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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-15 · 19 (15.5.1891) · p. Seite 360

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
19 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
Seite 360 (sequence 14)
Language
German
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Seite 360 Hesterreichische HZochenschrifL Nr. 19 eine große Anzahl von Ernennungen und Dccorationen, unter welchen sich folgende Glaubensgenossen befinden: der practische Arzt Max Weil-Karlsruhe wurde zum Mcdizinalrath ernannt; das Ritterkreuz I. Clasie vom Zähringer Löwen erhielten: Bezirksrabbincr Dr. Löwenstein-Mosbach, der Bankier und Eonsul Albert Haas, der Verlagsbuchhändler und Conful Josef Bielefeld, beide in Karlsruhe, der Regierungsrath beim Verwaltnngshof Dr. David Hugo Mayer, der Kaufmann Samuel Jonas Darinstener, Vicepräsident der Handelskammer in Mannheim, der Stadlrath Leop. Reumann in Frciburg; das Verdienstkreuz vom Zähringer Löwen: Abraham Schloß, Bczirksältcsicr in Tailberbifchofsheim. Ferner wird gemelder, daß Referendar Dr. Kahn aus Mannheim zum Amtsrichter in Breiten und der Lehramtspractikus Dr. Max Bodenheimcr dem Gymnasium zu Rastatt zugcwicscn wurde. Mern. Im Züricher „Nebelspalter" Nr. 19 lese ich: „Der richtige Antisemitismus. Ter Bauer Rudi hat sich durch schlechte Wirrhschaft in Schulden gestürzt. Sein Gläubiger ist der Bankier Aronsohn, der ihm acht Prozent Zinsen abnimmt, aber zu drängen und bei unregelmäßiger Zinszahlung zu chikaniren pflegt. Die Schuldscheine ivcrdcn aber von Müller, einem wülhenden Antisemiten, ausgekaust. Dieser beginnt sofort damit, die Zinsen auf zehn Prozent zil erhöhen und pünktliche Bezahlung sämmtlicher R'estbestände zll fordern. „C weh", seufzt Rudi, „warum haben Sie nicht die Scheine bei Aronsohn gelassen V‘ „Weßhalb? 9!ur Ihretwegen. Ich wollte Sie atls den Händen dieses wucherischen Juden befreien". London. Reuters Telcgr. aus St. Petersburg ineldct: Es wird berichtet, daß die Administ ra t ionsb e- Hörden die Vertreibung der I u d e n au s M o s ka u plötzlich eingestell 1 haben. Tondo«. Der große Bazar, welcher zil Guitsten des Baufondes für die Hampstead Synagoge und Schule abgehalten wurde, hatte einen in jeder Beziehung glänzenden Erfolg. Die weiten Räume von Pornnan Rooms ivaren nach den Zeichnungen erster Künstler in eine Strasse des alten Jerusalems umgewandelt worden, in welcher in 22 Berkaufsständen junge Damen aus den ersten jüdischen Familien als Verkäuferinnen lhätig waren. Sämmiliche Bazardamen waren in reichen orientalischen Costümen erschienen, was dem Gesammtbilde einen besonderen Reiz verlieh. Der Bazar wurde von der Protectorin Lady Rothschild eröffnet und war bereits am ersten Tage lebhaft besucht. Doch stieg die Zahl der Besucher am zweiten Tage bedeutend, und zwar auf 3278 Personen. Die Einnahmen bei den Verkanfsständen beliefen sich am ersten Tage auf 890 Pfund, am zweiten und dritten Tage je auf 1000 Pfund. Unter Hinzurechnung der Eintrittsgelder wird somit dem Baufonde eine ganz erkleckliche Summe zugeführt werden. Waris. Das Mitglied des Pariser Consistoriums Mr. Alphonse Bloch, bisher Generaladvocat beim Pariser Gerichtshöfe, wurde zum Senatspräsidenten bei demselben Gerichte ernannt. M. Beaucaire, Rath der Präfectur von Aisne, wurde in gleicher Eigenschaft nach Oise versetzt. M. Lion, Unterpräfect von Caulommiers, kam in gleicher Eigenschaft zur Unterpräfectur von Pontivy und Al. Salvador, Unterpräfect von Montbrison (Loire), wurde zum Unterpräfcctcn von Graste (Alpes-Maritimes) ernannt. M. Salvador, Präsident des Gerichtshofes voit Ceulommiers, wurde zum Gerichtspräsidenten für Melien ernannt. Meuseelattd. Der Senat der Universität von Neuseeland hat in seiner Sitzung vom 6. März den Dr. Louis E. Barnett zum Professor für Chirurgie und Anatomie ernannt. Dr. Barneit, ein Enkel des verstorbenen Mr. Michael Joshua von St. John's Wood London, war einer der besten