Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 19 (15.5.1891)
- Date
- 1891-05-15
- Page
- Seite 349 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 HesterreiHftHe Wochenschrift Leite 349 Schultern zu laden. Die Diplomaten mögen den russischen Staatsmännern schmeicheln, die Herrscher und Minister mögen dem Petersburger Eabinete die höchste Freundschaft bezeugen, die öffentliche Meinung aber ist nicht durch die Fesseln der Rücksicht gebunden, und sie kann hindenten auf die Gefängnisse, in welchen arme Menschen den freiwilligen Hungertod suchen, um sich vor den schrecklichsten Qualen zu schützen; sic kann ohne Furcht darauf Hinweisen, daß russische Katholiken, Protestanten und Juden ihrer Heimat und ihres Erwerbs beraubt werden. Die russische Regierung ist sehr mächtig, aber sic wird sich vergeblich bemühen, den Eurseu zu gebieten, in welchen die herbe Verurtheilung einer solchen Politik zum Ausdrucke kommt. Rußland, das gehätschelte Schoßkind der Pariser Börse, bietet seine Papiere an, und kein Bewerber meldet sich und keine Bank gewährt ihm Hilfe. Die Ablehnung des Hauses Rothschild an die Adresse Rußlands dürfte zwar Veranlassung bieten, wieder über die Allmacht deö jüdischen Kapitals zu klagen, welches sich unterfängt, selbst dem Beherrscher aller Neuffen den Fehdehandschuh hinzuwerfen, aber das Urtheil der Gerechten wird sich durch diese Auffassung nicht beirren lassen, denn es wäre weit unwürdiger gewesen, lvenn die Rothschild, ihre Traditionen und Herkttnfl vergessend, blind geblieben wären gegen die grausame Unbill, die ihren Glaubensbrüdern von demselben Staate widerfährt, der im Anslande an den verhaßten Bolksftamm appellirt. Blau hat im Haufe Rothschild dieses Dilemma empfunden, und als Baron A l b e r t vor einiger Zeit darüber interpellirt wurde, gab er zur Antwort, er fei sicher, sein Schwiegervater habe das russische Geschäft iticht ohne Rücksicht auf das Schicksal der russischen Inden abgeschlossen. Pobedonoszew blieb taub, der Ezar blind, die Vorstellungen Wpschnegradski's hatten keinen Erfolg und das Haus Rothschild trat zurück. Hier verband sich aber mit dem Gebote der Selbstachtung die geschäftliche Rothivendigkeit, denn atich wenn das Haus Rothschild mit der Anleihe an den Geldmarkt herangetretcn tväre, dieser würde Rußlands Vorgehen nicht ignorirt haben. ES gibt kein empfindlicheres Individuum als bcu Eapitaliften, ohne Unterschied der Nation, der Eonfession, des Standes. Mit Mißtrauen prüft er die Situation, die Gepflogenheiten und die Moral feines Schuldners und ein mächtiger Staat tvird in dieser Richtung nicht anders behandelt als der gewöhnliche Kaufmann. Ein Reich, das seine Bürger ohne Rechtsgrnnd ihres Wohnsitzes und ihres Vermögens beraubt, blos weil die absolutistische Strömung Gefallen daran findet, einem solchen Staate vertrant auch der abendländische Ehrist sein Vermögen nicht, denn ist heute der russische Jude schtitzlos, so kaitn es morgen der ausländische Staatsgläubiger fein. Als Ungarn der Welt das mittelalterliche Schauspiel der Gerichtsverhandlung von Tisza-Eszlar bot, ging die ungarische Rente an sämmtlichen Plätzen empfindlich zurück. Die Rente tvird nicht blos nach der materiellen Kraft eines Landes bewerthet, sondern sie ist zugleich die Resultirendc seiner Eulturzustände. Ueber die Katastrophe in Moskau tvird geschrieben: Am Vorabend des jüdischen Osterfestes ist in Moskau ein Edict in Kraft getreten, welches für die Judenschaft jener großen Stadt eine mit dem Menschlichkeitsgefühl und mit dem Rechtsgefühl gleichmäßig im Widerspruch stehende Verfolgung bedeutet. Polizisten und Gendarmen begannen um Mitternacht die Haussuchungen zum Amecke der Paßrevision. Diejenigen Inden, welche das Wohnrecht für Moskau auf dem Passe vermerkt hatten, erhielten eine dreitägige Frist, alle übrigen wurden wie Verbrecher aneinandergekettet und nach dem Wohnort ihrer Eltern, oft im Herzen Rußlands, gesandt, wobei in vielen Fällen nicht