Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 16 (17.4.1891)
- Date
- 1891-04-17
- Page
- Seite 283 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ÜWSE1-JL es Nr. 16. Hesterreichische Wocheuschrift Seite 283 streit mit uns werden erweckt haben. Dann — läßt Hamerling Ahasver sagen — dann will ich zu euch, o ihr Männer, kommen und, müde von der langen Pilgerschaft, will ich im Schatten eures Kreuzes mich hinstrecken, nicht auf ewig auszuruhen, zu sanfter Rast ein wenig einzuschlummern. O, hinweg mit engherziger Einseitigkeit und Unduldsamkeit! Hinweg mit unchristlichem Racenhaß und Racenkrieg! Unsere Zeit fordert gebieterisch Achtung der Persönlichkeit und der fteien Entwicklung, Achtung der Gesinnung und des Charakters, des ganzen Menschen, der unendlich höher steht, als alle Vorstellungen und Formeln. Sie fordert Billigkeit und Gerechtigkeit, ohne welche keine Humanität denkbar ist! Unsere gesammte Geistescultur, die weltumfassende Civilisation, basirt darauf! Und — endlich bildet denn das Judenthum dort, wo es heimisch ist, einen Staat im Staate? Droht etwa dem modernen Staatswesen Gefahr seitens der Juden, wie einst dem römischen mit seinem Jupiter Capitolinus? Noch das 18. Jahrhundert sprach von den Juden von einer besonderen „Nation". Das ist seit Mendelssohn anders geworden! Der Jude denkt und fühlt, wie die Nation, in deren Mitte er lebt. Und so lernte er auch mit der deutschen Sprache deutsch denken und fühlen. Erfüllt er etwa nicht seine Bürgerpflicht, wie jeder Andere? Ist er nicht bereit, wie jeder andere Patriot, Opfer für das Gemeinwohl zu bringen, wenn es nöthig ist? Haben nicht auch seine Söhne auf den Schlachtfeldern geblutet? Nimmt er nun dieselben Pflichten auf sich, wie jeder andere Staatsbürger, darf er nicht auch die äquivalenten Rechte beanspruchen? Sind denn vor dem Gesetze nicht alle Bürger gleich? Es ist doch wahrlich eine bittere Ironie, daß in die gesetzgebenden Körperschaften Männer Eingang finden, die — wenn irgend möglich — für die Juden Ausnahmegesetze machen, sie am liebsten als außerhalb des Gesetzes stehend brandmarken möchten! Wer gedenkt nicht der widerlichen Scenen, die im österreichischen Parlament unter Führung Schön erers, des Oberpriesters der Antisemiten, in's Werk gesetzt worden sind? Wir müßten die scharfe Satyre eines Swift und den spitzen Griffel eines Hogarth besitzen, um das Treiben dieser Parlamentarier genau zu zeichnen! Haben sie denn nicht einen Augenblick darüber nachgedacht, was sie beginnen, was sie herausbeschwören? Mög-m sie es doch wissen: wer die dämonischen Kräfte im Menschen entfesselt, der wird zum Volksverführer, Volksverderber. Ein schlagendes Wort hat dafür Hoffmann v. Fallersleben. „Ein großer Teufel ist schon Gog, Magog ist ein viel größ'rer noch; Was ist aber der Demagog? Das ist der allergrößte doch!" Und ein Demagog ist der Judenhetzer, mag ihn die Soutane kleiden oder der Arbeiterkittel, mag er fürstlichen Geblüts sein oder ein schlichter Handwerker, mag er sich „christlich-social" nennen, wie drüben in Oesterreich, oder „Antisemit", wie bei uns! Weite Kreise unseres Volkes sind von dieser Hetze angesteckt und ergriffen worden! Als bezeichnend für die Stimmung mag das Antwortschreiben eines Leipziger Verlagshändlers auf das Angebot, diese Schrift zu verlegen, angeführt werden. Er schreibt auf einer Postkarte — eine solche ward ihm zur Antwort beigelegt — wörtlich: „Für die Juden kann man heute nur eintreten, wenn man die in Frage kommenden Thatsachen nicht genügend kennt oder dieselben durch eine irritirende Brille betrachtet. Es wäre sehr erwünscht, wenn gerade Pastoren sich vom streng christlichen Standpunkte aus gegen die Juden äußern wollten — wenn auch nicht ganz so sckarf, wie Christus selbst — mit der Peitsche!" Thatsachen? Es