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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-17 · 16 (17.4.1891) · p. Seite 282

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
16 (17.4.1891)
Date
1891-04-17
Page
Seite 282 (sequence 4)
Language
German
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Seite 282 Hefteneichrfche MochmfchrLft VLr. 16 Menschenrechte nahm. Was den Protestanten in Klostergrab und Braunau im Jahre 1618 geschehen, das widerfuhr viel früher schon den Juden. Das jüdische Bethaus durste als solches von außen nicht kenntlich sein, der Jude dagegen mußte ein besonderes äußeres Abzeichen tragen. „Dieses Gesetz des Abzeichens," sagt Döllinger. „war besonders hart und grausam; denn bei den häufigen Meutereien und Tumulten in den Städten fielen die Juden um so leichter in die Hände der Wüthenden, die sie auf den ersten Bück erkannten, und aus Wanderungen wurden sie unentrinnbar die Beute der zahlreichen Strauchritter und Strolche, die natürlich jeden Juden für vogelfrei hielten." Man gestattete ihnen nicht, einen Namen zu führen wie andere Sterbliche und mit anderen Menschen zu verkehren, ja, den Christen wurde verboten, einen jüdischen Arzt an das Krankenbett zu rufen! Darf es Wunder nehmen, daß sich das Volk scheu absonderte und gegen Andere verschloß? Ein Wunder ist's vielmehr, daß es sich unter solchen Drangsalen überhaupt erhallen hat! Aber das „Schachern" und „Wuchern" macht man chnen zum Vorwurf. Der Jude hat nicht immer gehandelt und geschachert. Er hat auch mit den Händen gearbeitet und thut es heute noch. Ein arbeitsames Volk waren die Juden immer. „So lange sie einen eigenen Staat bildeten, waren Feldbau, Gartenbau und Handwerk ihre vorherrschende Beschäftigung. Unter ihren Händen war Palästina eines der am besten bebauten und fruchtbarsten Länder der Erde geworden. War doch auch das Mosaische Gesetz auf die Förderung von Getreide-, Wein- und Oelbau gerichtet." Das Volk blieb auch nach der Zerstreuung seinen alten Sitten getreu. Aber wurden sie denn nicht gehetzt wie das Wild des Waldes? Rührend sagt Luther: „Juden sind die ärmesten Leute unter allen Völkern auf Erden, werden hie und da gepläget, sind hin und her in Landen zerstreuet, haben kein gewissen Ort, da sie könnten bleiben, sitzen gleich wie auf einer Schuckel, müssen immer besorgen, man treibe sie aus." Kennte da von Seßhaftigkeit, von friedlichem Feld- und Gartenbau die Rede sein? Ferner: Die Christen dursten nichts bei ihnen arbeiten laffen und ihnen nichts verkaufen. Konnten sie unter solchen Umständen im Handwerk bestehen? Sie wurden nothgedrungen Handelsleute, und nothgedrungen— „Wucherer". Hätten die Juden keine hohen Zinsen gefordert, sie wären außer Stande gewesen, die schweren, erdrückenden Abgaben zu leisten. Da verstehen wir das erschütternde Wort, welches Döllinger in seiner Akademierede über die Juden in Europa am 25. Juli 1881 gesprochen: „Tie Jude» hat der Christ erst so gemacht, dies sagt uns die Geschichte seit dreizehn Jahrhunderten mit tausend Zungen". Aber heute? Trifft das heute auch zu? Oder sind die Juden in dieser Richtung besser geworden? Es ist wahr, daß vielfach von den Juden Wuchergeschäfte getrieben werden. Wir verurtheilen das ebenso streng wie der strengste Antffemit. Aber darf man die Sünden Einzelner allen Glaubensgenossen derselben zurechnen? Und gibt es unter den Christen keine Wucherer? Der alte Rothschild hat einmal gesagt: „Man sperre die Juden und Armenier der ganzen Welt in eine Börsenhalle ein, und binnen einer halben Stunde wird das Geld der Ersteren in die Säcke der Letzteren übergegangeu sein." In der That versteht es auch der Armenier — und der ist Christ — seinen Bortheil ganz vorzüglich wahrzunehmen! Aber der leidenschaftliche Parteigeist sieht bei den Juden nur die Fehler, die Schattenseiten, nicht auch das Gute, das Licht. „Äülch der beste Mensch", sagt Lessing, hat noch viel Böses, und der Schlimmste ist nicht ohne alles Gute." Ist der Jude nicht nüchtern und mäßig? Ist er nicht ein guter Familienvater? Hält er die Treue nicht hoch? In diesen Dingen wäre Manches von ihm zu lernen! Aber der Eifer fährt blind drein, reißt den Weizen sammt dem Unkraut aus, schneidet mit den Wassersprößlingen auch die stuchttragenden Rebzweige ab und stiftet so mehr Unheil als Segen. Und was das traurigste ist: gleich dem Besessenen von Gadara kann der antisemitische Eiferer ausrufen: „Legion ist mein Name, denn unser sind Viele!" In den Reihen dieser Vielen verschmähen auch christliche Geistliche, ja sogar geistliche Würdenträger, nicht zu marschiren. Da mag es einem christlichen Geistlichen gestattet sein, daß er ausspricht, was Tausende mit ihm denken, mag ihm gestattet sein, mit diesen Tausenden zu protestiren im Namen der Humanität, im Namen des Christenthums, im Namen des staatlichen Friedens gegen diese Haß und Zwietracht säende, alle Freiheit tödtende verderbliche Richtung in unserem Volke! Hermann Hettner hat das Wort gesprochen, daß nur auf der Grundlage und Vorstufe religiöser Duldung das Ideal reinen und in sich beftiedigten Menschendaseins erblühen könne. Ganz richttg, denn Unduldsamkeit wird zum Fanatismus, mordet des Nächsten Ehre, zerstört seinen Frieden, raubt ihm die Existenz, spannt ihn auf die Folter und sendet ihm noch in das Jenseits Verwünschungen nach. Wie, sind wir denn nicht Kinder des gleichen Vaters? Und was verbindet uns mit dem Vater? Ist es nicht Liebe? Ist das nicht der echte Ring, der die Wunderkraft besitzt, „beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm?" Wie lautet doch des Richters Spruch im Nathan? „Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochenen, Von Borurtheilen freien Liebe nack! Es strebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmuth, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, 'Mit inniger Ergebung in Gott Zu Hilf! . . ." Bischof Reinkens schließt daran das schöne Wort: „Das Testament Johannis löst den Zauber des echten Ringes." Ja wohl! Nicht Haß und Fanatismus gegen die, die einen anderen Ring haben, offenbart die Wunderkraft des Steines des echten Ringes, sondern die Liebe. Das ist Christenthum. Humanität und Christenthum lassen sich nicht von einander trennen Das Christenthum riß die Schranken zwischen Griechen und Barbaren, Juden und Heiden, Weißen und Farbigen nieder. Alle Menschen sind Brüder — das ist der große Humanitätsbegriff des Christenthums! Der christliche Geist führt uns nothwendig dahin, alle Trennungen im Menschengeschlechte zu überwinden und alle Völker als eine einzige gottesbürgerliche Gesellschaft anzusehen. Das Christenthum ist im erhabensten Sinne des Wortes Humanitätsreligion! Hat nicht Christus selbst für seine Kreuziger um Vergebung gebeten? Jene aber, die im Namen des l Evangeliums Haß säen unter den Menschen, erinnern ganz merkwürdig an Venedigs Wappen, den Löwen, das Evangelium haltend. „Das heil’ge Buch des Glaubens und der Treue Erhoben hoch — doch in bekrallter Tatze!“ (Anast. Grün.) Sie, die im Namen des Christenthums die Juden schlagen, schänden den Christennamen und schlagen der Kirche Jesu Christi in's reine Antlitz. Ihnen ruft Origenes zu: Die Juden sind und bleiben unsere Brüder, die nur später mit uns sich vereinigen werden, dann nämlich, wenn wir durch unfern Glauben und unser Leben sie zum Wett-

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