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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-24 · 17 (24.4.1891) · p. Seite 318

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
17 (24.4.1891)
Date
1891-04-24
Page
Seite 318 (sequence 20)
Language
German
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Seite 318 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 17 nach vollendeter Ausbildung als Vorleserin und Gesellschafterin in ein Wiener Haus, wo sie durch ihre vielseitige Bildung, ihre seltene Belesenheit und durch die Liebenswürdigkeit ihres Charakters bald die Liebe und Zuneigung aller Familienangehörigen gewann. Hier machte sie auch die Bekanntschaft meines Freundes, der in demselben Hause als Lehrer der Philologie und de> Naturwissenschaften wirkte. Man sagt, Gegensätze berühren sich. Sie, die ihren V o l t a i r als höchste Autorität anerkannte, disputirte gerne mit ihm, dem Maimonides und Mendelssohn Ideale waren, und obgleich sie gewöhnlich den Kürzeren zog, so war doch immer und immer nur sie die Herausfordernde. Auch heute sahen wir sie mit ihm anbinden. „Ich begreife nicht," meint sie zu ihm gewendet, „wie ein gebildeter Mann an der Neige des neunzehnten Jahrhunders noch an den uralten Bräuchen und Satzungen, die längst nicht mehr zeitgemäß und für uns Kinder der Neuzeit ganz und gar ohne Sinn und Bedeutung sind. Gefallen finden, sich so starr und fest daran klammern und zugleich sich solch' empfindliche Entbehrungen auferlegen kann." . . . „Ich finde," entgegnete der so Angesprochene, „weder die höchste Glückseligkeit, noch die Bestimmung oder die Vollkommenheit des Menschen darin, daß er nur der Genußsucht sröhne und seines Daseins höchste Aufgabe einzig und allein in der Befriedigung sinnlicher Genüsse suche und finde; ich theile und billige vielmehr die Ansicht unserer Alten, daß es dem Manne, dem festen Charakter, besser ansteht und ziemt, Herr seiner Neigungen und Gewohnheiten, seiner Triebe und Leidenschaften zu sein. Wenn ich zu gewissen Zeiten gewissen Genüssen entsage, so bekunde ich hiemit nur meine Willensstärke, und Willensstärke zu zeigen, ist, so glaube ich wenigstens, niemals unzeitgemäß "... „Sie halten unsere Speisegesetze für sinn- und bedeutungslos, ohne zu bedenken, daß gerade das Speisegesetz nicht wenig dazu bei getragen, unser Familienleben so zu gestalten und herauszubilden, daß es von Freund und Feind bewundert und anerkannt wird. Nicht im Gasthause, wo ihm unerlaubte Genüsse geboten werden, feiert der fromme Jude seinen Sabbat und Feiertag, sondern im trauten Familienkreise. — Wenn ich insbesondere die humanitäre Seite des Osterfestes in Betracht ziehe, wenn ich erwäge, daß unser Pessachfest Menschen- und Nächstenliebe nicht nur predigt, sondern auch bethätigt, ja reichlich bethätigt, so erscheinen mir diese uralten Gebräuche und Ceremouien gar nicht so „sinn- und bedeutungslos", wie Sie zu glauben belieben, sondern scheinen mir schon darum und deshalb aufrechterhalten und unseren Nachkommen überliefert zu werden. Durchwandern Sie an diesen Tagen unseren Welttheil, ja vielleicht die ganze b'wohnte Welt, und Sie begegnen überall, wo Sie eine jüdische Gemeinde finden, eine Institution, die das Herz eines jeden Menschenfreundes erfreut. Jede jüdische Gemeinde hat nämlich die religiöse Pflicht, die armen Witwen, Waisen und Fremden in ihrer Mitte über die Feiertage mindestens mit Brot und Wein zu versehen; denn es sind „Festtage des Herrn", nicht nur für den Wohlhabenden und Reichen, sondern auch für den Armen und Dürftigen, und wenn der in dem Kampf um's Dasein schwer und bitter ringende Arme mit Brot und Wein versorgt ist, so weiß auch er, daß Feiertag ist. — Wenn das innige und sinnige Pessachfest, das überdies noch einen historischen Hintergrund hat, nun Anlaß und Anregung gibt, so vieler Tausende von Armen und Verlassenen sich zu erinnern, sie zu erfreuen und zu erquicken, so verdient es schon um dessentwillen hoch und heilig gehalten zu werden." „Diese ethische Auffassung," meinte Fräulein Eugenie, die wie alle Anderen obige Ausführung mit gespannter Aufmerkiamkeit angrhört hatte, „läßt sich anhören und scheint recht acceptabel; was aber den historischen Hintergrund anbelangt, so erinnere ich mich, in einem Geschichtswerke gelesen zu haben, daß die Israeliten niemals in Egypten waren und folglich auch keinen Auszug von dort gehalten haben; die ganze Erzählung, wie die Wunder, die sich bei dieser Ge legenheft ereiguet haben sollen, gehören sammt und sonders zu den Sagen und Märchen der Alterthums". . . . Hierauf erwiderte mein Freund Folgendes: „Im sechzehnten Jahrhundert war