Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 306 (sequence 8)
- Language
- German
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Se.te 306 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 17. ausdrüMch au einer Stelle, daß edle Wohlthäter, die in höherer Auffassung der Menschenwürde den Glaubensunterschied nicht kannten, ihre Gaben auf den Altar der Nächstenliebe niederlegten. Aber nicht blos an jüdischen, sondern auch an ch r i stl i ch e n Armen hat der jüdische Nächstenliebe-Verein seine Wohlthaten geübt. So führt u. a der Ausweis für das Jahr 1848 nebst der Unterstützung von 429 Hausarmen mit 1310 fl., eine Bertheilung von 323 Laiben Brot an christliche Arme in den Pfarrbezirken St. Castulns, St. Franz, St. Galli und heiligen Geist, sowie eine Unterstützung von 100 fl. an die Erzgebirgsbewohner an. Der Prager Nächstenliebe-Verein darf mit Stolz auf seine bisherige Thätigkeit zurückblicken, welcher nicht allein dazu bestimmt ist, drückender Noth zu steuern, sondern auch dem Judenthum in seiner Gesammtheit durch die Verwirklichung seines innersten Grundgedankens, der Menschenliebe, unschätzbare Dienste leistet. Möge der Prager Nächstenliebe- Verein unter Leitung seines Präsidenten Dr. Bendiener einer weiteren fünfzigjährigen Epoche humanen und gemeinnützigen Wirkens entgegengehen. KeftfrLchle. * Die Gräfin von Carthness, Herzogin von P a mar, hat ein Buch unter dem Titel „Les vrais Israelites“ (die wahren Israeliten) geschrieben, in welchem sie zu beweisen versucht, daß die Juden nicht die wahren Juden, sondern nur ihr Zerrbild, die Engländer und Amerikaner aber die wahren Israeliten seien. Dennoch stellt sie uns, diesem Zerrbild der Juden, folgendes Zeugniß aus: „Diese energische und kräftige Race, so hoch begabt in Allem, was Intelligenz und Kunstsinn betrifft, unbeugsam in den Stunden des Mißgeschicks, in ihrem Familien- und Gemeinsinn, die Erhalterin der unverfälschten Ueberlieferung der alten Lehren, deren Fortsetzung unsere Religion bildet, — sie ist das Volk, welches die wahre Wissenschaft gerettet hat zur Zeit, als die Barbarei der Bilderstürmer die Freiheit des Denkens mit Krieg überzog." * * * Eine seltsame Geschichte. Der preußische Hofrat Dr. Wilhelm D o r o w, der seinerzeit der Gesandtschaft in Dresden attachirt war und während des Sommers 1816 den nach Karlsbad beurlaubten preußischen Geschäftsträger Herrn von Oelssen zu vertreten hatte, theilt in feinen Aufzeichnungen: „Erlebtes aus den Jahren 1790 bis 1827" (Leipzig 1845, III. 205) Folgendes mit: „Der Staatskanzler (Fürst Hardenberg) hatte Dorow beauftragt, ihn in Neudors zu erwarten und nach Meißen zu begleiten. Am 12. August (1816) kam der Fürst zwar sehr wohl, im Gefolge der Fürstin und ihrer Begleüerin, neben Dr. K o r e f f an, doch mit verdrießlich unfreundlichem Gesicht, zog sofort D o r o w in ein anstoßendes Zimmer und sagte mit großer Heftigkeit: „Ich rechne vollkommen auf Ihre Mitwirkung, mein Schatz, und auf das Gelingen Ihrer Bemühung; ich bin davon überzeugt, es betrisst eine mir sehr unangenehme Sache." Der Fürst hielt inne und sagte dann nach einigen Minuten: „Ja, es ist eine sehr verdrießliche Angelegenheit; — den N. N. habe ich nicht nach seinem Glauben gefragt, und er hat mir auch nicht davon gesprochen, ich liebe und schätze den Mann, er ist höchst brauchbar und ich mag und will ihn nicht entbehren. Neid, Mißgunst und dumme Intoleranz haben es dahin gebracht, daß es sich jetzt ergeben, er sei noch nicht getauft, und früher ist die Cabiuetsordre zu seiner ehrenvollen Anstellung bereits vollzogen; ich muß nach all' diesem elenden Geschwätz jetzt einen Kirchenbeweis haben, daß er Christ ist, ein Taufschein allein, wenn er auch jetzt getauft wird, kann mir nicht dienen. Er wird bei Ihnen so lange zubriugea, bis Sie Mittel und Wege gefunden, ihn mir, jedoch allein nur mit dem Zeugniß, daß er Christ ist, nachzusenden; wie und auf welche Weise Sie dieses ausführen wollen, bleibt Ihnen überlaffen, ich will nun nichts weiter davon hören!" Als der Fürst diese Rede vom Herzen hatte, ward er zusehends