Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 317 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Hesterreichifche Wochenschrift Seite 317 Verstimmt ließ er sich in seinen Stuhl nieder. Zu seiner Reckten saß der Gast, und eben wollte die bekümmerte Tochter, die den Borwurf über ihren Gatten schmerzlich fühlte, platznehmen, als dieser denn doch erschien, auf den Greis zueilte und ihm die Hand küßte, dann den Fremden grüßte und sich zur Linken seines Schwiegervaters setzte. Die Frau rückte ihren Stuhl hart an den seinigen und legte ihr Haupt auf seine Schulter. Er bog den Kopf zurück, um ihr in die Augen zu sehen. „Du weinst, mein Herz?" fragte er leise. „Vor Freude, daß du gekommen bist." lispelte sie. Mit zitternden Händen füllte der Greis einen der silbernen Becher für Eliah-H'nabi, dann den seinigen und zuletzt die Gläser für den Gast, den Schwiegersohn, die Tochter und Enkelin und begann den Kiddusch. Nach dem zweimaligen Füllen der Becher und Gläser sagte das Mädchen das ..Mah Nischtaneh" auf. Selbst über das blasirte Gesicht ihres Vaters flog dabei ein Schimmer hehrer Erregung, der Großvater aber weinte und der Fremde verhüllte sein Haupt mit den Händen und die Thränen tropften langsam durch seine Finger. In weihevoller Stimmung ging es dann in der Hagada weiter. Nach Beendigung des ersten Theiles und während des Mahles wurde der Gast in das Gespräch gezogen. Hatte man es vorher nicht gesehen, oder war eine Wandlung mit der demüthigen Gestalt des Armen vorgeoangen? Die Frau wenigstens glaubte ganz deutlich zu bemerken, daß die schlichfe Gestalt, die armselige Kleidung und dieses kummervolle Antlitz, daß sie vorher mit Mitleid gemustert hatte, eine gewisie natüriche Vornehmheit ausstrahle, und seine Ausdrucksweise von hoher Intelligenz zeuge. Er erzählte von seinen weiten Reisen in der Welt und daß er lange Jahre in Amerika, besonders in Südamerika gelebt. Alle lauschten in fieberhaft erregter Spannung. „Auch e r soll dort sein, murmelte der Greis für sich und seufzte tief. „Wenn ich bitten darf, wer ist mit diesem „er" gemeint? Menschen begegnen sich, vielleicht kann ich einige Auskunft über ihn geben." „Es ist mein Sohn, der uns als fünfzehnjähriger Knabe wegen eines häuslichen Berdruffes verlassen und um den ich seit vierzig Jahren noch keinen frohen Augenblick hatte. Sehen Sie meine Tochter hier an, so muß er aussehen, so schön, wenn auch älter." Die Frau erröthete über und über und verbarg ihr Gesicht an der Brust ihres Mannes, der sich zu ihr herabbog und sie mit Küssen bedeckte. „Ja. ich kenne einen solchen, wie mich selbst, er war Besitzer eines Landgutes unweit von Cachoeira in Brasilien und heißt Don Louis Cadiz." „Es ist mein Sohn, er ist's!" seufzte der Greis und auch von den Anderen der Gesellschaft wich nun jeder Zweifel an der Wahrheit der Erzählung des Fremdlings. „Erzählen Sie uns von ihm so viel Sie wissen", bat die Frau im Tone ehrerbietiger Höflichkeit. „Bor Allem, ist er Jude geblieben?" fragte der Greis. " „Ja," antwortete der Fremde bestimmt. „Der Besitzer des Landgutes bei dem er anfangs diente, und dessen Tochter er dann heiratete ebenso der Geistliche des Hauses, waren Abkömmlinge von spanischen Marannen und wahrten im Geheimen ihr Judenthum. Das Paar wurde heimlich nach jüdischem Ritus getraut." „Und hat er Kinder?" fragte der Greis weiter. „Einen einzigen Sohn, den er vor einigen Jahren schon, nachdem dessen Mutter mit dem Tode abgegangen war. nach Europa, hieher nach Wien sandte, damit er sich offen zum Judenthum bekenne, Wenn Sie unter den hiesigen Spaniolen einige Bekanntschaft haben, könnten Sie leicht über diesen jungen Mann etwas erfahren." Bei der letzten Bemerkung des Fremdlings, erröthete das Mädchen und auch ihre Eltern sahen sich dabei gegenseitig an. Sie besaßen allerdings einige Bekanntschaft unter den Spaniolen. Das Mädchen besuchte ein Institut, in welchem Töchter türkischer Juden ihre Mitschülerinnen waren, die sie auch dann nach dem Austritte aus dem Institute öfters besuchte, und im Hause einer dieser Freundinnen lernte sie einen jungen Mann kennen, dessen Liebe sie gewann, und von der sie vor ihren Eltern kein Geheimriß machte. Unter der gespanntesten Aufmerksamkeit seiner Wirthe erzählte der Fremde immer weitere Details aus dem Leben dieses Don Louis Cadiz. Das Mahl währte lange und nach Beendigung desselben und der Darreichung des „Asikoman" beehrte der Greis den Gast mit dem Bortrag des Tischgebetes. In fröhlicher Stimmung wie schon seit langen, langen Jahren nicht, sagte der Greis nach dem Tischgebet zu seiner Enkelin: „Judith, öffne die Thür für Eliah-H'nabi!" Lachend hüpfte das Mädchen zur Thür. Und als sie sie öffnete, stand im Rahmen derselben der junge Mann, dessen