Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 18 (7.5.1891)
- Date
- 1891-05-07
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
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Str. 18 Gesterreichifche Wochenschrift «Seite 327 Lebensstellungen strotzt. Der zweite Theil des Werkes ist ein Compendium der in der gesammten zeitgenössischen L teratur des Antisemitismus zu Hetzereien, Verleumdungen und Beschuldigungen gebrauchten Uebertreibungen, Entstellungen und Lügen; ein Hetzmaterial von solcher Mannigfaltigkeit, daß ein antisemitischer Agitator damit zehn Jahre lang hausiren gehen könnte. Indem die Reichsregierung durch die ini „Reichsanzeiger" veröffentlichte Notiz bekundet, daß sie das erstaunliche Buch des Herrn Paasch gelesen, giebt sie zu der Frage Anlaß: ob sie nicht erschrickt vor dem tiefen Abgrunde, an dessen Rand uns der Antisemitismus in seiner üppigsten Entfaltung gebracht hat? Denn nichts Anderes als die Frucht der jahrelangen antisemitischen Verhetzung, welche so und so vielen Leuten den Kopf verdreht hat, ist das zweibändige Werk des Herrn Paasch, gegen welches die R e i ch s r e g i e r un g jetzt den Staatsanwalt auf ruft! Die Antisemiten uni» das Chriftenthmn. Herrn Georg Schönerers officielles Organ die „U. D. W." Nr. 9 vom 1. Mai theilt im Briefkasten Folgendes den Lesern mit: „Germairenlmndler. Dieser Genosse schrieb: Als man von „gewisser" Seite daran ging, den Deutschen ihre einfache, tiefe Nationalreligion in eine auf orientalischer Grundlage aufgebaute Gotteslehre umzuwandeln, blieb ihnen, um der germanischen Eigenart nicht allzusehr den Zwang anzulegen, in den meisten Füllen nichts anderes übrig, als die germanischen Gottesnamen in christliche Heilige zu verwandeln. So trat an Stelle W n t a n s sehr oft St. Martin, St. Ruprecht und St. Georg. Letzterer nebstbei auch an Stelle des Siegfried, des Drachentödters. —" „Frau K. Noch heute ist es unter der katholischen Landbevölkerung Sitte am Gründonnerstag (dem alten Donnar geheiligten Tage) kleine Holzkreuze in die Felder zu stecken, damit die-Sommerfrucht vor Blitz und Hagelschlag verschont bleibe. Das kleine Holzkreuz ist nichts anderes als die Thor-Rune der Alten — um Thors Blitz und Hammer zu bannen! — dies vorausgeschickt, folgt nun der Spruch: „Thor stand am Mitternachtsende der Welt, Die Streitaxt schwang er, die schwere: „Soweit der sausende Hammer fällt. Sind mein das Land und die Meere!" — Und es flog der Hammer aus freier Hand, Flog über die ganze Erde. Fiel nieder am fernsten Südensrand, Daß alles sein eigen werde. Seitdem i st's freudig Germanenrecht Mit dem Hammer Land zu erwerben: Wir sind von des Hammergottes Geschlecht, Und wollen sein Weltreich erben!" Die Jude» und die polnische Mai Constitntio«. Wie die französische Nation im Westen Europas, so ist die polnische Nation im Osten des Welttheils die Bannerträgerin der Freiheit und der menschlichen Eivilifation geworden. Es ist ein tragisches Geschick, das dieses edle und hochbegabte Volk ereilt hat, und nur mit aufrichtiger Trauer im Herzen kann man den Verlust ermessen, den die Sache der Menschheit durch den Untergang der polnischen Selbständigkeit erlitt. Aber die Geschichte verzeichnet unvergängliche Zeugnisse von der hochherzigen Gesinnung der Tapferkeit und dem Edelmuthe dieser unglücklichen Nation, welche noch im Niedergange ein glorreiches Beispiel für andere Völker bot. Ein solches Zeugniß ist die Verfassung vom 3. Mai 1791, deren hundertjährigen Gedenktag die Polen in Oesterreich und Deutschland soeben mit glühender Begeisterung, die Polen Rußlands aber in stiller Wehmuth gefeiert haben. An den Grenzen der astatischen Barbarei proclamirte die Mai-Eonstitution