unter den deutschen Gelehrten ein Streft darüber entstandeu, ob ein mit Wasser gefüllter Bottich an Gewicht zuaehme, wenn man einen lebenden Fisch ins Wasser gibt. Der Kampf der Meinungen währte lange und wurde mit großer Heftigkeit und Erbitterung geführt. Eine stattliche Zahl von Gelehrten bewies mit vielem und großem Aufwand von Scharfsinn und Gelehrsamkeit, daß der Wasserbehälter durch die Zugabe eines lebenden Fisches unmöglich an Gewicht zunehmen könne. Die Gegner dieser Ansicht bewiesen wiederum auf theoretischem Wege, daß die Tonne unbedingt an Gewicht zunehmen müsse, sobald ein Fisch, wenn auch in lebendem Zustande, in's Wasser gebracht werde. — Wer die breitspurige und weit, schweifige Schreibweise jener guten alten Zeit kennt, kann sich ungefähr vorstellen, wie viel Tinte und Schreibpapier dieser „Gelehrtenzwist" gekostet haben mag. Endlich kam ein einfacher, schlichter Mensch, der zwar nicht der Gelehrtengilde angehörte, aber über fünf gesunde Sinne verfügte, auf den Gedanken, es auf einen Versuch ankommen zu lassen, und mit dem Versuche war die wichtige Frage endgiltig entschieden. „Diese drollige Geschichte, die durchaus nicht erfunden, sondern in Wahrheit und Wirklichkeit sich ereignet haben soll, fällt mir immer ein, so oft ich vorgefaßte Meinungen und schrullige Hypothesen anhören muß. — Ich will Ihrem Historiker einen modernen Forscher gegenüberstellen. Hören Sie, wie einer der gelehrtesten Egyptologen, Heinrich B r u g s ch B e y, sich über die geschichtliche T h a t s a ch e des israelitischen Auszuges aus Egypten äußert. Derselbe hat die Fragen über das Wie des Auszuges bn Israeliten aus Egypten und über die Behandlung, die sie daselbst zu erdulden hatten, einer eingehenden Forschung unterzogen und ist auf diesem Wege zu der Ueberzeugung gelangt, daß die aus jener Zeit erhaltenen Papyrusrollen und Inschriften mit den Angaben der Bibel übereinstimmen. So besagt eine im Museum von Lüttich aufgefuudene Papyrusrolle, „daß ein Schreiber allmonatlich unter die Hebräer, welche Steine zu den Festungswerken von R a m s e s schleppten, Getreide vertheilte". Ändere Papyrusrollen bestätigen, daß die Stadt von Ramses ll. gebaut wurde. Es hat sich sogar ein sehr emphatisches Lobgedicht auf die Stadt Ramses vorgefunden, das auf einer Seite seiner Blätter einen Ausweis über die Maurerarbeiten enthält, aus dem hervorgeht, daß dieHebräer unter militärischer Neberwachung täglich eine be st immteAnzahlvonZiegelnliefern mußten. Aehnliches enthält bekanntlich auch die Bibel. Man hat lange Zeit hindurch über den Platz gestritten, auf dem Ramses aufgeführt war. In Folge der auf Anordnung des Khedive angestellten Nachgrabungen kann man mit voller Sicherheit annehmen, daß die gigantischen Ruinen des alten T a n i s, das egyptische Z a n, hebräisch Z o a n hieß, die Reste von Ramses seien, wohin der 68. Psalm den Schauplatz der Wunder verlegt. R a m s e s lag an dem tamitischen Arm des N i l, der damals sehr breit war; dieser Arm berührte die Festung Mi g dol, von der die Bibel ebenfalls spricht, und floß in der Nähe des von Moses gleichfalls erwähnten Bezirkes P r t o m. Bon Ramses bis Migdol verfolgten die Israeliten bei ihrem Auszuge genau denselben Weg, den, wie eine Papyrusrolle des britischen Museums erzählt, ein egyptischer Beamter behufs Verfolgung flüchtig gewordener Sklaven einschlug, welche die Wüste zu erreichen suchten, indem sie von Ramses nach Sukoth, Etham und Migdol eilten — sämmtlich Orte, welche die Bibel ebenfalls aufzählt. Auch die biblischen Angaben über die Wüstenreise der Israeliten stimmen mit dem Inhalte der erwähnten und anderer Documente überein. So durchziehen sie die Wüste Schur, die zwischen dem Mittelmeere und dem Golf von Suez liegt. In jenen Gegenden kamen, wie Strabo und Diodor erzählen, häufig verderbliche Hochfluthen vor, die einmal eine Armee des Perserkönigs Artaxerxes vernichteten. Die bitteren Wässer der Israeliten bei M a r a sind die Bittersalzseen von Suez» der Ort Elim, wo sie lagerten, heißt gegenwärtig E i n M u f a und erst nach dem Umwege über die Landenge von Suez zogen sie zum Berge Sinai herab." Mein Freund hatte mit Wärme und Begeisterung gesprochen und als er geendet, wurde ihm einstimmig ein lautes „Bravo!" zugerufen. * * Seitdem ist ein Jahr verflossen. Eugenie ist indessen in des Wortes schönstem und bestem Sinne jüdische Hausftau geworden. Sie ist entzückt von der Poesie des Sabbaths und des jüdischen Lebens überhaupt, und mit Vorliebe beschäftigt sie sich in ihren Mußestunden mit unserer Literatur, die ihr ehedem fast ganz unbekannt war.

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