Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-24 · 17 (24.4.1891) · p. Seite 309

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
17 (24.4.1891)
Date
1891-04-24
Page
Seite 309 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020865--00329-3024312
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17 Gesterretchische Wochenschrift jene 309 guten Rufes. Eines seiner besten Werke, „Der Grübler", einen jungen Rabbi darstellend, ist im Besitze der Nationalgallerie in Berlin. Men, 18. April. Als die Familie Rothschild nm Jahre 1822 in den österreichischen Freiherrnstand erhoben wurde, war die Zeit der Hausgesetze vorüber. Auch wäre es gegen den Geist eines Geschlechts gewesen, welches sich die erste Rolle auf dem Geldmärkte zum Ziele gesetzt hat, die Erbfolge für alle Zukunft zu binden. Ein Aristokrat mag ein Majorat schaffen, um seinem Namen auch den äußeren Glanz zu sichern, denn er verlangt von seinem Nachfolger blos den Genuß des Besitzes. Die Rothschild haben die Vermehrung desselben auf ihre Fahne geschrieben und es binnen einem Jahrhundert durch Fleiß, Glück und strenge Rechtlichkeit aus den bescheidensten Anfängen zur dominirenden Stellung gebracht. Der Zufall der Erstgeburt konnte somit nicht darüber entscheiden, in wessen Hände die Zügel der Leitung gelangen, und es blieb dem jeweiligen Chef überlassen, sich aus seinen Söhnen den Successor zu wählen. Die Liebe zu dem Geschäfte des Hauses war dabei ausschlaggebend, und so wurde von Baron Anselm nicht Nathaniel, sondern der jüngere Sohn Albert zum Chef der Wiener Linie berufen. In den Testamenten der Rothschild also liegt die Geschichte und die Tradition dieses mächtigen Hauses, und wenn in den jüngsten Tagen verlautete. Baron Alphonse in Paris wolle seinen letzten Willen statutiren, so ist dies trotz der Rüstigkeit desselben und der regen Theilnahme, welche er für das geschäftliche Leben bekundet, sehr begreiflich. Baron Alphonse ist am 1. Februar 64 Jahre alt geworden und während ein gewöhnlicher Sterbender sich die letzten Dispositionen aufsparen mag, bis das Gesetz der Natur zum Abschied ruft, muß ein Chef des Hauses Rothschild schon zu einer Zeit die nöthigen Vorkehrungen für die Zukunft treffen, wo er sich noch im Vollbesitze seiner geistigen und körperlichen Kraft befindet. Die vielbesprochene Sitte der Rothschilds in der Familie zu heiraten, welcher zweifellos im Anfänge der rasche und große Aufschwung des Hauses zu danken war, ist seit dem Jahre 1877, wo eine Tochter des Baron Anton in London sich mit Cyril Flow er auf Aston- Clinton vermählte, durchbrochen. Die Heiraten zwischen den einzelnen Linien, sie waren keine Vorschrift, wie vielfach behauptet wurde, sondern die Folge des innigen geschäftlichen und zugleich familiären Verkehrs, in welchem die einzelnen Häuser standen, und so wurde aus dem Vetter naturgemäß gar oft der liebende Freier. Aber das Gesetz der Kreuzung hat diese Tradition über den Haufen geworfen und heute finden wir in der Liste der Schwiegersöhne des Hauses Rothschild einen Herzog, englische Grafen und Pairs. darunter den als Staatsmann und Freund Gladstones bekannten Lord Rosebery, ferner tüchtige Banquiers und sogar den Compositeur der Oper Asrael, die in Italien Furore gemacht hat. Nun aber klopft eine andere Frage der Zeit an die Thore des Hauses Rothschild. Wie die Liebeswahl der Frauen ihre Rechte fordet, so auch die Berufsneigung der männlichen Sprossen. Nicht Jeder, dem das Schicksal ein unermeßliches Vermögen in den Schoß warf, fühlt die Fähigkeit und die Neigung in sich, das in seiner Art selbstlose Leben eines Chefs des Hauses Rothschild zu führen. Dieser Beruf erfordert strenge Arbeit, ein ernstes, den Pflichten gewidmetes Dasein, und verträgt sich mit manchen Passionen nicht, zu welcher die Stelluna in der Gesellschaft berechtigen würde. Der Chef des Wiener Hauses Baron Albert, ist ein Muster in dieser Richtung, erfindet seine volle Befriedigung in der Hingebung an Arbeit und Familie; aber nicht Jedem mag das genügen, der ein Rothschild tft. Und so macht sich denn auch in diesem Hause jene