Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 18 (7.5.1891)
- Date
- 1891-05-07
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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eetie 334 Hesterreichische Wochmfchrift vir. 18. 5 Jahren ist der junge Mann zumeist schon in der Lage, etwas zu erübrigen. Man wird zugeben, daß der Vorgang, wie er in diesem Waisenhause stattfindet, so rationell als möglich ist, und wäre er im Allgemeinen der Nachahmung werth. So viel ist gewiß, es studiren im Allgemeinen zu Viele und verhältnißmäßig noch mehr unter uns Juden. Allerdings entspringt dieser Fehler nur einer Tugend. Man hat bei uns Juden stets einen großen Werth aus Wissen und Bildung gelegt, und haben zu allen Zeiten diesbezüglich Eltern sür ihre Kinder die größten Opfer gebracht. In früheren Zeiten suchte man die Knaben mit jüdischem Wissen vollzupfropfen und heute mit allgemeinem Wissen oder mit den verschiedensten Wissenschaften; aber nicht alle haben die Befähigung, Jünger der Wissenschaft zu sein. Diejenigen, die thatsächlich Begabung und Talent haben, die sollen studiren; man dränge jedoch nicht die Mittelmäßigkeit oder gar die Talentlosigkeit in die Hallen der Wissenschaft. Wenn es sich jedoch um einen prattischen Beruf handelt, wähle man denjenigen, zu welchem der junge Mann Lust und Liebe, Talent und Geschick hat. Gewiß klagen manche Nichtjuden darüber, daß sich viele Juden dem kaufmännischen Berufe widmen. Glaubt man jedoch, daß die christlichen Schuster und Schneider oder Kanalräumer nicht darüber klagen, wenn Juden Schuster, Schneider und Kanalräumer werden? Im Jahre 1848 meinten die Schuhmacher in Wien, daß man den Juden wohl die Gleichberechtigung gewähren könne, jedoch solle man ihnen nicht gestatten, Schuster zu werden und am 7. Jänner 1860 reichte ein wackerer Lohgärbermeister in Böhmen ein Majestätsgesuch ein, in welchem er bat, den Juden den Handel mtt Fellen zu verbieten. Ich selbst habe Folgendes erlebt: Ich besuchte mehrere Jahre hindurch ein kleines Bad in Steiermark und brauchte daselbst oft den Beistand eines Schuhmachers. In der ersten Zeit war blos ein Exemplar dieser Gattung im Orte, später waren deren drei. Einmal klagte mir mein Schuster über die schlechten Zeiten, da er nun so große Concurrenz hätte. Das Unglück sei desto größer, da seine Concurrenten ebenfalls Christen seien, und könnte er sich leichter der Concurreuz der Juden erwehren. Man wähle also den Beruf, zu dem man Talent und Begabung hat. Wir halten ferner jeden Beruf für achtungswerth, der in achtungswerther Weise bettieben wird. Zum Schlüsse wollen wir noch folgende Daten aus dem angeführten Berichte anführen. Im Jahre 1890 betrug die Zahl der Zöglinge 76 und zwar 46 Knaben und 30 Mädchen. Es wurden verausgabt Mark 52.493'66. Der Gemeindezuschuß zur Verwaltung betrug Mark 29.300 86. Wie« ttttfe Corfu. Preßburg, 4. Mai. In der Bevölkerung von Mittel- und Westeuropa findet das Blutmärchen keinen empfänglichen Boden mehr und diejenigen, welche um jeden Preis mittelalterliche Judenhetzen heraufbeschwören wollen, sehen sich gezwungen, die Agitation dafiir in solche Gegenden tragen zu lassen, die in der Cultur noch so weit zurück sind, daß jede Ausgeburt der Phantasie Gläubige findet. Dabei heiligt der Zweck die Mittel und die Hintermänner dieser schändlichen Agitation, welche die Judenhetzen doch nur zur größeren Ehre Gottes arrangiren und sonst so eifersüchtig auf die Schismatiker sehen, sind so tolerant, auch der evangelischen und orthodoxen Kirche den Ruhm zu gönnen, „von Juden abgeschlachtete Kinder" zu haben. So arrangirten sie vor einigen Jahren die Aufführung des Blutmärchens in dem wellentlegenen ungarischen calvinischen Dorf Tißa Eßlar und arrangiren dieses Spiel gegenwärttg in