Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 18 (7.5.1891)
- Date
- 1891-05-07
- Page
- Seite 340 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Geire 338 Gesterretchifche Wochenschrift Nr. 18 vom Beifall unterbrochen wurde, citirt die ehrenvollen j Urtheile. welche Lafayette und der Historiker Raumer über K. gesprochen. Men. 5. Mai. (Das Auge ausgestochen.) Vor einigen Tagen fand vor dem Strastichter des Bezirksgerichtes Währing eine Verhandlung statt, welche ein furchtbares Schlaglicht auf die fortschreitende Verrohung der Jugend in Folge der antisemitischen Hetze wirft. Der Fall, welcher jener Verhandlung zugrunde lag. ist folgender: Der Maschinenschlosserlehrling Simon Färber wurde am 20. Februar d. I. in der Gewerbeschule in der Antonigasse von dem Schuhmacherlehrling Heinrich Edelmüller mit den Worten empfangen: „Da kommt er, der jüdische Fallot, dem muß ich Eine geben" Färber ging auf Edelmüller zu und faßte ihn rückwärts am Rockkragen Edelmüller, der gerade einen Bleistift spitzte, wandte sich um und führte mit der Rechten, in welcher er das Federmesser hielt, einen Stich nach dem linken Auge Färbers, welches dem Unglücklichen herausgeschlagen wurde. Simon Färber, der älteste Sohn und die Hoffnung seiner armen Eltern, war vier Wochen im Spiale und ist nunmehr, da er auf einem Auge erblindet ist, unfähig seine Ausbildung zum Maschinenführer zu beenden. Edelmüller wurde, obgleich die Aerzte eine schwere körperliche Beschädigung constatirt hatten, blos vor dem Bezirksgerichte (!) angeklagt und daselbst mit der Begründung freigesprochen (!), daß er die Thal nicht vorsätzlich, sondernnur aus Unvorsichtigkeit begangen hatte. Die arischen Genossen Edelmüllers sagten bei der Verhandlung zu dessen Gunsten aus und leugneten die antisemitische Provokation. Es ist überflüssig, diesen Thatsachen noch einen Commentar beizufügen; der Vorfall sowie der Verlauf der Gerichtsverhandlung sprechen für sich selbst. Nur für unsere, auswärtigen Leser, die mit der Wiener Topographie nicht vertraut find, bemerken wir, daß Währing nicht in Rußland liegt, sondern einen der neuen Bezirke von Groß- Wien bildet. Wien. (Ein Schurkenstreich ä la —) Hm. wir nennen den Namen doch lieber nicht, aber es handelt sich um eine elende Verleumdung und eine falsche Zeugenaussage. Zwei Männer aus dem Wahlbezirke des von Doctor Lueger nie gepfändeten und immer geschätzten Abgeordneten Ernest Schneider — zwei Gesinnungsgenossen auch dieses vortrefflichen Mannes — fuhren zwei Tage vor Weihnachten mit dem Schnellzuge der Nordbahn von Brünn nach Wien. Den Herren stieß nun ein schweres Eisenbahnunglück zu: es saß nämlich mit ihnen ein Jude im Coupe, der Spediteur Simon Mayer. Als der Zug in Wien anlangte, wurde Mayer angehalten und auf das Polizei-Jnspectionszimmer gebracht. Die beiden Lumpen hatten ihn wegen Diebstahls denuncirt. Sie gaben an: sie hätten während der Fahrt auf einen auf der Gepäcksstellage liegenden Hut Zucker gedeutet und geftagt, wessen Eigenthum er sei. worauf Mayer geantwortet habe, er gehöre wahrscheinlich einem Conducteur. Beim Aussteigen habe jedoch Mayer den Zuckerhut an sich genommen und ihn als ein mitgebrachtes Weihnachtsgeschenk für seine in Wien lebende Schwiegertochter bezeichnet. Die Anzeiger setzten hinzu, sie seien fest überzeugt, daß der Jude keineswegs der Eigenthümer dieses Zuckerhutes sei. Die Polizei saisirte den Zuckerhut und deponirte ihn als eorpus delicti beim Bezirksgericht Leopoldstadt, welches gegen Simon Mayer die Anklage wegen Diebstahls erhob. In die Untersuchung dieser Affaire theilten sich die Bezirksgerichte Leopoldstadt uud Boskowitz, bis endlich Samstag beim erstgenannten Bezirksgerichte die Verhandlung gegen Mayer zu Ende geführt