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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-07 · 18 (7.5.1891) · p. Seite 330

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
18 (7.5.1891)
Date
1891-05-07
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
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Sette 328 Hesterretchische Wochenschrift Nr. 18 Judenverfolgung in Rußland. Der „Times" geht aus Moskau ein interessanter Berickt über die Vertreibung der Juden aus jener Stadt zu. Danach werden die Juden aneinander gekettet und wie schwere Verbrecher aus der Stadt geschleppt. Die Kaufläden und Wohnungen der verjagten Juden werden geplündert und es bereiten sich Judenmassacres vor. Das heilige Moskau soll „gereinigt" werden, noch ehe der neue Generalgouverneur, der Großfürst Sergius, sein Amt antritt. — Die „Times" gibt in ihrer Nummer vom 30. April eine eingehende Schilderung jenes Londoner Stadtviertels, wo sich etwa 25.000 russische Juden angesiedelt haben. Das interessanteste Detail dieser Schilderung bildet die Meldung, daß in diesem Stadtviertel allsonntäglich wahreSclavenmärkte veranstaltet werden. In großen Reihen stehen Männer aller Altersklassen da, die von den Händlern an Arbeitsunternehmer verkauft werden. Es sind arme Juden, die aus Rußland vertrieben, sich bis London durchgeschlagen haben und daselbst ohne Geld, ohne Kenntniß der Landessprache wildfremd ankommen. Sie fallen in die Hände von Spekulanten, die ihnen Brot und Obdach geben, bis sich Abnehmer für die Arbeitskräfte der Unglücklichen finden. Der Sklavenhändler läßt sie einen Vertrag unterschreiben, wodurch sie sich verpflichten, gegen Verpflegung und einen niedrig bemessenen Lohn auf lange Frist hinans Dienste zu nehmen. Für einen Mann und seinen Vertrag wird eine Summe von zwei bis drei Pfund Sterling gezahlt. Unter solchen Umständen wird die Aufgabe, die aus Rußland vertriebenen Juden in irgend einem entlegenen Welttheile zu colonisiren, eine immer dringlichere. Baron Hirsch will diesem Zwecke drei Millionen Pfund widmen, auch die Rothschilds sollen zu Opfern bereit sein; in der ganzen Welt dürsten Spendensammlungen eingeleitet werden, um den Millionen der heimatlos gewordenen russischen Juden eine neue Heimat zu begründen, wo sie durch Arbeit dem tragischen Los des Hungers und der Erniedrigung entgehen können. Aus Berlin wird geschrieben: Ein eigenthümlicher Vorfall hat während der letzten vierzehn Tage den preußischen Staatsbehörden, der Berliner Polizei und den städtischen Behörden viel zu schaffen gemacht. 750 russische Auswanderer p olnischer Nationalität, unter denen sich übrigens keine Juden befanden, kamen mit Hilfe des allmächtigen Rubels bei Nacht und Nebel in der Gegend vonAlexandrowo ohne irgend welche Legitimationspapiere, und nur mit geringen Geldmitteln versehen, über die preußische Grenze, in der Hoffnung, von dem „Norddeutschen Lloyd" auf Grund eines Abkommens mit der brasilianischen Regierung frei nach Brasilien befördert zu werden. Die Auswanderer, welche fast alle aus der Gegend von Kalisch stammen, schlugen sich auch glücklich nach Bremen durch, wo sie zu ihrem nicht geringen Schrecken erfuhren, daß die erwähnte Vereinbarung zwischen dem Lloyd und der brasilianischen Regierung aufgehoben sei. Den Leuten, unter denen sich viele Frauen, Kinder und Säuglinge befanden, fehlten die Mittel, die Ueberfahrt selbst bezahlen zu können. Von allem entblößt, fielen sie zunächst den Bremer Behörden zur Last, die es aber verstanden haben, sich der unwillkommenen Gäste auf eine sehr bequeme Weise zu entledigen. Die Bremer Behörden versprachen den Auswanderern, sie nach Bremerhaven zu schicken, packten die