Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 316 (sequence 18)
- Language
- German
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<£>'«* 316 GesterreLchtsche Wochenschrift Nr. 17 schwerde und entschied, daß der ständige Aufenthalt in Kiew den jüdischen Fuhrleuten in der That verboten ist. S1. Petersburg. Einem Telegramme an das Pariser Blatt „Matin" zufolge wurde beschlossen, alle fremden Blätter, welche den Inden im Allgemeinen sympathisch gesinnt sind, insbesondere aber für die in Rußland wohnenden Juden eintreten, in Rußland nicht mehr zuzulassen. Der Minister des Innern Dournovo hat hierüber einen Specialbericht an den Kaiser erstattet. In kurzer Zeit werden noch strengere Maßnahmen gegen die Juden getroffen werden. Es wird beabsichtigt, ihnen den Aufenthalt in allen großen Städten des Reiches zu verbieten, wie dies bereits in St. Petersburg, Moskau und Riga geschehen ist. Odessa. Aus verläßlicher Quelle wird mitgetheilt, daß eine gänzliche Vertreibung der Juden aus Moskau und Umgebung bevorsteht. Die Befürchtungen, welche die Juden der alten Hauptstadt seit der ersten Ankündigung des Großfürsten als Nachfolgen des Prinzen Dolgorukow im Generalgouvernement von Moskau gehegt haben, würden sich auf diese Weise leider bestätigen. Der Bericht von einer bevorstehenden Vertreibung der Juden aus der Stadt und dem Gouvernement von Kiew bedarf noch der Bestätigung, aber es ist bekannt, daß die Kirchenbehörden, welche gerade jetzt einen ungewöhnlich mächtigen Einfluß auf die Berather des Kaisers ausüben, auf das jüdische Viertel von Kiew als eine Art Profanation der Helligen Stadt des Reiches blicken. In allen größeren Orten außerhalb des sogenannten jüdischen Gebietes hält die Polizei nächtliche Streifungen ab und alle Juden, welche keine Aufenthaltsbewilligung besitzen, oder deren Legitimationspapiere nicht in bester Ordnung sind, werden verhaftet, als Vagabunden bestraft und hierauf in ihren Geburtsort zurückgeschickt. Kaukaulruopet (Das Ostermärchen.) Man telegrafirt ans Constantinopel: „Die Polizei in Smyrna hat mehrere Griechen verhaftet, welche das Gerücht ausgesprengt hatten, die Juden daselbst hätten einen griechischen Kttaben gestohlen, um denselben zu ihrem bevorstehenden Osterfeste abschlachten zu können. Bei einem dieser Verhafteten wurden auch zwei Kisten mit lithographirten Bildern saisirt, welche den 94jährigen Oberrabbiner von Smyrna Abramo P a l acci darstellen, wie er die Christenkinder abschlachtet. Die Polizei hegt den Verdacht, daß diese Lithographien in Oesterreich, eventuell in Wien, angefertiot wurden." Athen, 20. April. Hiesige Blätter berichten über auf Corfu vorgefallene Unruhen. Gegen die dortigen jüdischen Einwohner herrsche große Erbitterung,' welche auf Gerüchte von der Ermordung eines jungen jüdischen Mädchens im israelitischen Viertel zurückzuführen seien. Das israelitische Viertel werde militärisch bewacht. Es sei nach Corfu militärische Verstärkung abgegangen. Das wahrscheinlich von Christen ermordeteMädchen ist die Tochter eines armenjüdischenSchneiders. Athen, 21. April. Ueber die Excesse gegen die Juden in Corfu langten hier folgende Nachrichten ein: Im Ghetto sei ein in einen Sack gehülltes todtes Mädchen, circa acht Jahre alt, gefunden worden, welches keine Spur von Verletzungen zeigte Der Rabbiner veröffentlichte eine Erklärunng, daß das Mädchen einer jüdischen Familie angehört habe, Die aufgeregte Menge zog den jüdischen Club, riß die dort wehende Fahne herab und verbrannte dieselbe. Der Präfect erschien persönlich, um die Menge zu beruhigen. Das Militär ist consignirt, um das Ghetto ist eine Militärcodon gezogen. Alle jüdischen Geschäfte sind geschlossen. Man befürchtet übrigens weniger Ausschreitungen der Stadtbevölkerung, ols der Bauern der