Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 303 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Hesterreichifche Wochenschrift Beite 303 von Juden gebildet werden und der jüdischen Speculation > dienen. Sie sind vielmehr gegen die Juden gerichtet, denn die Letzteren befassen sich vornehmlich mit dem Zwischenhandel und die Festlegung der verfügbaren Getreidemengen ist gerade auf den Ruin der Zwischenhändler gerichtet. In Deutschland ist wiederholt der Ruf erhoben worden, den Terminhandel mit Getreide zu verbieten; die Durchführung dieser Maßregel ist jedoch immer an dem Widerstande der agrarischen Kreise gescheitert, welche damit das geeignete Object für ihre Ausbeutung?gelüste verloren hätten. Das preußische Handelsministerium hat sich durch Entsendung von Polizeibeamten an die Berliner Getreidebörse über den Terminhandel Klarheit zu verschaffen gesucht. Man darf auf die Ergebnisse dieser polizeilichen Beobachtung wohl gespannt sein, wir fürchten jedoch, daß die stolzen und hochklingenden Namen, welche dem Polizeibeamten bei dieser Gelegenheit in die Ohren geklungen haben, die preußischen Behörden abhalten werden, strenge Maßregeln gegen die künstlichen Preistreibereien zu ergreifen. Wie in der berüchtigten „Gründerepoche" auf dem Effeetenmarkte, so sind es jetzt auf dem Getreidemarkte hauptsächlich stolze aristokratische Namen, welche mit den verwerflichsten Speculationen in Verbindung gebracht werden. Wo Juden an derselben beiheiligt sind, erscheinen sie nur als Helfer und Vermittler, die Anstifter aber sind in viel höheren Kreisen zu suchen. Auch der Budapester „Repsring" und „Weizenring" wäre nicht möglich, wenn nicht die ungarischen Großgrundbesitzer die Hand dazu bieten würden. In der Thronrede, mit welcher jüngst der Reichsrath eröffnet wurde, findet sich der bedeutsame Satz, daß die Justizgesetzgebung allen schädlichen Ausschreitungen des Eigennutzes auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens mit Ernst und Strenge entgegentreten müsse. Man deutet diesen Passus dahin, daß demnächst die Regierung ein Gesetz gegen Ringbildungen und Cartelle der Volksvertretung unterbreiten werde. Ein solches Gesetz kann nur von wohlthätiger Wirkung sein und wir werden dasselbe mit lebhafter Freude begrüßen. Bei der Berathung derselben aber wird es sich zeigen, wo der Eigennutz und die Ausbeutungssucht in Wahrheit zu suchen sind und welche Kreise ihre gewissenlose Speculationen auf das wirthschaftliche Elend und den Hunger der Massen gründen. Praktischer Antisemitismus. Vor dem Wiener Schwurgerichte wird in diesen Tagen ein Proceß durchgeführt, der auf das Wesen und die Wirkungen -es Antisemitismus ein grelles Streiflicht wirft. Drei arische Männer, die nichts ihr Eigen nannten, als eine gehörige Portion Gewissenlosigkeit, gingen im Jahre 1886 daran, durch die Gründung eines antisemitischen Spar- und Vorschußvereins ihren ruinirten Existenzen aufzuhelfen. Der Eine von ihnen war ein verschuldeter Hammerwerksbesitzer, der Andere ein abgekrachter Gastwirth, der Dritte ein bankerotter Wüscheputzer. Ihr Plan ging dahin, eine große Anzahl „kleiner Leute" dem Verein zuzutreiben, indem sie denselben Credit und Darlehen versprachen, in Wahrheit aber die Geldeinlagen der Mitglieder für ihre eigenen Zwecke zu verwenden. Man wird zugeben, daß sich dieser Plan durch Einfachheit und Dummheit auszeichnet. Wenn es den drei arischen Ehrenmännern trotzdem gelang, vier Jahre lang in schwungvoller Weise den Gimpelfang zu betreiben und Hunderten von armen und simplen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, so war dieser „Erfolg" nur möglich, weil sie gleich vielen anderen Hallunken, sich des geistigen Contagiums des Antisemitismus bedienten, um die Köpfe ihrer Clienten zu verwirren. Wie