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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-17 · 16 (17.4.1891) · p. Seite 290

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
16 (17.4.1891)
Date
1891-04-17
Page
Seite 290 (sequence 12)
Language
German
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Bene 290 ^(dmeuQtlige afrotyrapoptm ÄLr. 16 herannahenden Ostern geschritten, an welcher sich alle Anwesenden, namentlich aber Herr Vogel und Herr Ä anders in gewohnter munificenter Weise betheiligten. Nicht unerwähnt sei hier auch der Umstand, daß es dem Herrn kais. Rath F. Vogel größtentheils zu danken ist, daß die jüngst stattgehabten Wahlen im fortschrittlichen Sinne ausgefallen sind und es ist charakteristisch genug, daß das „Deutsche Volksblatt" darüber schreibt: „So schamlos ist die liberale Partei Simmerings, daß sie wagt einen Juden F. V o g e l zu candidiren, der der Retter der liberalen Partei und namentlich der gefährdeten Candidatur des Bürgermeisters Dr. S e i d l e r sein soll." Es liefert dies einen neuen Beweis von der Popularität, welcher sich Herr V o g e l in allen Kreisen unseres Ortes erfreut; dessen jüngst erfolgte Wahl in den Bezirksausschuß im Orte wurde mit großer Freude begrüßt. Audapest. (Zwei ungarische Erzbischöfe gegen den Antisemitismus.) Aus Budapest wird uns geschrieben. „Jene illustre Gesellschaft, welche vor Jahren in Ungarn an der Spitze der sogenannten antisemitischen Bewegung stand, ist längst durch den öffentlichen Ekel hinweggefegt worden und wagt jetzt kaum mehr ein Lebenszeichen von sich zu geben. Nur ein Repräsentant ist noch verblieben, das ist der Pater Komlossy, der auch Mitglied des Abgeordnetenhauses ist, woselbst er als „Wilder" eine von aller Welt ignorirte Stellung einnimmt. Neuest ens hat der brave Mann aber doch wieder das Bedürfniß empfunden, von sich reden zu machen. Er pilgerte nach Rom, wo er angeblich durch den Papst empfangen worden sein soll. Heimgekehrt, suchte er das durch diesen Empfang gewonnene Prestige sofort zu fructificiren und berief eine Versammlung der katholischen Lehrer Ungarns ein, die unter seinem Präsidium berathen sollte — in welchem Geiste und zu welchem Zwecke, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Lehrer haben sich nun allerdings nicht gemeldet, dagegen meldeten sich in der Sache zum Worte — ein ßarbinai und ein Erzbischof. Der Cardinal ist der geniale Dr. H a y n al d von Kalocsa, der Stolz und der Liebling aller ungarischen Katholiken. In einem Hirtenschreiben verbot der greise Kirchensürst den Lehrern der Diöcese die Theilnahme an der durch Komlossy einberufenen Versammlung, wobei er seine Meinung über den Herrn Einberufer klar und deutlich, ganz unverblümt aussprach. Wenige Tage nach Veröffentlichung dieses Hirtenbriefes erschien ein weiterer Hirtenbrief, der den sittenstrengen Erzbischof von Erlau, Dr. Samassa, zum Verfasser hat. Bei dem Umstande, daß Dr. Samassa gegenwärtig dem Graner Bisthum als Stellvertreter vorsteht und aller Voraussicht nach zum Fürstprimas von Ungarn auserkoren ist, gewinnen seine Worte eine ganz besondere Bedeutung. Dr. Samassa sagt, er theile in jedem Belange die Meinung des Erzbischofs von Kalocsa und verbiete gleich diesem die Theilnahme an dieser Versammlung. Die Begründung dieses Verbotes ist für den letzten geistlichen Apostel des Antisemitismus noch weniger schmeichelhaft, als die. mit welcher Dr. Haynald sein Verbot begleitete. Mudapest. (Kossuth über den Antisemitismus.) Einem Ungar Namens Samuel Z ü r a i gegenüber, der ihn vor Kurzem in Turin besuchte, machte Ludwig Kossuth einige bemerkenswerthe Aeußerungen über den Antisemitismus. Er sagte unter Anderem, daß man in Italien eine sogenannte Judenfrage nicht kenne; ja in Italien gebe es überhaupt keinen Unterschied zwischen Juden und Christen. Den Grund dieser Erscheinung findet Kossuth darin, daß die italienischen Christen auf commerciellem Gebiete mit den Juden zumindest auf gleichem Niveau stehen, während z. B. in Ungarn das Üebergewicht der Juden im Handel, namentlich unter den heutigen socialen Verhältnissen, geeignet ist, in den unteren Volksschichten böses Blut zu machen. Der Antisemitismus sei eine sociale Krankheit, von welcher ein Land nicht durch die Verfolgung der Juden, sondern nur durch die Besserung der socialen Verhältnisse getheilt werden könne. H'est, 31. März. Der „Pester Lloyd" schreibt: „Ein Congreß von Vertretern der europäischen Regierungen muß entscheiden, was mit den russischen Juden gethan werden, wo man ihnen einen Platz zum Wohnsitz anweisen und