Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 19 (15.5.1891)
- Date
- 1891-05-15
- Page
- Seite 358 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 358 chellerreichifche Wochenschrift Nr. 19 während sie aber früher nur einzeln wirkten, haben sich die grauen, seitden sic sich organisirten, zu einer wahren Großmacht in der Bekämpfung des Unglücks und des Elends gebildet und geradezu ans Wunderbare grenzt das Maß ihrer segensreichen Wirksamkeit. In schwungvollen Worten hebt der Redner die großen Verdienste der Präsidentin, sowie der übrigen Functionärinen des Vereins hervor und gedenkt des großen Wohlthätcrs Baron Hirsch, der den Schmerz um ben Verlust seines einzigen Sohnes dadurch zu linkem sncht, daß er fremdes Unglück, fremdes Elend heilt. Redner fleht Gottes Segen herab auf den Verein und alle Jene, die zu dessen Sprießen beitragen, und schließt seine mit großem Beifall aufgenommenc Ansprache mit den Worten: der Pcstcr isr. Frauenverein möge blühen, wachsen und gedeihen. Sekretär Gabriel Forrai theilt sodann mit, daß Gratulationsschreiben angelangt sind von Frau Koloman Tißa, Oberbürgermeister Rath, Bürgermeister Kamermayer, ferner ans den meisten Städten Ungarns und daß aus Alllaß des heutigen Jubiläums folgende Stiftungen gemacht wurden.: Sam. Bischitz in Wien 3000 st., Wilh. Müller in Budapest 500 st. «Lljenrufe.) Die Präsidentin spricht sodann dem Sekretär Forrai für dessen dem Vereine gewidmete langjährige Thätigkeit, sowie für die Verfassung der Geschichte des Vereins den Dank der Generalversammlung aus, wonach die Neuwahlen vorgenommen wurden. Dieselben ergaben folgeildes Resultat: Zur lebenslänglichen Präsidentin ivurdc Frau Johanna Bischitz, zur Vizepräsidentin Frau Marie Herzl wiedergewählt. Ausschussmitglieder : Blauka Bloch, Nanette v. Brüll, Pauline Esillag, Aranka Deutsch, Babettc Fleisch!, Eharlotte Freund, Ida Fürst, Iosephinc Ganz, Kornelie Heidlberg, Rosa Heidlberg, Emma Hcrzfclder, Ida Hirsch, Antonic Kervich, Katharine Kohn, Eäcilic Kohn, Betty Kornfeld, Gabrielle Köröfi, Renee v. Krauß, Marie v. Lederer, Lcouie Lölv, Jenny Leipziger, Louise v. 'Reumann, Jenny 'Reumann. Anita Neuschloß, Minna Palotai, Amalie Pfeiffer, Rosalic Popper, Nina Reich, Pauline Reinitz, Ernestine Schreiber, Eharlotte Schwarz, Marie Straffer, Laura Stricker, Rosa Schmidt, Aurelie v. Ullmalul, Ernestine v. Wohl, Nanette Wolfncr und Iosephinc Wolfinger. Zu Rechilungs- und Bilanzrevisoren wurden die Herren Joses Fleischl, I. S. Oppenheim, Bernhard Stern und Emcrich v. Ullmann wiedergewählt und an Stelle des verstorbenen Max v. Brüll Herr Ludwig Bischitz neugewählt. - 'Rach der Generalversammlung erschienen die Ausschußdamen bei der Präsidentin Frau Bischitz und überreichten ihr einen mit ihren Porträts geschmückten prachtvollen Paravent. Werk«, 9. Mai. Von angesehener politischer Seite wird Ihrem Eorrespondenten bestätigt, daß die jüngsten maßlosen russischen Judenverfolgungen, besonders die nach dem Rücktritte des Fürsten Dolgoruky in Moskau inscenirten grausamen Vertreibungen von Inden für die Ablehnung der neuesten russischen Anleihe seitens der Rothschild-Gruppe maßgebend waren. Es wird angenommen, daß dieses finanzielle Ercigniß Rußland für einige Zeit überhaupt jede Anleihe im Auslande unmöglich mache. Auch die Vossische Leitung, welche anfänglich das Scheitern der Anleihe nicht auf jenes Motiv zurückführte und dasselbe auch jetzt nur in zweiter Linie anzuerkennen scheint, schreibt: „Die Austreibung von zehntausend Familien muß Rußland wirthschaftlich schwer schädigen, ein Gesichtspunkt, der vielleicht für das Schicksal der Anleihe von nicht geringerem Einflüsse war, als das Mitgefühl mit dem Unglücke der betroffenen Personen." Die Possische Zeitung hält es für voreilig, wenn ein panslavistischcs Blatt sich tröste, daß, wenngleich eine Herabsetzung der Zinsen ausländischer Anleihen für Rußland fortan unmöglich rnache, es doch die inneren Anleihen convertiren könne, denn die Niederlage auf dem europäischen Geldmärkte werde nicht nur das Fallen des Nubelcurses, sondern auch die Steigerung des Zinsfußes in Rußland herbeiführen. Für Rußland seien auch die ausländische Bahn- und