Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 18 (7.5.1891)
- Date
- 1891-05-07
- Page
- Seite 345 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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rkr. iS Hesterreichifche Wochenschrift Sette 343 Mit einem Worte, das Kind war ihre ganze Welt, der einzige , Gegenstand ihrer Beschäftigung, der Mittelpunkt ihres Denkens, Fühlens I und Wollens. Die früher lebenslustige Gisela wurde zur Träumerin, nein zur Denkerin und Philosophin. Wenn auch die Fahrten ihres Mannes in die Stadt zu seiner Mutter und seinem Kinde noch immer ihr Mißfallen erregten, war sie doch voll Bewunderung für ihn. Außer diesem Besuche, der einmal in der Woche stattfand, entfernte er sich nicht aus dem Hause, war er unablässig nur um sie und ihr Kind bemüht, suchte er keine andere Zerstreuung, keine Unterhaltung, keine Gesellschaft auf, wie die Männer sonst, selbst ihr Schwager Lebrecht, der doch noch einer der besten Ehemänner ist. Sie konnte nicht umhin, von der Bewunderung zu dem Schlüsse zu kommen, daß der Jude mehr Familiensinn als der Nichtjude besitze. Einen Knotenpunkt in dem Faden ihrer Betrachtungen bildete immer die Idee von dem Dualismus der Liebe ihres Gatten zu seinen zweierlei Kindern und dann blickte sie wehmüthig auf ihren Liebling in der Wiege und weinte. An diesem Knotenpunkt angelangt, nahmen einmal die Gedanken der jungen Frau eine ganz neue Richtung. Sie sagte sich, ihr Mann könne ja unmöglich eine rechte Liebe zu ihr und ihrem Kinde haben. Das wäre ja widernatürlich. Liebe heißt das Aufgehen des Einen in dem Andern, das Eins werden zweier Seelen im Denken, Fühlen und Wollen. Nun ist aber die Religion das trennendste Moment unter Menschen, mehr als die Nationalität, mehr als die Race. Ich Christin und er Jude — zwei ganz verschiedene Wesen: Wie kann er mich mit ganzem Herzen lieben? Der Vater Jude und das Kind Christ: muß nicht jeder Blick auf das Kind ihm einen Stich in's Herz geben, so auf fremden Boden sich fortgepflanzt zu sehen? Ihren ManN zum Uebertritte zu bewegen, wußte sie, sei unmöglich, wenigstens solange seine Mutter lebte, an der er mit aller Zärtlichkeit hina, und wenn er es nach deren Tod thäte, müßte er ja die Fortdauer der Seele leugnen: was wäre aber dann seine ganze Liebe werth, wenn er nicht glaubt, über das Grab hinaus mit seinen Lieben in Rapport zu stehen, und daß eine Wiedervereinigung der Seelen stattfinden we^de? Aber wäre es denn nicht möglich, spann sie den Gedanken weiter, daß sie sich mit ihrem Kinde in seine Religion aufnehmen lassen könnte? Sie hatte in ihrem Manne das Judenthum achten gelernt, sie bewunderte die häuslichen Tugenden dieser Minorität, und galt sie nicht schon wegen ihrer Verehelichung mit einem Juden als halbe Jüdin? Warum also nicht ganze? Sie machte sich mit dem Gedanken immer vertrauter bis er zum Entschluß reifte, Jüdin zu werden und ihr Kind im Judenthum zu erziehen, gemeinsam mit dem ersten Kinde ihres Mannes, wie zwei Brüder. Sie durchsuchte die Bibliothek ihres Mannes nach Schriftwerken die sie in dem neuen Bekenntniß einweihen sollten, und fand richtig eine Bibel und ein Gebetbuch mit deutscher Uebersetzung. Auf ihrem gewöhnlichen Platze, an der Wiege ihres Lieblings, las sie ganze Tage die heilige Schrift. Sie fühlte sich gehoben von der Zukunft Israels, wie die Propheten sie zeichnen; die Psalmen stärkten ihren Glaubenssinn und in der Ruth-Idylle sah sie sich im Spiegel und sehnte die Stunde herbei, in der sie ebenfalls vor ihre Schwiegermutter mit den Worten treten könne: „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott mein Gott!" Aus dem Gebetbuche lernte sie diejenigen Stücke auswendig, die ihr die wichtigsten zu sein schienen. Und immer, wenn sie überrascht zu werden fürchtete, verbarg sie beide Bücher unter die Kopfpolster der Wiege und glaubte sogar schon, daß sie die wunderbare Kraft besäßen, ihr" Kind vor allem Ungemach zu schützen und jedes Lächeln des Kindes im Schlafe galt ihr ein Kuß zu sein den es soeben von einem Engel empfange. Die junge Frau trat zur Ausführung ihres Vorhabens