beschäftigten, die nun brodlos werden. Auch der Einwand, daß unter diesen Handwerkern viele verkappte Kaufleute und Händler sich befänden, ist nicht stichhalttg für eine solche Maßregel. Die Moskauer Kaufmannschaft hat offen erklärt, daß die jüdischen Com - mifsiouäre dem russischen Handel wett eher zum Nutzen als zum Schaden gereichen. Dieses ist erklärlich, da das Moskauer Gouvernement hauptsächlich ein Fabrikgebiet ist, der Producent aber zu bequem ist, um den Verschleiß seiner Produkte sich selber angelegen sein zu laffen. Dieses besorgt der jüdische Eommissionär für eine geringe Provision, und aus diesem Grunde ist der jüdische Zwischenhändler für den Moskauer Handel ein wichtiger Faktor. So ist auch diese Verfolgung keine Maßregel der Regierung im Jntereffe des Handels und des Gewerbes. Was bedeutet auch die Regierung in einem Lande, wo ein autokrattscher Wille allein herrscht? Und dieser Eine — ich sage das Geheimmß hier offen heraus — ist die Quelle allen Elends, das hier sett Jahren über Millionen Menschen verhängt wird. Was aber haben die Juden diesem Mächttgen gethan, daß er sie so peinigt? Als vor zwei Jahren der Czar bei Borki so wunderbar gerettet wurde, da waren die Juden nicht die letzten, welche chre oyalität öffentlich bekundeten. In allen Synagogen wurden Dankgebete gehalten, Thorarollen wurden aus diesem Anlaß besonders geschrieben, prachtvolle Vorhänge zur hettigen Lade mit kaiserlichen Emblemen und dem denkwürdigen Datum wurden angeferttgt und dem Herrscher vorgelegt, und viele wohlchätige Anstalten, welche diesen Tag verewigen sollten, wurden ins Leben gerufen. Waren das nicht rührende Beweise von Treue, welche den Sinn hätten erweichen müffen? Freilich, durch einen Umstand Haben die Juden hier den Unwillen des Herrschers erregt — sie haben durch die Verfolgungen, die sie hier feit Jahren erleiden, das Mitleid Europas herausgefordert, und in England war es, wo die Besten des Volkes zusammentrateu, um in einer demüthigen Bitte den Alleinherrscher um Gnade für die Unterdrückten anzuflehen. Als einzige Antwort auf diese Bittschrift erfolgte das schreckliche Dekret, welches die Vertreibung, sämmtlicher jüdischer Handwerker aus Moskau anorduet. Durch diese Maßregel und durch viele andere Berfolgungseditte der letzte» Zeit werden hier Millionen Menschen gequält und gemartert, ohne daß diesen Unglücklichen ein posittves Verbrechen zur Last gelegt werden kann *). *) Wie weit die Rohheit gewisser kulttvirter Kreise gehen kann, davon hier nur ein Beispiel. Während das russische Volk vom Herzen brav ist, und nirgends den mitlebenden Juden ttänkt oder schädiqt, ist es hier zu Lande eine Schandpreffe, welche die Gemüther des Volkes sett Jahren gegen die Inden aufhetzt. Bor allen Blättern zeichnet sich in diesem Bestreben die Nowoje Wremia aus, deren Gebühren verdient vor Europa an den Pranger gestellt zu werden. Ungerührt von der Noch und dem Elend, das jetzt über die Juden in Moskau hereingebrochen ist, wagt dieses Blatt noch die Unglücklichen zu verspotten, und in der Nummer vom 5. d. ruft sie den Juden zu, daß sie jetzt von Rußland ausgewiesen werden, daß Europa und Amerika sie nicht aufuehmen wolle, daß chuen nichts übrig bleibe, als in die Erde zu versinken. . . . Würde es diesem Blatte nicht weit eher anstehen, unter denKamnbalen zu erscheinen, als in den Hofkreisen gelesen zu werden? Soll dieses weiter so fortgehen, wird das gebildete Europa diesem Schauspiele auch ferner gleichgültig zusehen, wie Millionen Menschen schlimmer wie die wilden Thiere täglich gehetzt werden? Ist denn das Mitleid aus dem Herzen gewichen, sind die Stirnen gegen die