Umgebung. Kairo, 12. März. Die von der hiesigen Maimonides- Loge zu Gunsten ihrer Schule veranstaltete Festlichkeit ergab einen Reinerttag von 2000 Francs. Hrkeaas. Der Municipalrath von Orleans hat beschlossen, 2600 Francs für die Renovirung der alten Synagoge in dieser Stadt beizusteuern. Khicago. Für die Errichtung eines Altersversorgungshauses in Chicago hat Mr. Abraham Glimmer, ein jüdischer Bürger von Waverley in munificenter Weise den Betrag von 50.000 Dollar subscribirt. Ein weiterer Betrag von 60.000 Dollar wurde für denselben Zweck bereits aufgebracht und befindet sich unter den Spendern eine jüdische Dame Mrs. Elise Frank, welche allein den Betrag von 10.000 Dollar zu diesem Zwecke widmete. Familienblcttt. Wochen- April-Mai 1891 Nissan 5651 Kalender Freitag 24 16 2. Pesach Samstag 25 17 1. Halbfeiertag Sonntag 26 18 2 » „ Montag 27 19 ti n Dienstag 28 20 4. Mittwoch 29 21 7. Pesach Donnerstag 30 22 8. Pesach Freitag 1 23 Samstag 2 23 nnN Sonntag 3 24 Montag 4 25 Dienstag 5 26 Mittwoch 6 i 27 Donnerstag 7 28 Freitag 8 i 29 Der Keder-Aderrd. Es ist der erste Seder-Abend. In dem behaglich durchwärmten, hellerleuchleten Zimmer, dessen ganze Einrichtung von Wohlhabenheit zeugte, lehnte eine Frau müde in der Sofaecke, das Haupt auf die Hand gestützt. Auf ihren Wangen lag nicht mehr der frische Schmelz erster Jugendblüthe und ihr dichtes Haar war leicht, wie von weißem Puder, silbern gefärbt, aber in den dunklen Augen leuchtete noch die volle geistige Regsamkeit, und die Gestalt verrieth selbst in ihrer müden Stellung roch Grazie und Elasticität. Sie träumte. Es mußten Träume voller Wehmuth sein, denn ein schmerzliches Zucken ging um ihre Lippen. In der andern Ecke des Sofas saß ein schönes sechzehn- bis siebzehnjähriges Mädchen, aus der in der Hand haltenden Hagada etwas einstudirend. „Mama", wandte sich das Mädchen nach einer Weile an die Frau, „ich werde es können, wie noch jedes Jahr. Großvater wird eine Freude haben!" „Gott geb's!" sagte die Frau seufzend und erhob sich vom Sofa, um die letzten Zurüstungen auf dem mit schneeweißem Damast gedeckten Tisch zu treffen. Sie rückte die wit großer Sachkenntniß nach gutem alten Brauch angerichtete Seder-Schüssel von der Mitte des Tisches mehr nach oben in die Nähe des Großvaterstuhls. nahm aus einer bereitstehenden Caffette zwei olterthümliche silberne Becher, die sie neben die Seder-Schüffel stellte, dann holte sie von. der Credenz eine Flasche Rothwein und mehrere Trinkgläser, die sie iu gleichweiten Entfernungen von einander aufstellte. „Wozu, Mama, denn so viele?" fragte das Mädchen. „Wird dein Papa denn doch nicht kommen? Und du weißt ja, daß dein Großvater jedesmal aus dem Tempel auch Arme zum Seder mitbringt." Sie war mit ihren Zurichtungen noch kaum fertig, als Schritte am Corridor vernehmbar wurden, und gleich darauf rauschten die Portieren auseinander, der Greis erschien auf der Schwelle, einen ärmlich gekleideten Mann an der Hand nach sich ziehend. Tochter und Enkelin eilten ihm entgegen, bogen das Haupt und er legte segnend seine Hände auf sie, dann wies er auf den Fremden und sagte: „dieser Herr ist heute und morgen unser Gast." Der Mann verbeugte sich vor den Damen und ließ sich von ihnen zu einem Stuhl am Tische geleiten. „Mein Schwiegersöhnchen wird mir wahrscheinlich auch heute nicht die Ehre geben," sagte der Greis in bitterem Tone, während die Tochter ihm den Schlafrock und die goldaestickte Kappe reichte, „sich auch an dem einen Abend nicht seiner Religion zu erinnern! Noch ärger als die Christen, von denen die Schlechtesten doch an ihren heiligen Abend in ihrer tobten oder trägen Seele ein hehres Empfinden haben. Ehe auch er unter meinen Augen ein so moderner Jude hätte werden sollen — besser ich weiß gar nichts von ihm."