Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 16 (17.4.1891)
- Date
- 1891-04-17
- Page
- Seite 286 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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€>ete 286 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 16 lag er krank darnieder und gab den Kindern seinen Segen. Er starb am dritten Tage Sukkoth mit dem Festzweige des Lulab und dem Ethrog in seinen Händen. Das Freudenfest, erzählt ein Zeitgenosse, wurde in Tage der Trauer umgewandelt. In allen Straßen Wilnas hörte man nur Klage- und Weherufe. Die Grab- und Gedächtnißreden, die bei dieser Gelegenheit in Wilna und den anderen jüdischen Gemeinden gehalten wurden, würden eine kleine Bibliothek ausmachen. Die Schüler beweinten ihren Lehrer, das Volk von Wilna die Zierde ihrer Heimat und das Gefühl der Juden im Allgemeinen war, daß die Bundeslade Gottes entschwunden sei. Nach der vorausgehenden Zeichnung werden Sie kaum von mir noch eine Darstellung der literarischen Hervorbringungen des Gaons erwarten können. Die Resultate eines solchen einer einzigen Sache mit so viel glühendem Eifer und großen geistigen Qualitäten gewidmeten langen Lebens würden an und für sich das Material zu einem ganzen Cursus von Vorlesungen darbieten. Der Grabstein, den seine frommen Verehrer ihm aufrichteten, trägt die Inschrift: „Der Gaon forderte suchte und brachte Ordnung in — d. h. schrieb Erklärungen oder Bemerkungen über die Bibel, die Mischnah, die beiden Talmudim, die Werke Sifrd, Sifra, den Zohar und viele andere." Grabschristen sind bekanntlich für Uebertreibungen im Lobe sprichwörtlich und es ist uns Allen der Ausspruch bekannt: „lügenhaft wie ein Grabstein." Aber ein Blick auf den Katalog des Brittschen Museums unter dem Titel „Elia Wilna" wird Ihnen zeigen, daß diese Inschrift eine rübmenswerthe Ausnahme macht. Sie werden finden, daß dieses grabfchriftliche Verzeichniß der Werke des Gaons durch noch viele andere für das jüdische Leben und Denken bedeutungsvolle Arbeiten hätte erweitert werden können. Sein Commentar zum Schulchan Aruch, worin er in vielen Fällen die Quellen der darin zusammengestellten Minhagim und Dinim besser als deren Sammler selber kannte, würde hingereicht haben, ihm den ersten Platz unter den Kennern der Halacha zu sichern, während seine Noten und Textverbesserungen zur Tosista und dem Seder Olam, deren Reconstruction ihm größtentheils zu verdanken ist, hingereicht hätten, seinen Namen unter die vornehmsten Kritiker einzureihen, was um so staunenswürdiger ist, wenn wir erwägen, daß all dies ohne Manuscripte oder irgend welche andere Hilfsmittel als seine bloße Scharffinnigkeit zu Sande kam. Es ist nicht zu verwundern, wenn unter solchen Umständen Gelehrte, die große Bibliotheken zu besuchen Gelegenheit hatten, indem sie des Gaons Emendationen mit den Lesarten in den besten Handschriften übereinstimmend fanden, erstaunt ausriefen: „Nur durch göttliche Eingebung konnte er diese Geheimnisse herausfinden!" Wir brauchen aber nicht so weit zu gehen; sagen wir nur einfach mit den Worten des Talmuds: (Ollaedam adif minabi) „mehr als der Prophet trifft der Kluge mit seiner Ueberlegung". Ja wenn auch nur seine Likuti , eine Art oditer dicta über verschiedene Punkte der jüdischen Ltteratur, da wären, dies allein hätte ihn zu einem Musterbilde klaren Denkens und echten Genies für alle Zukunft hingestellt. Eine wahre Schätzung der Größe des Gaons würde aber nur durch ein gründliches Studium seiner Werke oder durch eine reichliche Auswahl von Beispielen daraus möglich sein. Dies aber ist durch die Kürze der Zeit, die meinem Vortrage angewiesen ist, unmöglich. Ich werde also die wenigen Minuten, die ich noch vor mir habe, benützen, um einiges Wenige über den heilsamen Einfluß des Gaons auf seine Landsleute, die russischen Juden, zu bemerken. Der russische Jude ist immer noch ein Räthsel für ims. Wir kennen diese ftemde Eigenart nur entweder aus den Berichten unseres