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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-15 · 19 (15.5.1891) · p. Seite 350

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
19 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
Seite 350 (sequence 4)
Language
German
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Seite 3oÖ Hesserrerchische in Unordnung, die Kleider beschmutzt, schritt das Weib einher, ein Bild des schrecklichen Elends. Es widerstrebt uns, in Einzelheiten einzugehen. Wir wollen auch nicht untersuchen, ob es wirklich ein Zufall gewesen, derdieAusführungdes Ausweisungsedictes gerade auf den Vorabend eines Feiertages verlegte. Wir fügen hinzu, daß Alles, was geschehen, nach dem Buchstaben des Gesetzes geschehen ist, und daß die Grausamkeiten, welche begangen worden sind, gesetzliche Grausamkeiten waren. Vor Kurzem wurden 25 jüdische Arbeiter einer bekannten Druckerei in Moskau plötzlich entlassen und in das Niederlassungsgebiet zuiückgeschickt, obwohl mehrere von ihnen seit 1874 als Schriftsetzer außerhalb dieses Gebietes gewohnt hatten. Als Grund der Ausweisnug wurde angegeben, daß Druckerei „kein Handwerk sei", sondern ein Kunst' gewerbc. Solche Kniffe werden häufig angewendet- Im Dorfe Lepetischa wurden an nahezu hundert Familien Ausweisungsbefehle geschickt, lediglich unter dem Vorwände, daß ihre Namen nicht vor dem Jahre 1882 in den Registern standen. Von deri 25,000 Bewohnern der Stadt Winiza in Podolien sind etwa 10,000 Juden. Ein wohlhabendes Mitglied der Gemeinde, Herr W e i n ft e i n, gründete aus eigenen Mitteln in seiner Vaterstadt eine technische Schule. Obgleich die Juden nahezu die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, und die Schule von einem Juden gegründet worden war, wurden doch nur acht Schüler jüdischen Glaubens neben 80 christlichen Glaubens zngelassen, damit dem Gesetze genügt war, welches nur einen Prozentsatz von zehn jüdischen Schülern gestattet. In Goslowka hatte der bekannte Eisenbahnunternehmer S. S. von Polajkuw eine Bergakademie gegründet. Eine große Anzahl junger Leute bereitete sich unter Opfern zum Studium auf dieser Schule vor, aber nur fünf Prozent von ihnen erhielten Zutritt. Vor wenigen Wochen fand in Petersburg das Jubiläum eines a d e l i g c n D a m e n ft i f t e s statt, das Baron Günzburg vor 25 Jahren aus eigenen Mitteln begründet hatte. Natürlich war auch der Gründer zu dem Feste geladen, dem auch der Zar in eigener Person beiwohnte. Aber die anderen geladenen Gäste scheuten sich nicht, den Begründer der Anstalt in so gröblicher Weise zu beleidigen, daß Baron Günchurg den Entschluß gefaßt haben soll, Petersburg zu verlassen. Wir wollen nicht einmal die Frage qui bono? wer hatte den Vortheil davon? aufwerfen und nicht die Ver muthung hegen, daß der Anlaß zu jenem Edict bei den Personen zu suchen ist, welche sich Vortheil davon versprechen durften. Wir erwähnen nur als Thatsache, daß die Juden Moskaus nickt in der Lage gewesen sind, ihre Forderungen bei Nichtjuden einzuziehen. Es ist in den jüdischen Synagogen Rußlands Brauch, für den Zaren zu beten und für seine Berather. Wie mag dieses Gebet am jüdischen Osterfeiertage wohl ge klungen haben? Weiß der Zar von dem, was in der Hauptstadt Moskau geschieht? Wissen es seine nächsten Berather? Scheu wir die nächsten Folgen, nicht für die Betroffenen, sondern für die Russen in Moskau: In der Geschäftswelt stockt alle Thätigkeit. Das Verschwinden der jüdischen Agenten und Unteragenten erschwert die Ofter-Liguidation, welche neben der Messe in Nishni-Nowgorod und Weihnachten die wichtigste Liquidation oes Jahres ist. Täglich werden Hunderte von Wechseln vor dem Handelsgerichte protestirt. — Das ist der Vortheil, den Rußland von den Judenverfolgungen hat. Man macht sich außerhalb Rußlands und vielfach in Rußland selbst nur eine unklare Vorstellung davon, in welchem Maße feindselige Maßnahmen gegen die Inden für gewisse Schichten des russischen Beamtenthums eine nicht zu erschöpfende Quelle