wurde. Er konnte den Beweis erbringen, daß die Anzeige eine falsche gewesen; daß er den Zucker beim Kaufmann Baron in Boskowitz gekauft; daß ein Commis ihm denselben in das Coupe nachgettagen und endlich, daß seine zwei Reisebegleiter nie gefragt hatten, wem dieser Zuckerhut gehöre, und daß er also auch nicht antworteu konnte, daß der Zucker vielleicht einem Conducteur gehöre. Trotz der wiederholten Verlautbarungen derNordbahndirection hat sich zu diesem Zuckerhute auch nie ein anderer Eigenthümer gemeldet. Mayer gab schließlich seiner Ueberzeugung dahin Ausdruck, daß ihn die zwei Reisegenoffen nur deshalb des Diebstahls bezichtigt hatten, weil sie in ihm den Juden treffen wollten. Mayer wurde vom Bezirksgerichte Leopoldstadt freigesprochen. Gleichzeitig wurde ihm sein Weihnachtsgeschenk, der Hut Zucker, um den er durch vier Monate einen an Kosten und Aufregungen reichen Proceß führen mußte, ausgefolgt. Gegen die beiden Coupegenossen hat er nun die Ehrenbeleidigungsklage anhängig gemacht. Einer dieser Elenden hat sich vom Bezirksgerichte Zeugengebühren bezahlen lassen! Für eine verbrecherische Aussage! Häudapest. Das ganze Land steht unter dem Eindruck der Schreckensnachricht aus dem Bekeser Comitat. Beim Zusammenstoß zwischen den Feldarbeitern und der Staatsgewalt ist es zu Blutvergießen gekommen und zahlreiche Menschenleben sind zum Opfer gefallen; durch das ganze Comitat hat sich das agrarsocialistische Contagium' verbreitet, um in den volkreichen Großgemeinden — Oroshüza zählt über 20.000 und Bekes-Csaba gar etwa 35.000 Einwohner — zu Ausbrüchen fanatischer Wuth gegen die Besitzenden, beziehungsweise gegen die behördlichen Beschützer derselben zu führen. Das Terrain für die Ausschreitungen war seit Jahren durch antisemitische Hetzer präparirt, die nun ernten konnten, was sie ausgesät. Die äußeren Umstände der beklagenswerthen Vorfälle der letzten Tage sind also heute zum Mindesten so weit bloßgelegt, um die Erklärung für die verblüffende Thatsache zu finden, daß ein ganzes Comitat, und zwar keines der ärmsten, sondern gerade eines der wohlhabendsten des Landes, von der socialistischen Seuche ergriffen werden konnte. Im Anfänge war die Unzufriedenheit: jene schleichende Unzufriedenheit, wie sie schließlich unter den meisten kleinen Leuten zu finden ist, die um das tägliche Brot schwere Arbeit verrichten müssen. Im „Pester Lloyd" heißt es unter Anderem: „Wir müssen darauf Hinweisen, daß diese Ausbrüche unsäglicher Verbitterung gegen den Besitz und dessen Schützer in einer Gegend sich ereignet haben, welche von den antisemitischen Wühlern ein Jahrzehnt lang für die Saat der socialistischen Hetzer gründlich vorbereitet worden ist. Es ist dies eine Gegend, in welcher dem ehrenwerthen Sigmund C s a t ä r kein patriotisches Verdienst und kein staatsmännisches Genie das Mandat des Volksvertreters streitig zu machen vermöchte. Es ist dies eine Gegend, wo ein lutherischer Seelsorger antisemitischen Bekenntnisses die Saat der Liebe zertritt, die sein Vorgänger im Seelsorgeamt, der engelsmilde Dichter Wilhelm G y ö r y, ein Lebensalter hindurch gepflegt, e i n Seels orger antisemitisch en Bekenntnisses, der für dies sein verständnißinniges Anschmiegen an die rohesten Jnstincte der irregeleiteten Massen ebenfalls mit Sitz und Stimme in der Volksvertretung ausgezeichnet wurde. Wohlan, nun ist es aller Welt offenbar, daß wie auch an anderen Orten und in anderen Ländern der Antisemitismus des Volkes nichts Anderes ist, als die gegen jeglichen Besitz sich kehrende Wuth des Proletariers. Diese Wuth hat mit Confession und Race nichts zu schaffen und wenn sie sich zunächst zufällig gegen den Besitz des Juden kehrt, so ist es nur, weil die Hetzer ihr dieses Ziel zuerst gezeigt."