ftoher. D o r o w ordnete sogleich das Nöthige an, um den ihm gewordenen schwierigen Auftrag auszuführen. Er begab sich mit seinem geistreichen Freunde nach einem Städtchen nahe bei Dresden, nachdem er denselben folgende Erklärung hatte niederschreiben laffen: „Mein Vater, welcher der mosaischen Religion zugethan gewesen, befahl mir, vor meinem 30. bis 40. Lebens jahre mich zu keiner Religionspartei zu bekennen, alsdann aber zu derjenigen, welche ich nach angestellten Prüfungen für d'e beste halten würde. Ich habe nun sowohl das mosaische, als das christliche Religionssystem. so auch alle übrigen christlichen Glaubensbekenntnisse sorgfältig studirt und mich überzeugt, daß die evangelisch-lutherische Consession die wahre Gewiffensfreiheit, Ruhe und Herzensfreudigkeit gewährt, und daher bin ich entschloffen, mich zum Christenthum also einweihen zu laffen." Dorow überraschte früh Morgens den Pr diger noch im Bettes producirte obige Erklärung und drang auf sofortige Taufe. Als Zeugen: der Prediger, Dorow und der Küster Die Handlung ward vollführt, und nach derselben empfingen die Freunde das Abendmahl. Nachdem der Taufschein in vollständiger Form ansgefertigt ward, verlangte Dorow von dem Kirchenvorstand noch ein Zeugniß, „daß im August 1616 der preußische Geschäftsträger am königlich sächsischen Hofe Herr Dorow, mit Herrn N. N. in der Kirche zu .... das heilige Abendmahl empfangen," und durch diese letztere Bescheinigung schien Dorow dem Willen des Staatska zlers vollkommen entsprochen zu haben, zumal Dorow dem Prediger den Handschlag abnahm, über diese Begebenheit Stillschweigen beobackten zu wollen, welches auch geschehen zu sein scheint, indem in Dresden die tollsten Geschichten erfunden wurden, um zu ermitteln, was Dorow in der Kirche zu ... . gemeinschaftlich mit dem Prediger, Küster und einem Fremden gemacht habe — doch das Rechte ward nicht getroffen. Englische und französische Zeitungen machten das Unverständigste darüber bekannt, daher war es nothwendig, das Wahre hier anzuführen." Soweit die Mitteilungen D o r o w s. Wie es scheint, handelte es sich hier um die Taufe des Geheimraths I. D. K o r e f f, der als Arzt in Berlin und später in Paris eine sehr angesehene Rolle spielte. * * * Als Friedrich der Große im Jahre 1756 der ihm zugedachten Ueberrumpelung durch einen schlagfertigen Angriff zuvorkani, traf die Marschordre Officiere und Soldaten wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Man denke sich also die Verlegenheit der Junker, die nichts besaßen als ein verschuldetes Gut oder ein gänzlich verrostetes Wappenschild, sobald es hieß: sich auf Knall und Fall zu rüsten für einen langjährigen Kampf. Auch Ziethens Regimentscamerad, der Oberst von Seelen, verließ arm den heimatlichen Herd und brachte als einzige Errungenschaft vermehrte Schulden in's Haus. Diese Schulden waren seitdem noch bedeutend gewachsen und sollten vor dem Abmarsch sämmtlich getilgt sein, aber wovon? Vertrauensvoll klopfte Seelen an verschiedene Thüren, doch umsonst, es fand sich kein Helfer in der Roth, Niemand wollte ohne Bürgschaft die verlangte Summe leihen, um gesichert zu sein für den Fall, daß der Oberst im Kampfe sein Leben verlöre. So verging ein Tag nach dem andern, und immer näher kam die Stunde des Abschieds. Von inneren Qualen gefoltert, sah der Rathlose ihr entgegen. Der Gedanke, mit dem Brandmal eines Betrügers hinausziehen zu müssen, machte den Tapfer» bis in's Mark erzittern. Nur das Gottvertrauen seiner frommen Gattin stützte den bebenden Mann und bewahrte ihn vor dem gänzlichen Sturz. Berathend saßen Beide zusammen und suchten vergebens nach einem Ausweg. Da schritt Jakob Moses, Oberlandesältester der Berliner Judenschast, die Straße entlang.Während er Seelen, der am Fenster stand, die brennende Stirn an die kühlenden Scheiben ehrerbietig grüßte, raunte dem Obersten eine innere Stimme zu: dieser Mann ist dir vom Himmel zur Rettung in den Weg gesandt. Noch am selben Abend machte Seelen dem Oberlandesältesten seine Aufwartung. Dieser las dem Obersten vom Gesicht ab, was ihn hergesührt, und