Bild sie im Herzen trug. Er verbeugte sich und schritt rasch auf den Fremden zu. der sich von seinem Sitze erhob und dem Eintretenden beide Hände entgegenstreckte. . „Hier," ries er, „haben Sie den Sohn des Don Loms Cadiz und dieser selbst bin ich! Vater, vergib mir!" schluchzte er vor dem Greis niedersinkend. Diesem, wie den beiden Gatten schien dies Alles wie eine Sinnestäuschung wie ein Traum. Es dauerte lanee, bis sie es fassen konnten, daß es Wirklichkeit sei, und dann drohte die Freude die Brust zu zersprengen. In wiederholten Umarmungen und Küssen aber sprachlos, versuchte man den Sturm im Herzen abzuleiten. Dabei wurde fast an das junge Paar vergesstn, das seine speciellen Gefühle austauschte. Endlich gelang es dem Greis zuerst in Lob und Dank zu Gott Meister seiner Äufr>gunq zu werden. Zum vierten Mal 'üllte er den Becher und stimmte das Hallel an und alle fielen im Chore ein: Hallelujah! Prüfe wer sich ewig bindet- Ob sich das Herz zum Herzen findet. Zwei Männer kamen einst zu dem Vorsteher ihrer Gemeinde mit dem Ansuchen, ihr Schiedsrichter zu sein. Das Oberhaupt der Gemeinde ließ, wie er's in solchen Fällen stets zu machen pflegte, zuerst den Kläger zu sich in's Stübchen kommen, auf daß er hier ungestört und ungenirt sein Anliegen vorbringe. Der Vorstand folgt der Auseinandersetzung allem Anscheine nach mit großer Aufmerksamkeit und gibt, als jener geendet, im Tone innerer Ueberzeugung die Erklärung ab: „Nachdem ich die Darlegung des Sachverhaltes von ihnen vernommen, stehe ich nicht an zu erklären, daß ich der Ansicht bin, daß Sie lieber A vollkommen recht haben." — Mit dem stolzen Bewußtsein, das gesuchte Recht auch wirklich gesunden zu haben, entfernt sich der Kläger A. — Nun kam die Reihe an den Geklagten 8, sich in der Angelegenheit zu äußern. Auch er wird anscheinend aufmerksam angehört. Und wie er fertig ist, spricht der Schiedsrichter das große Wort gelassen aus: „Nach meiner Auffassung und wie mir scheinen will, haben S i e, lieber 8, vollkommen recht." — Höchst befriedigt über diesen Ausspruch, entfernt sich auch 6. Nun aber wird dem schönen Geschlechte nachgesagt, daß ihm unter anderen Schwächen insbesondere und vorzugsweise auch die einer unbändigen Neugierde eigen ist. Die Gattin des Vorstehers hatte denn auch an der Thüre alles — Fall und Urtheil — erlauscht, und säumte nicht, ihre Verwunderung über dies sonderbare Urtheil auszvdrücken. „Mein liebes Kind." sprach sie, „du gibst dem Kläger und gleichzeittg auch dem Geklagten recht — „erkläre mir Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur" .... Darauf der Herr Gemahl: „Mein Kind, auch d u hast recht." .... Ich besitze einen Freund, der sich längst die praktische Maxime unseres Vorstehers angeeignet hat, denn er ist der Ansicht, es sei viel leichter, allen Leuten recht zu geben, als allen Leuten es recht zu machen, da man in letzterem Falle gar leicht in eine ähnliche Lage gerathen kann, wie jenes alberne Bäuerlein, von dem I. P. Hebel erzählt, daß er einst mit seinem Sohne einen Esel auf den Martt getragen hat, in dem aufrichtigen und ernsten Bestreben, es allen Leuten nur recht zu machen — um schließlich von aller Welt gründlich ausgelacht zu werden. Aber zur rechten Zeit und an geeigneter Stelle versteht es mein Fre'nd auch recht gut, seinen Standpunkt wacker zu vertheidigen und mit Erfolg zu opponiren. „Das Schicksal eines Menschen ist das Product seines Charakters." Der angedeutete Charakterzug meines Freundes sollte auch über sein Geschick entscheiden. Es war an einem Ostertage des vorigen Jahres. Mein Freund wurde eingeladen, sich einer kleinen Gesellschaft anzuschließen, um mit derselben einen Ausflug in eine der reizenden Gegenden zu machen, mit welchen unsere Residenzstadt so reich gesegnet ist. Nach mehrstündiger Wanderung kehrte die Gesellschaft in eine Herberge ein. wo Alles alsbald bestrebt war, sich nach den überstandenen Mühen entsprechend zu stärken und zu restauriren. Nur unser Freund mackte eine Ausnahme und begnügte sich mit einigen Früchten, die er vorsorglich mitgenommen hatte. In der Gesellschaft befand sich auch eine junge Dame von eleganter Erscheinung und einnehmendem Aeußern — Fräulein Eugenie. Ihr Vater war als Officier der französischen Armee im Jahre 1871 schwer verwundet in Gefangenschaft gerathen und daselbst gestorben Ihre Mutter, die Officierswitwe, verwendete die bescheidene Pension und alle mögliche Sorgfalt darauf, ihre früh verwaisten Kinder — zwei Söhne und ein Töchterchen — so zu erziehen und auszubilden, daß sie, da sie kein Erbtheil zu erhoffen hatten, dereinst selbst ihr Fortkommen in der Welt finden könnten. Der älteste Sohn wählte den Beruf seines sel. Vaters, der zweite wurde Techniker und Eugenie kam