Conversions-Anlcihen mir ein Beitrag zur Vollendung der Kriegsbereitschaft gewesen. Es habe ungeheure Goldvorräthe aufgestapelt und aus den Eonversionen erzielten Barüberschüsse zum Kriegsschatze hinzugefügt. Gerade darum könne ein Mißerfolg der Anleihe in allen friedliebenden Kreisen nur freudig begrüßt werden. Zur gestrigen Mahnung der „Hamburger Börsenhalle," Rußland kein Geld mehr zu leihen, bemerkt die Vossische Leitung: „Einstweilen dürfte dafür gesorgt sein, daß auch außerhalb Deutschlands Rußland der Geldmarkt verschlossen bleibt. Rußland steht vor einem neuen Abschnitte der Finanzvermaltung: auf die fetten Jahre werden die mageren folgen." Diese Auffassung der Voisischen Zeitung stimmt so ziemlich mit der des politischen Gewährmannes Ihres Eorrespondenten überein. Werkin. Aus der Sittengeschichte unserer Gegner sind wieder einige eklatante Proben zu verzeichnen: I. In Stolp in Pommern starb vor einigen Wochen Justizrath Göhring, ein bekannter Antisemit. Derselbe opferte für seinen Judenhaß manches nette Sümmchen. Run, nach seinem Tode hat sich, wie der „Isr." meldet, herausgestellt, daß er sich unendlich viele Betrügereien und Unterschlagungen von Geldern von Wittwen und Waisen zu Schulden kommen ließ, und daß er mit Zuchthaus bestraft werden würde, wenn er noch lebte. Es herrscht in der Gegend allgemeine Entrüstung und Aufregung. 2. Zwei Gestellungspflichtige aus dem benachbarten Dorfe Biewer bei Trier kehrten jüngst in etwas angeheitertem Zustande von Trier nach ihrem Dorfe zurück. In dem dortigen Wlrthshause fanden sie nichts Besseres zu thun, als einen anwesenden jüdischen Burschen ivegen seiner Religion zu Häuseln. Der gleichfalls anwesende Schuhmachermeister Michael Eartus machte sie auf das Ungehörige ihres Betragens aufmerksam, worauf die beiden Kerle über den unbequemen Mahner Hersielen und ihm, einem 65jährigcn Greise, mit ihren Biergläsern die Schädeldecke zertrümmerten. Eartus konnte eben noch die letzte Oelnng erhalten, dann verschied er. Die beiden Todtschläger wurden sofort hinter Schloß und Riegel gebracht. 3. Der antisemitische Führer Fleischmann in Graz, welcher sich vor einigen Wochen das Leben nahm, hat, wie jetzt festgestellt worden ist, aus den von ihm geleiteten Vereinskassen 37 000 Gulden unterschlagen. Die Hinterbliebenen des Betrügers verweigern, wie die „Wurzener Ztg." schreibt, die Deckung dieser Summe. Waris, 9. Mai. Von Zeit zu Zeit wagt doch ein französisches Blatt, sich trotz der Freundschaftsbetheuerugen für Rußland über die russischen Judenverfolgungen ausznsprechen. Diesmal ist es der von Thiers gegründete National, der sich folgendermaßen äußert: Zu oft haben wir an dieser Stelle unsere Sympathien für Rußland, welche mit der öffentlichen Empfindung im Einklang sind, ausgedrückt, um nicht auch über die Verfolgungen der Juden in Rußland sprechen zu können. Wir protestiren aus aller Kraft und dies im Verein mit allen aufgeklärten Geistern gegen derlei Acte, die nichts Anderes sind, als eine Rückkehr zur Barbarei. Wir glauben übrigens, daß der Ezar die Situation nicht kennt oder daß er von Fanatikern getäuscht wird. Weder die Vertagung noch eine Milderung jener Maßregeln kann das öffentliche Gewissen befriedigen. Die Menschlichkeit ist verletzt und geschändet durch diese abscheulichen Verfolgungen, und wir wollen noch annehmen, daß Alexander III., besser unterrichtet und aufmerksam gemacht durch den allgemeinen Aufschrei, die Befehle seines Ministers des Innern aufheben werde. Es wäre monströs, daß zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts Männer, Frauen und Kinder verfolgt werden aus dem einfachen Grunde, weil sie dieser oder jener Religion angehören." Moskau. Angesichts der Moskauer Juden-Ausweisungcn dürften einige Daten über die jüdischen Einwohner in Moskau selbst und das Moskauer Gouvernement nicht ohne Interesse sein. Das Recht der allortigen Niederlassung haben die jüdischen Handwerker in Rußland durch Erlaß vom Jahre 1863 erworben. Kaiser Alexander II. erblickte in dieser Maßregel ein Mittel zur Hebung des Wohlstandes der jüdischen Handwerker, sowie zur Assimilation derselben. Schon Kaiser Nikolaus I. hatte die jüdischen Handwerker und die