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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-24 · 17 (24.4.1891) · p. Seite 304

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
17 (24.4.1891)
Date
1891-04-24
Page
Seite 304 (sequence 6)
Language
German
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Seite 304 Hesterreichische Wochenschrift 'Jtr. 17 abgesehen hatten, war durch ähnliche gleißende Versprechungen der Antisemitenhäuptlinge längst um seine gesunde Vernunft gebracht und nicht mehr im Stande, die plumpe Täuschung zu erkennen. So war es möglich, daß die drei Spitzbuben unter der antisemitischen Patronanz vier Jahre lang ihren Clienten Schutz vor Bewucherung versprechen und dieselben selbst in schamloser Weise auspressen und bewuchern konnten. Ein charakteristisches Wort, das der Präsident in dieser Verhandlung gebrauchte, darf als Illustration für den gesammten Antisemitismus gelten. „Man ist bankerott," sagte der Vorsitzende, „undwird ein rettenderEngel für Andere, um sich selbst zu retten, um sich in seinen Nöthen Geld zu verschaffen." Inder That, durch diesen Ausspruch werden tausende von antisemitischen „Menschenfreunden "gekennzeichnet. Nicht auf die Vernichtung oder Zurückdrängung der Juden, sondern auf die Ausbeutung ihrer eigenen arischenVolksgenossen haben sie es abgesehen und sie bedienen sich dabei genau jener verbrecherischen Mittel, die sie mit Unrecht den Juden vorwarfen. Durch die betrügerischen Machenschaften der drei Gründer der „Mittelstraße" ist kein einziger Jude zu Schaden gekommen, aus dem einfachen Grunde, weil auch der ungebildetste Jude die falschen Vorspiegelungen und marktschreierischen Anpreisungen des sauberen arischen Kleeblattes durchschaut hatte. Es sind ausschließlich Christen, und zwar durch die Lecture des „Deutschen Volksblattes" und des „Vaterland" verdummte Christen, welche den Verlust ihrer Sparpfennige beklagen. Der Verein „Mittelstraße" war im Kleinen, was die christlich-sociale Heilslehre im Großen ist, eine auf Bauernfang berechnete Speculation, welche den Führern die Möglichkeit schaffen soll, auf Kosten der blöden Menge ihrem Eigennutz zu ftöhnen, ihren Ehrgeiz zu befriedigen, Aemter, Würden und Reichthum zu erlangen. Herr Postl war nichts anderes als ein Apostel jener durch Priestermund geweihten antisemitischen Lehre, daß es gestattet sei, seine Mitmenschen zu bestehlen. Nun wandte Herr Postl, wie viele seiner Mitstreber, diese Lehre nicht auf die Juden, sondern auf die Christen an. Man hat in gewissen Kreisen die moralischen Wirkungen des Antisemitismus ziemlich leicht genommen. Hier haben wir einmal ein eclatantes Beispiel von seinem vergiftenden, alle Rechtsbegriffe untergrabenden Einflüsse. Die Devise der drei Helden des jüngsten Processes lautete: „Nur christlich!" Wir glauben wohl, daß die Hüter des Staates und der christlichen Religion den ungeheuren Schaden in Betracht ziehen sollten, der aus dem Mißbrauche dieses Wortes durch politische und wirthschaftliche Curpfuscher erwächst. Der Antisemitismus als sociale Erscheinung und als politisches Bekenntniß wird verschwinden, die Corrumpirung und Verdummung des Volkes aber, die er verschuldet hat. wird bleiben und sich als eine dauernde öffentliche Calamität erweisen. _ Md ad der Darrite. (Aue Jew. Chron. v. 27. März 1891 übersetzt von Jgn. Kaufmann in Kojetein.) Diese dunkle Persönlichkeit, insbesondere das unter dem Namen Eldad des Daniten gehende Buch der Wunder zu beleuchten, war Gegenstand eines Vortrages, den Dr. Gast er am 22. März d. I. im literarischen Verein des Jew's College abhielt. Nach seiner Ansicht herrschten bisher ganz falsche ungereimte Anschauungen über Beides, da man die Hauptftage übergangen habe, ob das Buch, das Eldads Namen führt, in der That auch unverdächtig als seine eigene Schöpfung gelten dürfe oder mit manchem alten Midrasch das gleiche Schicksal theile. Unzweifelhaft ist es durch mehrere Hände gegangen. Könnte nicht jede eine Spur daran zurückgelassen, es im Einzelnen