Emancipation bemerkbar, die nicht blos eine Folge des großen Vermögens, sondern eigentlich das freie Recht ocr Individualität bildet Baron Wilhelm in Frankfurt iskein Gelehrter, dem das Studium desTalmudund der hebr. Literatur mehr Vergnügen bereitet als die Börse, und daher werden seit dem Tode des Baron Karl die Geschäfte des dortigen Hauses von einem Procuristen geführt, der selbst der Chef einer angesehenen Firma in Amsterdam ist. Die Häuser in Paris und London haben bisher den Begriff eines Procuristen überhaupt nicht gekannt, dort wurde der Name Rothschild stets nur von einem leiblichen Sproß der Familie gezeichnet. Jetzt eilt wohl das Gerücht den Ereignissen voraus, doch mag der Chef des Pariser Hauses, Baron Alphonse, immerhin an die Zukunft denken. Sein Bruder G u st ave, welcher zur Zeit, fern von Paris, in der sonnigen Wärme von Algier weilt, hat die Lust am geschäftlichen Leben verloren, seitdem er die Erfahrung machte, daß selbst einem Rothschild die Curse nicht immer gehorchen. Ein zweiter Bruder, Baron Edmond, ist, wie sein Vetter Wilhelm in Frankfurt, ein frommer Gelehrter, der sich in seiner Bibliothek, welche große Schätze enthält, am wohlsten fühlt. Baron Edouard endlich, ein Sohn des Baron Alphonse, im Alter von 23 Jahren, gilt als ein junger Mann mit jener noblen Lebensfreude, wie sie heutzutage eben alle jungen Herren besitzen, deren Vater Millionäre sind, auch wenn sie nicht gerade Rothschild heißen. Es ist daher kein Wunder, wenn die Fama, welche die Sorge des Pariser Rothschild errieth, sich um seinen Nachfolger bekümmert und wenn ihr Blick nach Brüssel auf Herrn Lambert, einen Schwiegersohn des Baron Gusta v e. fiel, der ein liebenswürdiger junger Geschäftsmann ist und den man erst kürzlich im Namen des Hauses mit einer Mission nach Constantinopel betraute. Aber es gibt noch eine andere Lesart in unterrichteten Kreisen, welche die Möglichkeit in Betracht zieht, daß Baron Albert, von dem es schon vor einiger Zeit hieß, daß er Wien verlassen wolle, berufen sein würde, dereinst an die Stelle seines Schwieger« Vaters zu treten. Im Interesse der hiesigen Gemeinde wäre dies auf das lebhafteste zu beklagen. Men. Immer widerspruchsvoller werden die Nachrichten, die in den letzten Tagen aus Rußland in die Oeffentlichkeit gelangten. Während einige Berliner Börsenblätter über eine Plötzlich eingetretene mildere Gesinnung den Juden gegenüber, zu berichten wußten, melden wieder englische Blätter, daß in Rußland die Veröffentlichung einer neuen Zwangsmaßregel gegen die Juden bevorsieht Da die englischen Journale über russische Zuffände recht gut informirt zu sein glauben, so dürften diese Nachrichten leider auf Wahrheit beruhen. Wir geben nachstehend eine Darstellung nach diesen Blättern. Nach dem Gesetze von 18v5 durften sich nämlich jüdische Handwerker auch außerhalb der den Juden angewiesenen Gouvernements niederlassen. Die Regierung will nun gefunden haben, daß solche Handwerker in einer zu großen Anzahl in Orten vorhanden sind, wo Handwerker griechisch-orthodoxen Glaubens bereits allen Ansprüchen genügen, außerdem beschäftigten sich die jüdischen Handwerker mit Dingen, welche ihrem Gewerbe fremd seien, wodurch sie die eingeborenen Russen schädigten. Durch einen Ukas soll nun den jüdischen Handwerkern nicht nur das bisher ihnen zugestandene Recht entzogen, sondern es sollen auch alle jüdischen Handwerker, welche außerhalb der den Juden zngewiesenen Gouvernements wohnen, aus ihren jetzigen Stellen vertrieben und gezwungen werden, in den sogenannten Judenrayon zurückzukehren. Denjenigen, welche keine Immobilien besitzen, wird eine Frist von einem Jahre und denjenigen, welche solche haben, eine Frist von zwei Jahren gewährt, um'ihre Geschäfte aufzulösen. In Moskau allein würden auf Grund dieser Verordnung 14.000 Juden ausgetrieben werden, doch wird bereits — was sehr bezeichnend für die Beurtheilung russischer Verhältnisse ist — darauf hingewiesen, daß viele wohlhabende Juden in der Lage sein werden, die Härten des neuen Gesetzes zu nnldern,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.