Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 16 (17.4.1891)
- Date
- 1891-04-17
- Page
- Seite 287 (sequence 9)
- Language
- German
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vtt. 16 «Aetterreichijiche Wochenjlchrttt Ivette 287 nach den Gewährsmännern, denen ich diese Daten verdanke, in alle Theile der Welt ausgingen, um für Walosin Spenden zu sammeln, so daß es ein ständiger Witz bei den Studenten geworden ist: die Frage nach dem Vorhandensein des Flusses Sambalion könne kaum mehr gestellt werden; denn sonst wäre er von diesen Meschulachim, die die ganze Welt auf ihren Reisen erforscht hätten, schon längst entdeckt worden. Es scheint aber, daß diese Welt nur eine sehr kleine war. denn das ganze Einkommen der Jeschiba ging niemals über 1800 Livres Sterling hinaus. Davon geht ein Theil auf die Bestreitung der Gehalte des Lehrkörpers, der Administration und auf nothwendige Reparaturen des Gebäudes, und der Rest wird unter die Studirenden vertheilt. Wenn Sie nun erwägen, daß kein Stipendium 13 Livres Sterling übersteigt — und es sind blos die 40 Unsterblichen von Walosin, die eine so hohe Ehrengabe empfangen — und wenn Sie weiterhin erwägen, daß die große Majorität der Studirenden der ärmeren Elaste angehört und von ihren Verwandten keine Zulage zu erwarten hat, so können Sie sicher sein, daß die Worte der Boraitha: „Das ist der Weg zum Studium der Thora; iß Brot und Salz, trinke Wasser mit Mäßigkeit, schlafe auf der Erde und lebe ein Leben der Entbehrung" buchstäblich von Jenen ausgeführt werden. Nur scheint es, daß je weniger sie essen und je weniger sie schlafen, sie umso mehr arbeiten. In der That ist der Fleiß und die Begeisterung dieser Bachurim beim Studium der Thora nahezu unübertrestlich.-Die ofsiciellen Stunden allein erstrecken sich von 9 Uhr Morgens bis lO Uhr Abends, und diese Studien erfahren bei Vielen der Bachurim noch eine freiwillige Fortsetzung bis Mitternacht oder bis zum Beginn des Tages um 3 Uhr Morgens. Daß sich das Gebiet dieser Studien über die Durchforschung der alten rabbinischen Literatur in allen ihren Zweigen nicht hinauszieht, werden Sie leicht errathenkönnen, aber es wäre ein Mißgriff zu glauben; - daß der moderne Geist deshalb durchaus von Walosin sich ferngehalten. Es wäre auch unmöglich, daß unter 400 denkenden köpfen es nicht einige geben sollte, die für Mathematik, Andere, die für Philosophie und Geschichte, und wiederum Andere, die für die Conjugation der unregelmäßigen Zeitwörter irgend einer classischen Sprache sich lebhaft intereisiren, indem sie unter der Vorspiegelung zu'„lernen" über ihren Talmudfolianteneifrig sich auf- und abbeugen. In der That sind es gerade einstige Schüler dieser Jeschiba, von denen fast ohne Ausnahme die schriftstellerisch erhobene Forderung einerobligatorischen Einführung dieser Disciplinen in den Lehrplan von Walosin ausgeht, und es sind eben diese Schriftsteller, die das Geheimniß verrathen, wie weltliches Wissen jetzt stürmisch die Mauern von Walosin und der anderen Jeschiboth, allen Hindernissen »und Untersagungen trotzend, durchbricht und siegend über-^kkte Schwierigkeiten oft die einzige Lebensfreude so manchen Bachurs in Walosin ausmacht. Seht nur, wie er nach schwerem Tagewerk, auf der Straße stehend, beim Mondlicht in Buckles Geschichte der Civilisation sich vertieft, der Arme! Er ist nicht so romantisch, einer warmen, gemüthlichen Stube mit dem prosaischen Lichte einer Kerze den Mondschein vorzuziehen, wohl aber * hat er an der Thüre seiner Wirthin sich müde geklopft, die weil er den letzten Quartalzins zu zahlen versäumte, ihm eröffnet hat, sie werde ihn heute Nacht da draußen frieren lassen; aber sein Leid wird noch verbitterter, da ihm sein Leidensgenoffe, der ebenfalls mit überladenen Hirn und leerem Magen durch die Straßen wandern muß. ihn rauh aus seinen Träumen schüttelnd, ihm mittheilt, daß Buckle längst schon veraltet und er besser gethan