in brief. lichen Verkehr mit dem Rabbiner der Cultusgemeinde der Stadt. Ein als Hausirer die Fabrik besuchender Mann machte den Briefboten. Und so wurde der Tag festgesetzt, an dem die Frau behufs ihrer förmlichen Aufnahme in den Verband des Judenthums nach der Stadt zu reisen habe. In der letzten Zeit war Wollner bei der Rückkehr aus der Stadt immer verstimmt. Sein Kind war vor Sehnsucht ganz träumerisch geworden, und die Aussichtslosigkeit, es wieder zu sich nehmen zu können, beschwerte ihm das Herz. Wenn die Frau früher bei einer solchen Verstimmung ihres Mannes ihm ihr Unbehagen merken ließ, so suchte sie jetzt, ihm mit der größten Zärtlichkeit zu begegnen und seinen vor ihr verschwiegenen Kummer zu verscheuchen. Er machte sich aber von dieser Wandlung keinen anderen Begriff, als daß sie nun seine Stadtfahrtcn mit weniger scheelen Augen ansehe; die Hoffnung, daß sie sein Kind im Hause dulden werde, wagte er nicht im Entferntesten zu hegen. So kam der Tag, den sie für die Formalität ihres Uebertrittes festgesetzt hatte. Bereits früh am Vormittage war Wollner vom Hause aufgebrochen. Er mußte einem befreundeten Fabriksnachbar einige Stunden Wegs von Friedheim entfernt, einen Besuch anläßlich eines Familienfestes in deffen Hause abstatten. Umsonst hatte er Gisela zugeredet, ihn zu begleiten: sie lehnte es ab. Er sollte, meinte sie dagegen, aus bleiben so lange es ihm gefiele. Würde es ihr zu spät, dann hörte sie morgen einen um so genaueren Bericht. Damit hatte sie von ihm Abschied genommen. Kaum war er jedoch eine halbe Stunde fort, so fuhr der Landauer vor. Die junge Frau schärfte der Bonne noch zum zweiten und dritten Male Warnungen und allerlei Aufträge ein, die sich auf ihr Kind bezogen; dann fuhr sie gleichfalls ab, aber in der Richtung rach der Stadt, die sie seit ihrer Verheiratung konsequent meldete. Der Weg wurde ihr diesmal ein wenig lang. Sie fuhr direct nach der Straße, in welcher die Wohnung des Rabbiners war, vor welcher sie abstieg. Nach ungefähr einer Stunde Aufenthalts in diesem Hause, bestieg sie wieder den auf sie wartenden Landauer und befahl dem Kutscher sie in das Haus, wo ihre Schwiegermutter wohne, zu fahren, welches er von den wöchentlichen Stadtfahrten seines Herrn nur zu gut kannte. Der Knabe sah den ihm wohlbekannten Landauer und Kutscher vom Fenster aus und jubelte vor Freude. Er erkannte auch die Dame, die darin saß, denn Gisela war in ihrem ledigen Stande öfters mit ihrem Schwager und ihrer Schwester auf Besuch im Wollner'schen Hause. Mit aller Zuvorkommenheit begrüßte die alte Frau Wollner, den Knaben an der Hand, chre Schwiegertochter am Treppenabsätze, die gerührt in die Arme ihrer Schwiegermutter flog und sich dann zu dem Knaben herabneigte und ihn mit Küffen bedeckte. Es entging Gisela nicht, daß ihr Besuch die alte Frau beunruhigte und si: sagte daher sofort: „Mein Mann ist Gott sei Dank wohlauf; aber ich habe, liebe Mama, einige Worte mit Ihnen zu reden." Die beiden Damen gingen in den Salon, und ehe sie sich noch niedergesetzt hatten, fiel Gisela ihrer Schwiegermutter nochmals um den Hals und rief unter Thränen: „Mama! jetzt bin ich werth, daß Sie mich Tochter nennen!" „Das sind Sie ja, seitdem Sie meinen Sohn zum Manne haben." „Nein, erst seit heute, seit einer Stunde bin ich Ihrer ganz würdig." Frau Wollner sah ihre Schwiegertochter fragend an. „Ja, seit einer Stunde bin ich Jüdin!" Und sie legte ihrer Schwiegermutter das noch kaum getrocknete Dokument vor, welches ihre Aufnahme in den Verband des Judenihuins beurkundete. Frau Wollner war sprachlos vor Staunen, aber sie begriff das Opfer, welches die Frau aus Liebe zu ihrem Sohne gebracht hat, und schloß die Neophitin lange, lange au ihr pochendes Herz. Als die Aufregung sich gelegt hatte, sagte Gisela: „Ich will endlich meinen Mann ganz glücklich sehen; ich nehme sein Kind mit nach Hause, ich will seine Erziehung leiten und es zum Borbilde meines Kindes machen. Die Frauen besprachen noch Vieles. Frau Wollner hatte dann alles, was ihr nöthig geschienen, in der kürzesten Zeit besorgt und so konnte der Landauer, von ihren