Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 20 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 363 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 20 Mirn. 22. Mai18t»t Centralorgan für die grsammten Interessen des Indenthnms. K. k. Postsparcassenamt Clearingverkehr 9hr.810.976 Redaction und Administration: Wien, 1-, Rothenthurmstraße 39. -#- Eigentümer: Reichsraths-Abgeordneter Dr* Bloch. Erscheint jeden Freitag. -- —-- IS .-|| II Man abonntrt bei allen Poftaustalten des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 35 kr. Anzeigen: Die 4mat ge- I spaltene Petitzeile 13 kr. |g -(g! Inhalt: Leitartikel: Ein Schmerzensruf aus Moskau. Jüdische Ackerbaucolonien in Sibirien. Dr. Joachim Oppenheim. Oestsrreichischisraelitische Union. — Corresp ondenzen: Wien. Preßburg. Budapest. Brünn. Kolomea. Zistersdorf. Wessely a. d. March. Vermischtes. Notizen. Famileublatt. Inserate. An nnsere Leser! Des Setzer-Strikes halber sehen wir uns genöthigt, unsere Zeitschrift in einigermaßen reducirtem Umfange und mit nicht ganz vollständigem Inhalte erscheinen zu lasten. Wir hoffen daß dieser Uebelstand nur von kurzer Dauer sein wird, und appelliren einstweilen an die Nachficht unserer Leser. Die Redäction. Gin Schmerzensruf ans Moskau. Wir veröffentlichen im Nachstehenden ein an uns gerichtetes Schreiben aus Moskau, in welchem die unsäglichen Leiden, von unseren der Ausweisung betroffenen Glaubensbrüder unterworfen sind, in ergreifender Weise geschildert werden. Durch die ganze civilisirte Welt zittert ein einziger Schrei der Entrüstung über die barbarischen Verfolgungen der russischen Juden. Mit raffinirter Grausamkeit vollziehen die russischen Behörden die Ausweisungsbefehle. Nicht allein, daß Tausende ehrlicher und fleißiger Handwerker von Haus und Hof vertrieben werden, so sind sie auch noch die Opfer des schamlosesten Eigennutzes, der in der russischen Beamtenschaft herrscht, und werden um ihre geringe Habe, um ihren armseligen Hausrath betrogen. Es ist unnöthig, den nachfolgenden Zeilen noch ein Wort der Erklärung beizufügen, die schlichten Worte unseres Gewährsmannes sagen mehr als genug. Der Brief lautet: Moskau, im Mai 1891. „Du Stamm, mit irrem Fuß und wunder Brust, Wann wirst du eingehn in der Ruhe Lust? Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimat — Juda nur die Gruft " Die Hand zittert mir, und mein Denken verwirrt sich, da ich daran gehe, diese Zeilen zu schreiben. Kann man objectiv bleiben im Anblick solchen Jammers? Und kein Hoffnungsstrahl in diesem Dunkel, wo uns selbst der Glaube entschwindet — der Glaube an die Barm- * Herzigkeit der Menschen. Der Winter war in diesem Jahre so hart gewesen, die Natur verfuhr gegen die Menschen so stiefmütterlich, aber sie legte zuletzt die Hand liebend auf die Wunde und von ihrem milden Hauch erquickt, hätten wir bald der Härte des Winters vergessen. Die Menschen feierten Dankesfeste für das Gnadengeschenk des Frühlings, in verschiedenen Tempeln priesen sie, jeder in seiner Weise, den Einen Vater für seine unendliche Huld. Und es wäre so schön gewesen — wenn nur die Menschen nicht wären, die Menschen mit ihren Glaubenssachen, welche den Vater an den Kindern rächen wollen, weil sie nicht alle in einer Weise — in ihrer Weise — Ihm dienen wollen. Wer an diesen Fanatismus, an die Möglichkeit des Glaubenswahns im neunzehnten Jahrhundert nicht glauben will, der blicke nur nach Orten, wo diesem Fanalismus täglich Hekatomben von Menschenopfern gebracht werden. Seit zwei Wochen werden in Moskau Hunderte von Existenzen täglich gemordet, Hunderte von Familien an den Bettelstab gebracht und in Elend und Verbannung hinausgestoßeu. Seit dem ersten Tage des Paffahfestes ziehen diese Unglücklichen in den Straßen der Kremlstadt umher, wehklagend und das Haar sich raufend, die Männer blicken mit Verzweiflung im Herzen auf ihre Frauen, und die Mütter drücken voll Erbarmen die Kinder an die Brust, denn sie wissen nicht, woher sie am nächsten Tage Brod nehmen werden, um ihren Hunger zu stillen. Diese Tausende von Menschen waren gestern noch im Wohlstände, denn sie hatten seit Jahren gearbeitet, und im harten Kampfe ums Dasein sich ein Heim gegründet. Ueber Nacht sind sie nun um ihren Erwerb, um ihr mühevoll Errungenes gebracht, sind 30 Ovl friedlich arbeitende Menschen zu Bettlern gemacht worden. Ja, Menschen, welche von ihrer Hände Arbeit lebten, denn speciell Handwerker sind es, welche von diesem Unglück betroffen wurden. Dieses Unglück hat nicht die Natur verschuldet, sondern Menschen, Menschen von Fleisch und Blut, Menschen die Gott hingestellt hat, um Millionen zu Glück und Frieden zu führen, und die nun ihr ganzes Trachten darein setzen, unsägliches Elend auszusäen. Keiner, der nicht Augenzeuge war, Kinn sich von diesem Jammer einen Begriff machen. Mit einem einzigen Federstrich wurde ein Dekret unterzeichnet, wonach alle jüdischen Handwerker Moskau's mit Weib und Kind, ca. 30.000 Menschen, binnen 4 Wochen die Stadt und das Gouvernement verlaffen sollen. Da stehen sie nun, diese Unglücklichen, und wissen nicht, was nun beginnen, wohin sie ihren Fuß setzen sollen. Keiner, wie der Handwerker, weiß es, wie schwer es ankommt, in jahrelanger Arbeit sich Stück für Stück erwerbend, ein Ameublement zusammenzubringen. Was sollen sie mit ihren Habseligkeiten nun anfangen? Mitnehmen — wohin? Es bleibt ihnen nur Eines, die Sachen zu verkaufen, aber da beginnt eine neue Marter. Für Möbelstücke, welche zehn Rubel gekostet, bietet man ihnen einen, für andere die mit drei Rubel gekauft wurden — 35 Kopeken. Manche haben es durch jahrelange Arbeit zum Wohlstand gebracht und besitzen Klavierintzrumente, die mehrere Hundert Rubel gekostet, für die man ihnen nun 30—30 Rubel offerirt. Und die Käufer sind gar nicht eilig, denn sie rechnen, daß ihnen diese Sachen in Kurzem ohnedies in die Hände fallen werden. Man sieht daher täglich diese Unglücklichen ihr schwererworbenes Eigenthum zerhacken und verbrennen, um es nicht dem schadenfrohen Pöbel als Beute zu überlaffen. Weit schwerer als von chrem Besitze und von ihren Häusern wird diesen Unglücklichen der Abschied von den anderen theueren Pfau-