hätte, die Worte von Herbert Spencer, von dem das letzte Wort über jegliche Lebensfrage in der Welt gesprochen worden sei, zu studiren. Doch sind diese zwei darbenden und frierenden Vertreter des englischen Gedankens in Walosin blos eine Ausnahme; denn es sind zum größeren Theile Vertreter des jüdischen Gedankens, die hier gepflegt werden. Daß Werke wie Moreh Nebuchim. Milchamoth von Ralbag und andere philosophische Arbeiten der spanischen Schule von jedem Studirenden in Walosin gelesen werden, ist zu sagen beinahe überflüssig; denn diese Bücher bilden ja jetzt einen Theil der rabbinischen Literatur, um derenwillen ihre Leser zu beargwöhnen beinahe unorthodox scheinen möchte. Aber daß selbst Producte der neuern historischkritischen Schule, wie z. B, Werke von Zunz, Frankl, Grätz. Weiß u. A. unter den Bachurim außerordentlich beliebt sind, die sie lesen und eifrig unter einander besprechen, ist eine Erscheinung, auf die zu achten ist. So verdient denn Walosin mit Recht als das Centrum des jüdischen Gedankenlebens in Rußland betrachtet zu werden, als eine Stätte, in der der Geist des Gaons weiterwirkt Ich habe jedoch oft darüber Zweifel vernommen, ob dieser Geist, wenn, wie zu hoffen, bessere Zeiten für die Juden in Rußland hereinkommen werden, auch dann noch fortblühen wird. Ist nicht zu befürchten, daß die Freiheit und Emancipation die Ideen und Begriffe unhaltbar machen wird, die unter ganz verschiedenen Umständen emporgewachsen sind? Nein, zu solchen Befürchtungen ist keine Veranlassung. Rabbi Jedajah aus Beziers schließt sein philosophisches Werk „Bechiuath Olam" mit folgenden Worten: „Wende dich rechts, mein Herz, oder wende dich links, aber glaube an Alles, was Rabbi Moses ben Maimon geglaubt har, er der letzte der Gaonim der Zeit nach, aber der erste nach dem Range." Mehr als fünfhundert Jahre waren dahingegangen, als diese Zeilen geschrieben wurden. Seitdem hat die Zeit, wie Sie gesehen haben, einen neuen Gaon hervorgebracht und wills Gott, wird die Zeit einen Gaon uns wiederbringen. Aber die Zeiten haben sich auch geändert. Die unbotmäßigen Herzen eines freien Zeitalters sind nicht immer geneigt, dem Befehle zu gehorchen: „Glaube Alles, was der Gaon sagte." Aber das Herz der Menschen wird zu allen Zeiten den Idealismus bewahren, die Größten der Menschheit zu lieben und zu verehren und das Beste in ihnen zu befolgen. Korrespondenzen. Wien. (A n t i s e m i t i s ch e Sommerfrischen.» Wir erhalten folgende Zuschrift: „V e r e h r l i ch e R ed a e t i o n! Mit Recht treten Sie in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes dafür ein, daß die Juden jene Sommerfrischen, deren Einwohner antisemitisch gewählt, vorläufig meiden mögen. Anderseits aber sind die Resultate dieser antisemitischen Schwindelwahlen auf die politische Unreife, den Unverstand der Wähler zurückzuführen, dieselben werden ganz einfach zur Urne geschleppt und wählen den, dessen Name ihnen in die Feder dictirt wird — wenn sie überhaupt schreiben können. In einer wohl auch Ihnen bekannten Gerichtsverhandlung wurde constatirt, daß der ehemalige Bürgermeister von Sievering nicht schreiben konnte — und die Acten von seiner Tochter unterfertigen ließ. Sievering! Man kennt diesen nun zu Großwien gehörenden Staub-Curort; derselbe zählt ungefähr 200 Bauernhäuschen — die zur Sommerszeit seit vielen Jahren von ebensoviel — Juden bewohnt werden. Eine christliche Sommerpartei gehört, namentlich in Unter-Sievering, zur Seltenheit. In Sievering exiftirt aber auch nicht e i n Christ, dem ein Jude irgend ein Unrecht zugefügt haben konnte, denn ein geschäftlicher Verkehr zwischen den Sieveringern und den Sommerparteien exiftirt nicht. Dagegen muß man das Thun und Treiben dieser Winter-Antisemiten jetzt bei beginnender Sommerfaison genau sondiren. Fast zu jeder Saison erscheinen dieselben Juden als Miether. Wie erfreut sind da Alle! Der Hausherr, die Hausfrau, der Kaufmann, der