auf dem Paß vermerkte Kinder von den Eltern getrennt wurden. Herzzerreißende Auftritte spielten sich ab. Viele Juden flohen in die Wälder in der Umgebung Moskaus, andere verbrannten ihre Habseligkeiten oder verkauften sie um ein Spottgeld. In den Synagogen wurden Gebete zu Gott gerichtet um Hilfe in der schrecklichen Bedrängniß. Entsetzen und Verzweiflung ergriff die schrecklich Betroffenen. Wie wahnsinnig irrten die Leute auf den Straßen umher, um sich Rath in der plötzlich eingetretenen Roth zu holen. Niemand wußte, was anzufangen, und wo mehrere zusammentrafen, da konnte man das herzzerreißende Schluchzen vernehmen. Da sah man alte Männer weinen und Kinder klagen, und was man aus den schrecklichen Zeiten des Mittelalters wie Märchenerzählungen aus den Geschichtsbüchern vernommen, das konnte und kann man noch heute mit eigenen Angen ansehen, kaum glaubend, daß es Wirklichkeit ist! Das ganze Ungeheuerliche dieser Maßregel liegt darin, daß Inden, die schon mehrere Jahrzehnte in Moskau ansässig waren, ja daselbst geboren sind, plötzlich gezwungen werden, nach einem entfernten Theile des Reiches zu gehen, wo zufälligerweise ihr Vater oder Großvater, ans deffen Pnß sie mit verzeichnet, einst geboren war, mit einem 'Worte, sie sollen in der kürzesten Zeit alle ihre Geschäfte lignidiren und sich mir ihren Familien an einen fremden Ort begeben, der ihnen kaum dem Namen nach bekannt ist. Seit Wochen durchstreifen starke Polizei- und Gendarmerie-Patronillen Nacht für Na ht die Stadt, hie und da wird ein Hans umzingelt, in welchem Inden wohnen. Jung und Alt wird ans dem Schlafe geweckt und aus den Betten geholt, alle Winkel werden durch stöbert, ob sich nicht irgendwo Jemand versteckt hat. Dann werden die Pässe revidirt; diejenigen, welche den Stempel der Aufenthaltsberechtigung in Moskau haben, müssen ein Protokoll unterzeichnen, daß sie sich verpflichten, binnen drei Tagen Moskau zu verlassen; diejenigen jedoch, die diese Anfenthaltsbewillignng nicht haben, werden sofort ins Gefängniß abgeliefert, wo sie bis zur Etappenbeförderung schmachten müssen. Zahlreiche Fälle kommen vor — so im Stadtheil „Saradje", der in seinem ganzen llmsange drei Mal bereits Nachts umzingelt worden ist, in den Häusern Mitschiner, Wolkow, MoskwinMebooskoje, Podvorje — daß einzelne Glieder einer Familie mitgenommen wurden, weil sie nicht mit ans dem Paß der Eltern verzeichnet waren; mehrere Knaben, im Alter von 10 bis 13 Jahren, mehrere junge Mädchen wurden mit Gewalt den Armen ihrer Eltern entrissen. Man denke sich die herzzerreißenden Szenen, die sich hier abspielten. Viele Juden verbrachten aus Angst vor diesen nächtlichen Ueberfällen die Nächte in jenen Lokalen zweifelhaften Rufes, die die ganze Nacht geöffnet; zum Beispiel in der Eremitage sind die meisten Ollamdror; reservees von wohlhabenden Juden besetzt gewesen, die mit ihren Frauen daselbst die Nacht verbrachten, sich den Anschein gebend, als gehörten sie auch zu jenen Liebespaaren, die hier allnächtlich ihre Orgien feiern. Aus den Gefängnissen drangen herzzerreißende Klagen an die Außenwelt. Ueberall, ohne Unterschied der Konteffiüii, regte sich das Mitleid ob dieses schrecklichen Elends. Man sandte den armen Gefangenen Geld und Lebensmittel. Eine Anzahl hervorragender r u s s i s ch e r Kaufleute agitirte an der Börse für eine Petition an den Zaren, die herben Maßregeln rückgängig zu machen. — vergebens. Ich selbst sah einen Trupp Inden unter starker Eskorte nach dem Bahnhof führen; zu zweien aneinandergeschlossen, schritten die Unglücklichen mit bleichen Gesichtern einher, in Gesellschaft von Räubern und Dieben. Den Beschluß des traurigen Zuges machten Weiber und Kinder. Unvergeßlich wird mir der schmerzhafte Blick sein, der mich aus den schwarzen Augen einer jungen jüdischen Frau traf, die, ein Kind an der Brust gedrückt, ein zweites etwa dreijähriges Kind an der Hand, in dem Zuge gieng. Das Gesicht bleich vor Kummer und Entbehrungen, die Haare