unlauterer Einnahmen sind. Wochenschrift Nr. 19 Indem man die Juden rechtlos macht, giebt man gewissen Beamten vollständig frei, in voller Gesetzlichkeit die Juden zur Hergabe des letzten Rubels zu zwingen. Das ist allezeit geschehen, das geschieht fortgesetzt, und eben der Umstand daß es fortgesetzt geschieht, läßt keine Zuversicht in Betreff einer gründlichen Besserung der russischen Verhältnisse anfkommen. Im Laufe der Jahrzehnte waren gewisse Gesetze gegen die Inden obsolet geworden. Niemand hat mehr daran gedacht, sie anzuwenden, und wo man sich ihrer überhaupt noch erinnerte, da geschah es lediglich um einen Unweg zu ersinnen, der ihre Anwendung unmöglich machen sollte. Die Humanität hatte dies verlangt, die wirthschaftliche Nothwendigkeit hatte es verlangt, bis die große panslavistische Hvchflnth kam. Hinter den Fanatikern des Panslavisinns und den redlichen Anhängern der panslavistische» Idee drängten sich die Hyänen, welche jeder volksthümlichen Bewegung folgen und nach Beute suchen. Aus der Tiefe ihres eigenen Gemüths schöpften sie die verleumderische Behauptung, daß diejenigen Beamten sich hätten bestechen lassen, welche, dem Geiste der Zeit entsprechend, nichts gethan hatten, obsolet gewordene Gesetze, wieder in Erinnerung zu bringen; sie brüsteten sich mit ihrer Unbestechlichkeit, die sie durch Härte gegen die jüdische Bevölkerung erhärten zu können meinten; und indem sie dies thaten, übten sie selbst die barbarischeste Unterdrückung zum Zwecke der Erpressung. Das Geschäft ging gut, wohl über Erwarten gut. Es hätte den Betheiligten großen Gewinn abwcrfen dürfen, ohne daß viel Aufhebens davon gemacht wurde, wenn nicht beim Essen der Appetit gekommen wäre und Maßlosigkeit sich eingestellt hätte. Das leidgewohnte Geschlecht der russischen Juden hätte vieles ohne Marren geduldet und erst die Unerträglichkeit des gehäuften Weh's veranlaßte die Wehrufe, die jetzt die alte wie die neue Welt durchzittern. J)ie Juden im russischen Aeerre. Die panslawistische „St. Petersbnrgskia Wjedomosti", ein halboffiziöses und sehr angesehenes Blatt, veröffentlicht unter dem Titel „Eine ernste Frage" eine Reihe von Artikeln, welche, sehr maßvoll und streng, sachlich gehalten, ohne sonderliche Judenfreundlichkeit, aber auch ohne gehässige Voreingenommenheit die „Judenfrage" behandeln Der vierte Artikel beschäftigt sich mit der Erfüllung der Militärpflicht durch die Juden in Rußland; es heißt darin n. A.: „Die schwerste und weitaus ernsteste Anschuldigung, welche gegen die Juden erhoben wird, ist zweifellos die, daß sie sich der Militärpflicht entziehen. Wengleich die Juden in ihren Rechten äußerst beschränkt sind, muß sie doch der Besitz der Rechte ivelche ihnen noch gewährt sind, die Erfüllung des Militärdienstes als Pflicht erkennen lassen, und die Frage, ob sie dieser allerschwersten, aber auch allerheiligsten Bürgerpflicht sich wirklich entziehen, verdient eine ernste Prüfung. Zweifellos gäbe es Grunde genug, falls die Inden sieh der Militärpflicht zu entziehen suchen sollten. Sie sind Städtebewohner, gehören dein Handelsstande an, und diese Volksklassen pflegen, gleichviel welcher Confession sie sind, nie gern in die Reihen des Militärs einzutreien. So war z. B., wie bekannt, nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht i. I. 18.4 der Handel mit Rekrutirungs-Quitlungeu, die den Besitzer vom persönlichen Dienst befreien, gerade in den Gouvernements mit griechischorthodoxer Bevölkerung ganz besonders in Schwung und wurde von den ritssischen .Kaufleuten für eine derartige Quittung 8—10,000 Rubel geboten und gezahlt. Sehr belehrend nach dieser Richtung ist die Thatsache, daß sogar nach der letzten Publieation über das Ergebniß der Aushebung v. I. 1890 im Moskauer Gouverneinent allein mehr RekrutirungS- Quittungen zur Befreiung vom Militärdienst vorgezeigt wurden, als in allen 26 Gouvernements <Polen einbegriffen», in denen die Juden das ständige Attfeiuhallsrechl haben, zusammenge-

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