Leute in eine Anzahl Gisenbahnzüge und schickten sie — nach Berlin. Hier kamen die Armen in einem jämmerlichen Zustande an und die städtische Armenpflege war gezwungen sich ihrer anzunehmen. Zum Theil wurden die Auswanderer im Polizeigefängniß nntergebracht, zum Theil in den städtischen Anstalten für Obdachlose. Dort sind sie seit ungefähr einer Woche verpflegt worden, während die hiesigen Behörden über weitere Maßnahmen beriethen. Aus leicht erklärlichen Gründen drang der Magistrat auf die Heimschaffung der Auswanderer. Man setzte sich mit den amtlichen Stellen in Rußland in Verbindung, welche auch die Erklärung abgaben, die legitimationslosen Auswanderer wieder aufzunehmen, soweit sich unter ihnen keine Juden befänden. Die Aussicht, nach Rußland zu rückbefördert zu werden, wo sie wegen Auswanderung ohne obrigkeitliche Erlaubniß unfehlbar nach Sibirien würden verschickt werden, versetzte die Auswanderer in die höchste Aufregung. Sie erklärten rund heraus, daß sie Widerstand bis aufs Aeußerste leisten würden, und viele von ihnen drohten, im schlimmsten Falle während der Eisenbahnfahrt aus dem Wagen zu springen. Die hiesigen Behörden empfanden Mitleid mit den Leuten und es ist ihren Bemühungen endlich gelungen, den Armen die Rückreise nach Rußland zu ersparen, denn der Norddeutsche Lloyd mit dem von hier aus Verhandlungen angeknüpft wurden hat sich jetzt bereit erklärt, die Auswanderer kostenfrei nach Brasilien zu befördern. Auf Veranlassung des Ministers des Innern sind die Leute bis auf zwanzig, die ihr Heil in Rußland versuchen wollen, auf Staatskosten nach Bremen geschafft worden, von wo sie ihre überseeische Reise demnächst antreten werden. Der hiesige Magistrat wird zweifelsohne von den Bremer Behörden Entschädigung für die Verpflegung der Auswanderer verlangen, die sich die alte Hansestadt so einfach vom Halse geschafft hat. Iubendebatteu i« Deutschland. Im preußischen Abgeordnetenhause gab es in den jüngsten Tagen mehrere Judendebatten. In dem einen Falle handelte es sich um eine Verfügung des Breslauer Oberlandesgerichtspräsidenten, in welcher die unterstehendeli Gerichte angewiesen wurden, bei der Zusammenstellung der Geschwornenlisten so wenig Juden als möglich zuzulassen, in dem andern Falle kam die bekannte strafweise Versetzung zweier antisemitischer Referendars in Hildesheim, welche einen jüdischen Referendar aus grundsätzlicher Abneigung von ihrer Tischgesellschaft ausgeschlossen hatten, zur Sprache. Der dritte Fall endlich betraf eine an das Haus gerichtete Petition um Verschärfung der Wuchergesetze. Der antisemitische Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg benützte diesen Anlaß, um gegen die Juden den Vorwurf zu erheben, daß sie mit Vorliebe Wucher betreiben und das christliche Volk ausbeuten. Die Wortführer der freisinnigen Partei ertheilten auf diese Anklage sofort eine vernichtende Antwort. Sie wiesen actenmäßig nach, daß der Abgeordnete Lieb ermann von Sonnenberg Ehrenscheine nicht eingelöst hat, und daß sein College und Gesinnungsgenosse Pickenbach einer der verächtlichsten Wucherer war, der in Hessen die schamloseste Aussaugung betrieb. Die Wucherdebatte im preußischen Abgeordnetenhause lieferte den Beweis, daß die antisemitischen Hetzer einander I überall gleich sind und in Oesterreich wie in Deutschland! auf dem gleichen sittlichen Niveau stehen. Wir geben die Verhandlungen ausführlich wieder, weil sie auch mit Bezug auf gleichartige Verhältnisse in Oesterreich vom großem Interesse sind. Anerkannt muß werden, daß die preußische Justizverwaltung in dem Hildesheimer Fall vollkommen correct vorgegangen ist, während sie in

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