Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 310 (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 310 Hesterreichrfche Wochmschrift Vit. 17 da ben Provinzgouverneuren gestattet werden soll, in besonderen Fällen den Auszuweisenden weitere, als die im Gesetz 'festgestellten Fristen zu gewähren. Auch der Odessaer Correspondent der „Daily News" will aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, daß die vollständige Ausweisung der Juden aus Moskau bevorstehe, was beweise, daß die Befürchtungen der letzteren seit der Ernennung des Großfürsten Ssergei zum Generalgouverneur von Moskau an Stelle des humanen greisen Fürsten Dolgorukow nur zu begründete gewesen seien. Eine ähnliche Maßregel werde für Kiew geplant und in allen volkreichen Städten außerhalb des Judenrayons halte die Polizei jetzt nächtliche Razzias ab und alle Juden, welche keine Aufenthaltskarte vorweisen können oder deren sonsttge Legitimationspapiere nicht vollständig in Ordnung seien, würden verhaftet und wie Vagabunden nach ihren Geburtsorten gesandt. Wir wissen nicht, was an diesen Mittheilungen im Einzelnen wahr ist, allein das wissen wir, daß die Verfolgung aller nichtrussischen Nationalitäten und aller Confessionen in Rußland, außer der griechisch-orthodoxen Kirche, nicht in Abnahme, sondern in Zunahme begriffen ist, was auch Diejenigen bedenken sollten, welche wieder einmal bereit zu sein scheinen, der russischen Regierung ein Vertrauensvotum in klingender Münzezugeben. Kietzing. Eine der interessantesten Figuren aus dem jüngsten Wahlkampfe in unserem Bezirke ist unstreitig die Person des letzten Bürgermeisters von Penzing Herr Georg Gusenleithner. Nicht etwa, daß der gute Mann durch besondere Verdienste aus der Reihe seiner übrigen College» hervorgeleuchtet hätte, o nein! Was diesen Mann so hochinteressant macht, ist die wunderbare Fertigkeit, womit er es zuwege brachte, seine politische Ueberzeugung jedesmal nach Bedarf und im Handumdrehen zu wechseln beziehungsweise sie den geänderten Verhältnissen anzupassen. Ein besonders praktischer Mann, der er ist, hat er es nämlich während seiner ganzen bisherigen Thätigkeit bei allen Wahlen stets verstanden, einem Korke gleich auf der Oberfläche zu schwimmen und sich von den Wellen der öffentlichen Meinung hübsch tragen zu lassen. Als die schöne Erfindung des Anttsemitismus auch Penzing beglückte, wich er schlauer Weise allen Gelegenheiten aus, aus denen ein für oder gegen bei ihm mit einiger Besttmmtheit hätte geschlossen werden können. Eine entschiedene Parteinahme erschien ihm wohl schon um deswillen nicht opportun, da ja damals — es war dies vor drei Jahren — die Gemeinderathswahlen für Penzing vor der Thüre standen und er, vorsichtig, wie er war, nicht recht wissen konnte, welche Partei denn eigentlich die stärkere war. Ich will gerade nicht behaupten, daß es ein großes Unglück für Penzing gewesen wäre, wenn Herr Gusenleithner nicht mehr mit der bürgermeisterlichen Würde bekleidet worden wäre, doch meine Meinung ist ja nicht maßgebend, umso weniger, als ja Herr Gusenleithner, der in dieser Beziehung jedenfalls die competenteste Persönlichkeit ist, von der Nothwendigkeit seiner Wahl zum Bürgermeister zum Heile Penzings so voll und ganz überzeugt war, daß er sich damals sowohl von liberaler als auch von antisemitischer Seite aufftellen ließ und thatsächlich auch sein Ziel — den Bürgermeisterposten — erreichte. Nachdem die Wahlen im Allgemeinen eine fast ausschließlich antisemitische Gemeindeverttetung ergaben, so gab es für den Wackern nichts Eiligeres zu thun, als gleichfalls das dünne liberale Mäntelchen, das er bisher getragen, gänzlich abzuwerfen und sich in seinem Verhalten peinlichst genau nach den Wünschen der im Gemeinderathe herrschenden anttsemittsche» Stimmführer zu richten- Erst als die Neuordnung der Dinge in Sicht ttat, zog es wieder wie ein leises Ahnen durch die bürgermeisterliche Seele, ob es denn nicht vielleicht für die Zukunft praktischer wäre, die abgelegte liberale Hülle wieder umzuhängen; er schien dem