auf welchen Grundlagen und unter wessen Protectorat man ihre Existenz gründen soll. Der Erdkreis ist groß, und freien Platz giebt es auf ihm genug. Mittel für das Hinübertransportiren und Ansiedeln derselben au: neuen Orte wird Europa um so eher finden, als dieselben einerseits als eine für lange Zeit zu gewährende Anleihe, anderseits als eine unabwendbare Ausgabe zur Zeit irgend eines allgemein menschlichen Unglücks angesehen werden müssen. Von Rußland, als dem Lande, welches die Juden los werden will, muß natürlich die Initiative in dieser Beziehung ausgehen. An anderer Stelle haben wir auf die Nutz- und Zwecklosigkeit der Einzeln-Emigration hingewiesen, welche jetzt practizirt und sogar von der Regierung gefördert wird. Wenn jedoch die Emigration nach irgend einem Orte auf breiter Grundlage mit einem streng berechneten jährlichen Maximum und Minimum der Auswandernden organisirt, gleichsam durch Reglements geordnet werden wird, wenn die Auswanderer der vom Congreß festgestellten Disciplin sich unterwerfen und mit den nöthigen Mitteln versehen, vor sich ein bestimmtes Ziel schauen werden, so darf man kühn behaupten, daß innerhalb einer bestimmten Frist (entsprechend den Dimensionen der Emigration und der Menge der Mittel kann die Zeit genau berechnet werden, welche für eine solche Uebersiedluug nothwendig ist) Rußland von den Juden befreit werden wird und die Letzteren endlich einen Zufluchtsort finden und aufhören werden, Ausländer zu sein. Prag. (Der Verein zur Verbreitung der Wissenschaft des Iud e n th u ins,) Afike Jehuda, hat dieser Tage seine heurige Saison mit einem Vortrage des Herrn Rabbiners M. Stark in würdigster Weise geschlossen. In dem geräumigen Saale der deutschen Handelsakademie halte sich ein überaus zahlreiches Publicum eingesunden, welches den Redner in freundlichster Weise begrüßte, seinen Ausführungen mit oer größten Aufmerksamkeit folgte und ihn durch reichen Beifall auszeichnete. Rabbiner Stark hat den Ruf, den er sich ourch feine ebenso gedankenreichen wie anregenden Vorträge im Vereine bereits erworben hat, auch diesmal wieder vollauf gerechtfertigt. Sein Thema bildeten „die Schriftgelehrten und Rabbinen," ein Thema, über welches er bereits einmal einen Vortrag im Vereine gehalten hatte, dabei aber über den Namen und Titel der Schriftgelehrten nicht hinansgekommen war. Diesmal behandelte er nach einer wohldurchdachten Einleitung in anziehender Weise die äußere Erscheinung und das Leben der Schriftgelehrten. Anknüpfend an einen Ausspruch des Talmud schilderte der Vortragende zuerst die äußere Erscheinung und das würdevolle Auftreten der alten Rabbinen. Alles an ihnen, ihre Kleidung (lange Talarc), ihre Kopfbedeckung, ihr Gang, ihr Essen, ihre Art zu sprechen, u. A., wurde unter Einstreuung launiger Bemerkungen bis ins Detail erörtert, so daß die Zuhörer ein anschauliches Bild von der Erscheinung und vom Thun der Rabbinen erhielten. Den Grundzug dieses Bildes bildeten Selbstachtung ohne Selbstüberhebung, äußere Würde gepaart mit innerer Würdigkeit. Hierauf besprach Redner das Vcrhältniß der Schriftgelehrten zum Volke, mit dem sie bei aller Wahrung ihrer Standesehre in innigster Berührung blieben und mit dessen Bedürfnissen sie auf's Beste vertraut waren. Wegen ihrer Frömmigkeit, ihrer Uneigennützigkeit, ihrer Menschenfreundlichkeit und ihres reinen Wandels wurden sie vom ganzen Volke hochgeehrt; die persönliche Beschimpfung eines Rabbinen wurde vom Volke als schwere Sünde betrachtet. Der Vortragende bemerkte u. A.. daß schon in der talmudischen Zeit sich einzelne Stimmen erhoben, welche meinten, daß die Resultate der mit größtem Eifer und Fleiß von Hunderten von Gelehrten angestellten Gesetzesforschungen in keinem Verhältniß zu dem Aufwands an Geist, Scharfsinn und Zeit stehen. Diese Stimmen gelangten jedoch nicht zur Geltung, das Gesetzcsstudium blieb nach wie vor das Gebiet, auf welchem sich Geist und Scharfsinn bethätigten. Trotzdem aber Gesetzeskenntmß und Gelehrsamkeit als Inbegriff aller geistigen Vollkommenheit galt, verlieh sie doch nur dpnn Ansehen und Ehre, wenn Bescheidenheit und Menschenliebe ihre Unterlage bildeten. Alle seine Bemerkungen und Behauptungen erhärtete der Vortragende durch zahlreiche Belegstellen aus dem jüdischen Schriftthum. Rech anderthalbstündiger Dauer schloß er seine Rede mit dem Versprechen, daß er in einem dritten Vortrage die finanziellen und materiellen Verhältnisse der Rabbinen besprechen werde. Lebhafter langandauernder Applaus folgte dem interessanten Vortrage.

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