Gemeindebundes oder aus schwülstigen Redensarten in öffentlichen Ansprachen; da heißt es immer, von diesem Opfer der Bühnenredner, von diesem Volke' es sei „So harmlos oder heftig über alle Maßen, Daß Jedermann ein Gott in ihm ist oder Teufel." Ich aber kann nach den besten jüdischen Schriftstellern in Rußland Ihnen nur sagen, daß der russische Jude, auf einen ftemden Boden verpflanzt, wo er von der Vergangenheit abgeschnitten und über seine Zukunft sich noch nicht klar ist, wenigstens für die Zeit, in einer Lage ist, in der sein wahrer Charakter nicht treu zu erkennen ist. Man kann ihn nur in seinem eigenen Lande beurtheilen, wie er wirklich ist; dort inmitten seiner Freunde und Verwandten, die das gleiche Ideal, die gleichen Traditionen verbinden, und wo die gleichen religiösen und menschenfteundlichen Einrichtungen Alle mit dem gleichen Stolz erfüllen, hat jedes Einzelne für ihn Bedeutung und Leben. So schreibt ein russischer Schriftsteller an seine jüngeren Collegen, die an der Vergangenheit manches zu tadeln finden: „Gehet und sehet, wie reich wir immer an trefflichen Männern gewesen sind. In jeder Stadt, in jedem Dorfe werdet Ihr Gelehrte, Fromme und Wohlthäter der Menschheit finden, ihre Verdienste tragen Welten, ein jeder von ihnen war ein Schmuck für Israel." Und nun fährt er fort einige Dutzend Namen solcher herrlichen Männer anzuführen, die uns freilich nicht durchwegs bekannt sind, die aber alle russischen Juden mit einem Bande frommen, ruhmvollen Andenkens und stolz erfüllender Erinnerungen an wahre Hoheit und heldenhafte Selbstverleugnung umschlingen. Der Brennpuntt aber, von dem alles geistige Leben ausgeht, ist die Jeschiba in Walosin. Ich hoffe, daß ein Blick auf die Geschichte ihrer Entstehung Ihnen nicht uninteressant scheinen wird. Der geistige Urheber dieser Anstalt, die den Namen Jeschiboth Ez Chayim trägt, war der Gaon selbst. Ueberzeugt, daß das Studium der Thora das wahre Leben des Judenthums bilde, insofern dieses Studium auf einer wissenschaftlichen, nicht populistischen Bahn geleitet werde, forderte er seinen Lieblingsschüler, den bereits erwähnten Rabbi Chajim zur Gründung einer Hochschule auf, in der rabbinische Literatur nach seiner eigenen wahren .Methode gelehrt werden sollte. So lange der Gaon am Leben war, scheint es jedoch, wollte Rabbi Chajim lieber Schüler sein denn ein Lehrmeister. Sobald aber der Gaon gestorben war, hatte Rabbi Chajim nicht eher Ruhe, als bis er den Befehl seines Meisters ausgeführt und die Lehranstalt in Walosin im Jahre 1803 eröffnet hatte. Aus dem Kleiderindustriellen und Schüler wurde nun ein Rabbi und ein Meister. Er unterrichtete erstauf einer niedereren Stufe, mit einer kleinen Anzahl von Schülern beginnend. Aber selbst für die Erhaltung einer geringen Schülerzahl waren seine Mittel unzureichend, und sein ftommes Weib verkaufte ihre Juwelen, um ihm in der Erfüllung seines Lieblingsplanes behilflich zu sein. Das ist die beste Widerlegung des ftanzösischen Sprichwortes „Geizig wie ein Rabbiner" (avare eowme un ßabbin). Die Zähl aber stieg täglich, und ehe er starb (im Jahre 1828) war er so glücklich, einem Auditorium von hundert Studenten Vorträge zu halten. Im Jahre 1888 war diese Zahl bereits auf 400 Hörer gestiegen, und die russischen Juden behaupten also nicht mit Unrecht, daß sie die größte Talmudschule der Welt besitzen. Es versteht sich von selbst, daß private Wohlthätigkeit eines Einzelnen und wären sie noch so bedeutend, nicht mehr im Stande war, so bedeutende Summen zu leisten, und daß schon R. Chajim genöthigt war, an die Freigebigkeit seiner russischen Brüder zu appelliren. Der Name R. Chajims und noch mehr der seines Meisters waren Empfehlung genug, und außer privaten Anerbietungen wurden von einer Anzahl Gemeinden bedeutende Beträge zur Erhaltung der Studirenden in Walosin in Aussicht gestellt. Auch wurden von Zeit zu Zeit von dem Comits zur Beförderung der Jeschiba Sendlinge oder Meschulachim ausgesandt, die