anttsemittschen Spuk nicht recht zu trauen und fürchtete nicht mit Unrecht für die Zukunft seiner Person. Im Geiste sah er sich wohl schon als wohlbestellter Stadtrath oder Gemeinderath, zum wenigsten aber mußte ihm die Stelle eines Bezirksvorstehers in den Schoß fallen. Demgemäß traf er auch seine Vorkehrungen und so konnten wir eines schönen Tages anläßlich der jüngsten Reichsrathswahlen den antisemitischen Bürgermeister von Penzing als — Mitglied des liberalen Bezirkswahlcomites für den Bezirk Sechshaus in den Zeitungen lesen. Doch diese liberale Anwandlung hielt gar nicht lange an. Die Gemeinderathswahlen wurden ausgeschrieben und zur Ueberraschung Aller prangte der bürgermeisterliche Namen wieder auf den antisemitischen Wahlplacaten. Was war geschehen? Etwas ganz Einfaches. Der schlaue Herr, der um jeden Preis wieder etwas werden wollte, ließ sich von den antisemitischen Wortführern des Ortes, welche seinen Namen für ihre Sache sehr nothwendig brauchten, überreden, zumal als sie ihm den Posten eines Bezirksvorstehers in sichere Aussicht stellten. Der ursprünglich liberale, dann antisemitische, dann wieder liberale Herr Gusenleithner wurde nun wieder ein strammer Antisemit, präsidirte allen antisemitischen Radau-Versammlungen und gab sich auch die größte Mühe, die „gute", d. h. seine Sache, durchzuführen. Wirklich schien es ihm zu glücken, die Wahl im dritten Wahlkörper fiel bekanntlich zu Gunsten der antiliberalen Partei aus und unser wackere Gesinnungsheld sah sich schon am Ziele seiner Wünsche. Doch o weh! Der zweite Wahlkörper versetzte den Hoffnungen der antiliberalen Geschäfts- und anderen Antisemiten einen gewaltigen Stoß und der erste Wahlkörper vernichtete gründlichst die letzten Illusionen. Die Antiliberalen sind im Bezirksausschuß in die Minorität gerathen und die einträgliche Bezirksvorsteherstelle ist für Herrn Gusenleithner verloren, denn die in der Majorität gebliebenen Liberalen zeigen nicht die geringste Lust, diese politische Windfahne an die. Spitze des Bezirkes zu stellen. Sie finden 'sich dazu wohl einen Besseren. Herr Gusenleithner, dem von der geträumten Herrlichkeit nichts weiter als ein Ausschußmandat in der Bezirksvertretung geblieben ist, wo er sich noch dazu in der Minorität befindet, verwünscht noch heute die unglückliche Idee, mit Hilfe der Antisemiten eine einflußreiche Stellung im Bezirke zu erreichen. In den fortschrittlichen Kreisen des Bezirks jedoch freut man sich herzlich darüber, daß einen ehrgeizigen Streber, der bei einem Vermögen von nahezu einer halben Million es niemals gewagt hat, eine selbständige politische Meinung zu haben, das Schicksal ereilt hat. Wäre Herr Gusenleithner von allem Anfang an fest und treu zur liberalen Sache gestanden, dann hätte man ihn bei der Aufstellung von Gemeinderathscandidaten sicher nicht umgangen und der gute Mann hätte sichere Aussicht auf eine Stadttathsstelle gehabt, welche bei dem Umstande, als er bekanntlich kein Verächter des Geldes ist, ihm gewiß nicht unerwünscht gewesen wäre. Herr Gusenleithner mag sich bei seinen antisemitischen Freunden bedanken, denen er so gründlich aufgesessen. Vielleicht gelingt es ihm, statt der Stadtraths- oder Bezirksvorstandstelle den Obmannsposten beim kath o lisch-p olitisch en Verein in Hietzing zu erlangen. Derselbe trägt zwar nichts ein, ist aber im Uebrigen auch sehr ehrenvoll. Die nöthige Eignung besitzt er dazu. Ego. Prag. (Jubiläum des israelitischen Nächstenliebe-Vereins.) Der 50. Jahrestag der Gründung des israelitischen Nächstenliebe-Vereins wurde gestern in ebenso festlicher als würdiger Weise begangen. Den Schauplatz der Feier bildete um 11 Uhr Vormittags der neue Tempel in der Geistgasse, dessen weite Räume die erschienenen Festgäste kaum zu fassen vermochten. Die Galerien waren von Domen dicht besetzt. Als Ehrengäste haben sich die Herren Statthalterei-Vicepräsident Dr. Ritter von F r i e d l, Hofrath Polizeidirector von S t e j s k a l und der Landesschulraths - Vicepräsident Hofrath Z a b u f ch Ungesunden. Nach Absingung eines Psalms