verkürzt oder erweitert haben und dem Manne dadurch Einzelheiten unterschoben worden sein, die wohl niemals von ihm herrührten und die ihn nun als einen Betrüger oder als einen verstellten karaitischen Missionär erscheinen lassen mußten? Sorgfältiges Studium der Sagenbildung .brachte Dr. Gast er zur Ueberzeugung, daß jede größere Erzählung ein Substrat von positiver Wahrheit enthalte. Mose, Josef, Salomon waren nicht erfunden, sondern wirkliche Persönlichkeiten, um die aber die Sage ihr glitzerndes Krystallgewand gewoben hat. Es ist nun eine nicht minder anziehende Beschäftigung als das Lesen der Fabel selber, von dem Fabelhaften die schimmernde Gewandung abzustreifen, und den Wunderbaum aus seinen Wurzeln verstehen zu lernen. Es war um die Mitte des 12. Jahrhunderts, als ein merkwürdiges Gerücht aus dem Morgenlande sich wie ein Lauffeuer überallhin verbreitete, daß ein mächtiger christlicher Königsstaat von einem Priester Johann beherrscht, sich anschicke, zur Befteiung der §ehn verzagenden Kr uzfahrerheere herbeizueilen. Ein Brief, angeblich vom Priester Johann selber an den König Emanuel Commenus in Constantinopel gerichtet, wurde in Umlauf gebracht, aus dem bestimmte nähere Angaben verbreitet wurden. In diesem Briefe, auszugsweise von Dr. Ga st er übersetzt und mitgetheilt, wurde auf die zehn Stämme der Juden Bezug genommen, die jeder ihren eigenen König hatten, aber von Johann als seine zinspflichtigen Knechte bezeichnet wurden. Das Land, von dem hier als Herrschaftsgebiet Johannes gesprochen wird, liegt irgendwo in Asien und wird seine Macht von den drei Indien bis Babylon reichend geschildert, später aber — hauptsächlich infolge eines bisher unaufgeklärten geographischen Mißverständnisses, keineswegs auf Grund sicherer Thatsachen — wurde dies Königreich nach Aftika verlegt und es hängt mit der Aufhellung dieses Punktes zugleich die Lösung einer ähnlichen Frage in der Eldadlegende zusammen. Im Alterthum gab es zwei Länder, die den Namen Aethiopien führten; das eine war in Asien, das andere iu Afrika, wofür Dr. G a st e r mehrere darüber gesammelte Beweisfacta anführte, unter anderen die alte Erklärung von ynj-j und im Talmud Megilla 11 a als eine besonders wichtige Erhärtung dieses Sachverhaltes. Dann ging er zur Erörterung der wahrscheinlichen Urheberschaft dieses Briefes über, für welche Vermuthung er als Anhaltspunkt die offenbare Verwendung gewisser von ihm bezeichneter apokryphischen Schriften benützte. Als Hauptquellen, aus denen sich überraschende Analogien ergeben, dienten — so fuhr er dann fort — zwei alte hebräische Legenden aus einer weit zurückliegenden Zeit, die Legende von den Söhnen Moses und die von den vier Stämmen Dan, Ascher, Gad und Naphtali, die man neuerer Zeit mit Eldad innig verknüpft und in gewissen Uebersetzungen mit seiner Erzählung untrennbar verflochten hat. Es ist aber klar, daß diese beiden Legenden um viele Jahrhunderte älter sind, als Eldad, wie denn, abgesehen von der Gewährsquelle Zemach Gaon, schon durch die ausgedehnten Spuren in der alten hebräischen Literatur die uralte Herkunft dieser Legenden ersichtlich ist. Die älteste Anspielung auf die Unabhängigkeit der zehn Stämme findet sich im Buche Ezra XIII, 40, 47. Die Abfassungszeit dieses Buches ist ungewiß, kann aber über die Zerstörung des Tempels, d. i. das erste Jahrhundert, nicht hinausgehen. In der VI. Vision Ezras erscheinen uns die ersten Anfänge dieser Legende, die Fortschickung der Stämme über den Strom in ein fernes Land, wo sie in Frieden und Selbständigkeit leben konnten. Es dauerte nicht lange, so wurde der Name Sambation hinzugesetzt, durch den das Land wie von einem Gürtel umflossen und die Verbindung mit den Heiden auf die natürlichste Weise abgeschnitten wurde. Einmal entstanden, wuchs diese Legende, indem eine genaue Beschreibung des Landes hinzutrat. Aber bald entstand eine neue, ähnliche Jdeenbildung um einen andern Zweig der jüdischen Nation sich anlegend.

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