Fliegen aus eine wohlbestrichene Leimspindel, so flogen die kleinen christlichen Gewerbetreibenden auf die antisemitischen Schlagworte, mit welchen die Herren Postk, v. Berger und Schellhorn ihre räuberischen Absichten drapirten. Im Verlage des Vereines wurde eine Broschüre herausgegeben, welche mit Phrasen wie „Schutz vor Ausbeutung und Bewucherung", „Einzige Rettung der Enterbten des Glückes", „Nur christlich", „Schach den Pfändungen" rc. aufgeputzt war, Phrasen, welche durchaus dem Wortschätze des Anttsemittsmus entnommen sind. Eines der wesentlichsten Agitationsmittel des Vereines „Mittelstraße" waren ferner Reclamen und Empfehlungen in den antisemitischen Blättern, insbesondere im „Deutschen Volksblatt". Die Heilsboffchaft, welche die Herren Postl, v. Berger und Schellhorn dem hilfsbedürftigen christlichen Volke verkündeten, war demnach genau dieselbe, zu deren Aposteln sich die Herren Lueger, ein Bergani und Schneider gemacht hatten. Und hier tritt uns jenes psycho-pathologische Moment entgegen, welches einerseits die rapide Verbreitung der anttsemittschen Seuche, andererseits das massenhafte Emporkommen der ärgsten Betrüg er und Schurken innerhalb der antisemitischen Partei erklärt. Der sogenannte wirthschaftliche Anttsemitismus gründete seine Speculationen auf den materiellen Niedergang, auf die zunehmende Verarmung des Mittelstandes, und insbesondere der gewerblichen Kreise. Weit entfernt davon, die Bevölkerung über die allgemeine Ursache dieses Niederganges aufzuklären, fand der Anttsemittsmus eine ebenso einfache als allgemein verständliche Begründung für denselben: die Ausbeutung der „armen Christen durch die reichen Juden." Das Wort fiel wie ein wuchernder Krankheilskeim in die erregten Clasfen und übte seine verheerenden Wirkungen auf die Geister. Fortan war es überflüssig, sich auch nur die allerprimitivsten Kenntnisse über die rationellen Grundlagen und das Wesen der Volks- und Einzelnwirthschast zu erwerben. Wer zur antisemitischen Fahne schwur, hatte damit die Wünschelruthe zur Erwerbung von Geld und Gut, von Reichthum und Ehren in Händen. Durch diese wirthschaftliche T h eorie des Anttsemitismus war die christliche Bevölkerung wirksam präparirt für die nunmehr beginnende wirthschaftliche Praxis des Antisemitismus. Der Mittelstand war hinreichend verdummt, um den antisemitischen Bauern- und Gimpelfängern ein geeignetes Feld für ihre selbstsüchtigen und unredlichen Bestrebungen zu bieten. Wie die Ausrufer der Jahrmarktbuden durch ihre wohl eingelernten Anpreisungen auf die Dummheit der Menge speculiren, so suchten auck die anttsemittschen Charlatane gerade unter den dümmsten Simpeln ihr kostbares Publicum. Es gibt eine politische und eine national-ökonomische Charlatanerie, wie es eine geschäftliche gibt. Diese politische und nattonal-ökonomische Charlatanerie ist geradezu das Merkzeichen des Anttsemittsmus, nicht bkos bei unS, sondern auch im Deutschen Reiche. Es ist nach dieser Richtung höchst bezeichnend, und durch zahlreiche Wahrnehmungen erhärtet, daß Verschleißer und Erzeuger schwindelhafter Heilmittel und geheimnißvoller Wunderrecepte für alle möglichen leiblichen Gebrechen klerikal-conservattve und antisemitische Journale zu Jnsertions- und Publicattonszwecken wählen. Eine langjährige Erfahrung belehrte sie, daß die nüchternen skeptischen Leser liberaler Blätter gegen derlei Aberglauben geradezu immun sind, während die politische Curpfuscherei auch nach anderen Richtungen verdummend wirkt, und die Bethörten für jeden Schwindel präparirt. Die drei Unternehmer der „Mittelstraße" waren nichtt Anderes als solche Cnrpfuscher auf nationalökonomischem Gebiete. So durchsichttg, fast möchte man sagen: tölpelhaft ihr Plan auch angelegt war, das Publicum, auf welches sie &