kommt eben auf den Standpunkt an, von dem aus man diese Thalsachen betrachtet. Von unserem ch r i st l i ch e n Standpunkte können und dürfen wir „die Peitsche" nicht in die Hand nehmen, trotz der liebevollen Anspielung auf Joh. 2, 15, der übrigens ein Jrrthum zu Grunde liegt; denn Christus behandelte nicht die Juden als solche mit der Peitsche, sondern (vergl. Marc. 11,15) nur die Käufer, Verkäufer und Wechsler Wenn irgend einer, so hat Döllinger „die in Frage kommenden Thalsachen"' gekannt und auf Grund derselben seine große Rede für die Juden gehalten. Etwas Anderes ist eben eine berechtigteAbwehr im Rahmen des Gesetzes und wieder etwas Anderes Fanatismus, Hetze! Gegen diese wenden wir uns, gegen diese allein! Denn wo die bösen Leidenschaften entfesselt werden, da thut sich ein Abgrund auf in der Gesellschaft, um Alle zu verschlingen. Ein Abgrund ruft den anderen an! Es wäre zu wünschen, daß das Beispiel des neuen Wiener Erzbischofs Nachahmung fände, der sich weigerte, die Antisemiten bei den Wahlen durch die Geistlichkeit unterstützen zu lassen. Haben wir denn nicht genug an der Sozialdemokratie? Darf man ihr denn noch Hilfstr upp en zur Verfügung stellen? Man halte uns nicht die Namen Marx und L a s s a l l e entgegen! Die heutigen Führer der Socialdemokraten sind — mit wenigen Ausnahmen — nicht von jüdischer Geburt. Wir bestreiten, daß, wie v. Kunowski iu seinem trefflichen Buche „Wird die Socialdemokratie siegen« (pag. 98) ausführt, ein großer Theil unserer israelitischen Bevölkerung ein Beförderer der socialdemokratischen Bewegung sei, wir sehen im Gegentheil in den Antisemiten die Beförderer jener Partei. Sie find es, die einen Abgrund graben! Der Staat hat die Ausgabe, jedem seiner Angehörigen sein Menschenrecht z.t sichern und ihn in seiner Bestimmung zu einem sittlich-vernünftigen Wesen zu fördern. Wird er in dieser seiner Culturmission durch die Juden irgendwie behindert? Wird sie ihm nicht vielmehr durch die Gegner der Juden erschwert? Der Staat hat dafür zu sorgen, daß das Leben im Staate fich auf einem Boden bewege, der ein ftiedliches und für Alle gedeihliches Zusammenwirken möglich macht, auf dem Boden der einer jeden Zeit eigenthümlichen und mit der Zeit fortschreitenden Bildung. Können nun diejenigen, die in unseren jüdischen Mitbürgern Parias sehen, berufen sein, dem Staate in der Durchführung seiner Mission behilflich zu sein? Nimmermehr! Der Kaiser hat im Hinblick auf die Wirren der Gegenwart das schöne Wort gesprochen: „Ich will Alles thun zur Versöhnung, was ich kann." Wahrlich, der Unterstützung aller Edlen im Volke mag er sicher sein! Wer unsere Zeit, wer unserem Volke dienen und zum Segen werden will, der darf nicht hassend niederreißen, er muß liebend bauen helfen; der darf nicht Abgründe graben und die Klüfte, welche die Menschen trennen, vergrößern, er muß Brücken schlagen, daß die Getrennten einander die Hände reichen; der darf nicht finsteren Idolen seine Dienste leihen, er muß sein Leben weihen den Idealen der Menschheit, muß eintreten für Freibeit und Recht und Licht und Liebe! „Hoch oben glänzen sie mit ewigem Strahle, Die heiligen Ideale Der Menschheit: Freiheit. Recht und Licht und Liebe! Das sind die reinsten vollerglühten Flammen Des Urlichts — sie zu schüren allzusammen In eine Gluth im hadernden Getriebe Des Bölkerlebens, das ist deine Sendung, Volk Odins, das ist des Menschenthums Vollendung!" (Hamerling.) Ich weiß, ich habe nichts Neues vorgebracht — aber darum war es mir auch nicht zu thun. Ein Mahnruf zum Frieden will die Schrift sein. Mancher wird mir zustimmen, Mancher wird lächeln. Mancher grollen oder gar schmähen. Es sei! Ich halte mich an das Wort Lessings: WasDir alsWahrheit dünkt, das sage ftei, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!