Griechenland und unter den Griechen Kleinafiens. Der Antisemitismus wird mit einer Seuche verglichen; a -ein bei einer solchen liegt das Contagium in der Luft oder es wird verschleppt; der Antisemitismus wird jedoch absichtlich von Land zu Land getragen. Er hat seine Emissäre und errichtet seine Stationen wie die römische Propaganda, nur daß diese Emissäre äußerlich nicht als solche kenntlich, blos sogenannte „Jesuiten im Frack" sind, die in den fremden Ländern zu guten Anstellungen poussirt werden, um für die „heilige Sache" zu wirken. Alle Berichte über die Judenexcesse in Corfu und neuerdings auch in Smyrna melden, daß den Anstoß dazu die Verbreitung von Flugschriften und Bildern gegeben, die den Fanatismus des Pöbels aufstachelten, und die Bilder, welche die Abschlachtung eines Christenmädchens durch Juden darstellen, sollen, wie angedeutet wird, aus Wien stammen. Von dem Vorhandensein einer solchen Illustration in Wien spricht Herr Cornelius Vetter in seiner im Jahre 1886 gegen seinen Gesinnungsgenossen Ernst Schneider veröffentlichten und vor Kurzem in der „Oesterreichischen Wochenschrift" vollinhaltlich wiedergegebenen Broschüre: „Allemal", schreibt Herr Vetter, „wenn die Ostern heranrückten, wurde Herr Schneider unruhig und nervös, er suchte immer einen Lithographen, welcher ihm eine bildliche Darstellung verfertigen sollte, fand aber zum Glücke keinen, der sich zu seinen Zwecken hergab. Die Illustration, die sich bei ihm noch vorfinden dürfte, sollte darstellen, wie Kinder von Juden abgeschlachtet werden! Darunter die Mahnung an christliche Eltern: „Es nahen die jüdischen Ostern, da brauchen die Juden „Christenblut" zur Bereitung ihrer Osterbrote; Eltern, hütet eure Kleinen! u. s. w.". Entweder ist es Herrn Ernst Schneider, dem gegenwärttgen Reichsrathsabgeordneten für Sechshaus, doch endlich gelungen, einen Zinkographen für seine Zeichnung zu finden und das Cliche ist von Wien nach Griechenland gerathen, oder die Originalzeichnung selbst nun erst dort vervielfältigt worden. Zufällig ist das Bild aber gewiß nicht dahin gerathen, sondern ganz bestimmt zu dem Zweck der Aufhetzung der griechischen Bevölkerung gegen die Juden eigens dahin gebracht worden. Vor drei Jahren circulirte dasselbe Bild in Rumänien und man sprach auch dort allgemein davon, daß es aus Wien importirt worden sei. Aber mit diesem nachbarlichen Lande steht Oesterreich in lebhaftem Geschäftsverkehr und jeder antisemitische Commis Voyageur konnte ein Cultmträger des Wiener Antisemitismus dahin sein, in der Emballage jedes Waarenballens konnte so ein Schneidersches Bildchen liegen; zu Griechenland stehen wir jedoch geschäftlich zu fremd, als daß die Wiener Leitung der Bewegung die Propaganda daselbst einzig und allein auf diesem Wege besorgen lassen sollte. In Griechenland muß sie eigens eine Station errichtet und einen Emissär angestellt haben Ueber die Person dieses antisemitischen Sendlings in Griechenland ist man hier in Preßburg gar nicht in Zweifel. Jeder Preßburger, ob Christ oder Jude, der die Zeitungsberichte aus Korfu über die dorttgen Judencravalle las, hat sofort gerathen: „Das ist die Arbeit Fodors, Stefan F o d o r s!" Es ist dies ein Preßburger, der seit ungefähr einem Jahr Director der elektrischen Centralstation in Athen ist. Diese „elektrische Centralstation" ist aber zugleich die Centralstation für die Verbreitung des Antisemitismus in Griechenland und Kleinasien. , Dieser Stefan F o d o r war ursprünglich ein Buchdrucker-Setzer, wurde vor ungefähr vierzehn Jahren von einem gewissen Heksch, einem getauften Juden, der in Preßburg eine Zeitung herausgab, zum Reporterdienst verwendet, kam später in derselben Eigenschaft zum „Westungarischen Grenzboten", und in dieser seiner „journalistischen"