die Menschenrechte von 1789. Aber die Bedeutung dieses Actes wächst, wenn man in Betracht zieht, welch' eine Welt despotischer Willkür und mittelalterlicher Vorurtheile die damalige polnische Republik umgab, wie das Reich selbst im Innern durch Parteiungen und Zwistigkeiten zerrissen und dem Untergänge geweiht war. Die Constitution vom 3. Mai bedeutet die geistige Befreiung des polnischen Volkes in dem Augenblicke, wo es seine physische Freiheit einbüßte. Ihre wohlthütigen Wirkungen erstreckten sich auch auf die Inden. Wie ein Hohn auf das gepriesene neunzehnte Jahrhundert liest sich heute der Antrag, den Thaddäus Czaki in dem sogenannten vierjährigen Reichstag einbrachte, und der als einen Grundsatz der neuen Verfassung die Verleihung des Staatsbürgerrechtes an die Juden forderte, welche bislang nur als Tolerirte betrachtet wurden, freilich als Tolerirte, an denen man in Wahrheit Toleranz übte. Die Constitution vom 3. Mai anerkannte die Juden als freie Menschen, gab ihnen das active Wahlrecht, stellte ihnen die Bewerbung um alle Aemter und Auszeichnungen jener Claffe der sie angehörten, frei, statuirte ihre Wählbarkeit als Beamte, verlieh ihnen relative Freizügigkeit, stellte sie in die Militär- und Steuerpflicht und in der Strafrechtspflege den Christen gleich und schützte ihre Gewissensfreiheit. Das geschah fünfzig Jahre, ehe die anderen europäischen Staaten durch die Revolution von 1848 zur Emancipation der Juden gezwungen wurden, das geschah hundert Jahre vor den Segnungen des Antisemitismus. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, wenn die Juden Polens, soweit sie. bereits geistig aufgeklärt waren, glühende Patrioten wurden und ihre Treue und Dankbarkeit gegenüber dem polnischen Volke vielfach bethätigten. Hätte die polnische Mai-Constitution durch die folgenden Jahrzehnte bis auf den heutigen Tag Gesetzeskraft behalten, fürwahr es gäbe heute kein jüdisches Proletariat mehr in Galizien und im Königreiche Polen, ja selbst l im übrigen Europa wäre der Antisemitismus eine Unmöglichkeit. In den Tagen des Unglücks haben die Juden Polens ihre Anhänglichkeit an die polnische Nation bewiesen, und so stark ist heute noch das Band, das vor hundert Jahren geknüpft wurde, daß auch jetzt noch in Galizien der Antisemitismus Mühe hat, sich Bahn zu brechen. Bon der Staatstreue und der dankbaren Gesinnung der polnischen Juden legt ein Danklied Zeugniß ab, welches im Jahre 1791 in Warschau gedruckt und anläßlich der Centennarfeier in! Stryj renovirt wurde. Dieses Danklied ist in hebräischer,; polnischer, deutscher und französischer Sprache verfaßt und l trägt folgende Widmung: > „Am Tage der Feier der von dem allerdurchlauchtigsten; König Stanislaus August und der erlauchten Republique entworfenen Neuen Constitution für das Königreich Polen am dritten , May 1792. Gesungen in Warschau und in allen übrigen Städten des Königreichs von sämmtlicher Judenschaft, zur Bezeugung ihrer tbeilnehmenden Freude und Treue. — Gewidmet von denen Deputirten der Jüdischen Gemeinde zu Warschau." Wir citiren zum Schluffe die folgenden, an König Stanislaus August gerichteten Strophen dieses Liedes: „Traten uns finstere Jahrhunderte in den Staub. Könnten Menschen je vergessen, daß wir Menschen sind — — Zu dir erheben wir nun hoffnungsvoll das Aug'. — Gott, der dich eoler Fürst gebildet, dich geweiht Zu vollführen nie erhörte Thaten Du schütz' uns nlit der Menschenliebe Fittig." „Laß dicses große Reich auch unser Antheil seyn. (Gott unser aller Vater ist unser Antheil!) Unter andern Bürgern sey auch uns das Los beschieden . Treu dem Baterlande, treu deiner Majestät, Entzieh uns, Gütiger! deine Gnade nicht. Sey uns gnädig, wie Gott dir gnädig ist."