Schamröthe gehärtet, ist denn der letzte Funke des Erbarmens in der Brust erloschen? Wir verlangen durchaus nicht, daß Europa wegen einiger Millionen Juden einen Krieg mit Rußland unternehme, obschon die europäischen Staaten wegen weit geringfügigerer Dinge, z. B. wegen Abttetung einer Stadt an Montenegro, ihre See- und Landmacht mobil machten. Nein, wir verlangen kein kriegerisches Vorgehen gegen Rußland, denn die Juden sind hier mit Leib und Seele Russen, und würden einer solche Invasion in erster Reihe entgegentreten. Aber wir verlangen, daß die Völker Europa's ihr ganzes moralisches Gewicht für die Verfolgten in die Wagschale werfen, wir verlangen einen passiven Protest aller Gebildeten gegen dieses Verfahren. Die Aufgabe ist unblutig und leicht durchzuführen. Wenn der Czar in diesem Sommer das Ausland wieder besucht, soll in allen Straßen, wo er sich zeigt, eine Todtensiille herrschen, soll kein Flaggenschmuck von den Häusern wehen, und statt jeder anderen Illumination sollen nur die beiden Worte in Flammenschrist erscheinen: Gerechtigkeit, Erbarmen . . . . Eine solche Demonstration ist unschuldig, und könnte vielleicht auf das Herz des gewaltigen Herrschers wirken, daß er seinem Sinn der Liebe und dem Mitleid wieder zuwende. So könnten vielleicht die Thränen von Millionen gettocknet und ihnen wieder ein menschenwürdiges Dasein zu Theil werden — ist das nicht einer That werth? Jüdische Ackerba»rolo«ie« i« Sibirien. Noch stehen wir unter dem erschütternden Eindrücke der Nachrichten über die grausame Vertreibung der Inden aus Moskau und Kiew; noch wissen wir nicht, ob jene Nachricht, daß die Behörden die Durchführung der Ausweisungsordre in Moskau plötzlich sistirt haben, sich bewahrheitet, und bereits kommt eine neue Nachricht, welche schon deshalb Staunen erregt, weil dieselbe mit den bisherigen Tendenzen der russischen Regierung im Widerspruche zu sein scheint. Dem „XIX. Siede“ wird aus St. Petersburg telegraphirt, der Minister des Innern arbeite ein Project aus, wonach 2 Millionen polnische Inden in Sibirien angesiedelt werden sollen, wo die Regierung ihnen umfangreiche Landstrecken zur Bearbeitung überlassen will. Während also auf der einen Seite die Inden aus dein größten Theile des russischen Reiches ausgetrieben und in, den sogenannten Ansiedlungsrayon zurückgedrängt werden beabsichtigt die Regierung anderseits aus eben diesem letztere" Gebiete einen großen Theil der Einwohner zu expatriire" und nach Sibirien zu schicken. Fast sieht dies aus, als ob die Regierung selbst zur Erkenntniß gekommen wäre, daß die llebelstände in dem Ansiedlungsrayon eine radicale Abhilfe erheischen. Das sogenannte jüdische Territorium besteht aus den 10 Weichselprovinzen des ehemaligen Polens, ferner aus 15 Provinzen Klein-Rußlands und den baltischen Provinzen. In allen diesen Gebieten dürfen sich die Inden nur in den Städten aufhalten. Derartige Vevölkerungscentren sind aber sehr spärlich, da selbst sehr große Orte mit 100.000 Einwohnern auf den Titel, „Stadt" verzichten, damit sich daselbst keine Inden niederlassen können. Ueberdies ist den Inden verboten, sich in einer Entfernung von 50 Werst von der preußischen und österreichischen Grenze Niederzulassen, so daß sie in diesem Ansiedlungsrayon bereits derzeit eingepfercht sind und ihnen alle Bedingungen' des Fortkommens mangeln. Eine Ansiedlung derselben in Ackerbaucolonien wäre für dieselben somit eine wahre Wohlthat. Aber diese Nachricht, so sehr dieselbe im ersten Augenblick sich wie ein Sonnenstrahl im Düster des Unglücks änsieht, sie bedeutet bei näherer Betrachtung that-

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