Studenten seines Jahrganges in Edinburg und ist Mitglied des königl. Chirtlrgen-Collegiums von England. Er ist erst 26 Jahre alt und nimmt bereits eine Stellung ein, welche ihn unter die ersten Mediciner des Landes reiht. St. Wetersbnrg. Der Polizeipräfect Geiteral Graeffer hat umfassende Maßregeln getroffen, um zu verhindern, daß die aus Moskau vertriebenen Handwerker nach Petersburg kommen. Polizei und Geheimagenten sind strengstens angewiesen jüdische Flüchtlinge, welche aus Moskau kommen, gefangen zu nehmen unb sie zu Fuß in die südlichen Districtc des jüdischen Ansiedlungsrayones zu transportiren. Die Polizei von Moskau wurde angewiesen, bei Ausstellung von Pässen, den Juden speeiell einzuschärsen, daß ihnen der Aufenthalt in Moskau und St. Petersburg ausdrücklich untersagt sei. Jamilienblcltt. Kirre ketzerische Liebe. Unter den armen Familien der jüdischen Gemeinde K. in Kroatien ivar die des Schul- und Tempeldieners die ärmste und mit den zahlreichsten Kindern gesegnete. Der arme Mann mußte mit Weib und sieben Kindern von einer Wohnung in die andere wandern, überall waren den Leuten die Kinder zu viel — ivas Wunder, daß sie ihm selbst auch zu viel ivurden. > Endlich fand er ein Asyl in einem kleinen Häuschen am Ende des Marktsteckens, hart an dem Dominikaner-Kloster. Hier ließ man ihn ungeschoren. Der große Gemüse- und Obstgarten des Klosters, an welchen sich der kleine Part, wo die Mönche spazieren zu gehen pflegten, anschloß, trennte das Häuschen der Judenfamilie von dem Kloster. In dem verwahrlosten Gärtchen des Tempeldieners spielten dessen Kinder und lauschten oft andächtig den Gesängen der Klosterbrüder oder lugten neugierig durch ben Zaun auf das Gcbahren des Pater Guardian, eines ehrwürdigen Greises von über siebzig Jahren mit menschenfreundlichen Blick und von inponirender Gestalt, der sich viel im Obstgarten aufhielt und dessen Aufmerksamkeit die Kleinen rasch auf sich gelenkt hatten. Bald streckte sich ein Händchen nach einer an den Zaun gefallenen Birne unter die Bretter hinaus, bald langte es ober denselben nach einem Zweig, eine verlockende, goldige Marille erhaschend. Wie schalt da der geistliche Herr über die Aneignung Nemden Eigcnthums, um gleich darauf in rührender Gutmülhigkeit alle Sorten Obst zum größten Jubel der Kleinen unter sie zu vertheilen. In sehr kurzer Zeit hatten die Kinder es ganz verlernt, den Pater zu fürchten. Sein entschiedener Liebling war die siebenjährige Miriam, ein aufgewecktes, empfängliches, aber heftiges Kind. Es war ein absonderliches Bild, ben hochgewachsenen, silbcrhaarigen Greis, das kleine Judenkind, welches er herbeigerufen hatte, an der Hand, im Garten zu sehen; er lehrte Miriam schöne Pflanzen kennen, gab ihr, sie wie ein junges Bögelchen fütternd, von den selbstgepflanzten Erdbeeren, vom besten Obst, streichelte ihr den glänzeitden Scheitel tmd nannte sie „Maria", was ihr so gut gefiel, daß sie auch zu Hause mit diesem Namen gerufen zu werden verlangte. Durch dieses Begehren wurden die Eltern des Kindes auf dessen Umgang mit dem Mönch aufmerksam lind — das alte Vorurtheil schläft auf keiner Seite — untersagten der Kleinen diesen harmlosen, für Körper und Seele wohlthätigen Verkehr. Ihr die Ursache davon zu erklären, dazu fehlte es dem arinen Diener Mosis an Zeit und Verständnis;. Der kluge Kinderkopf erwog diese väterliche Verordnung, befand sie als ungerecht und setzte seine Besuche bei dem Geistlichen, der so gut mit Maria war, fort. Eines Tages, es war am Eingang eines großen jüdischen Feiertages, ward Miriam zu Hause vermißt. Man setzte sich zu Tisch, die Mutter hatte die Lichter entzündet, der Vater war eben im Begriff, die Gebete zu beginnen — er zählte die Häupter seiner Lieben und' sieh, ihm sehlte ein theures Haupt! Doch schon öffnete sich die Thüre, durch welche sich das vermißte Lockenköpfchen ängstlich hereinschob. „Wo warst Du?" herrschte sie der erzürnte Vater an.

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