Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 16 (17.4.1891)
- Date
- 1891-04-17
- Page
- Seite 281 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Gesterreichische Wochenschrift DeUe 261. Ahasver. Ein Mahnruf in der Judenfrage. Von Pfarrer W. Schirmer in Düsseldorf. „Gehet hinaus und predigt Schonung, Duldung, Liebe." Gutzkow, Uriel Mosta. Wer kennt nicht die Sage vom Ahasver, dem ewigen Juden? Wer hat nicht schon den räthselhaften Mann auf Kaulbachs Bild geschaut, wie er den Peitschen der römischen Krieger enteilt, mit fliegendem Haar, die Brust entblößt, mit einem Fuße kaum den Boden berührend? .Wer kennt die alte Sage nicht? Und wer sieht nicht darin das Bild des seit Christi Zeiten in alle Länder der Welt zerstreuten und trotz aller Bedrückungen und Verfolgungen unausrottbaren Judenvolkes? Wie wunderbar ist doch die Geschichte dieses Volkes! Die alten Culturvölker, Aegyter, Assyrer und Babylonier, Griechen, Römer — wo sind sie? Israel steht heute noch. Wer löst das Räthsel? Die Lösung liegt in den Worten, welche Bileam und Eunomos der Gadarüer, die großen heidnischen Denker, zu ihren Zeitgenossen, welche Israel schwächen wollten, sprachen: „Gehet hin in die jüdischen Schulen, wo die Kinder zur Beobachtung und Befolgung des Sittengesetzes herangebildet werden. Dort ist der Quell seiner Stärke, dort das Geheimniß seiner Unverwüstlichkeit!" Wenn also das Volk der Juden nicht zusammenbrach wie die anderen alten Culturvölker, so hat dies seinen tiefsten Grund darin, daß zu jeder Zeit bei ihm geistiges Leben pulsirte, das es in jeder Lage für die Erziehung seiner Kinder die größten Opfer brachte. Doch — da kommen nun Jene, die nicht für Eintracht und Frieden, sondern für Zwietracht und Unfrieden arbeiten, mrd rufen: Die Juden sondern sich ab und verschließen sich gegen Andere, ihr Arbeitsziel ist Geld und wieder Geld, sie übervortheilen Jeden und Alle, sie sind eine sociale Gefahr und müßten unterdrückt werden. Wäre auch im Einzelnen Manches davon wahr, so sind doch solche allgemeine Anklagen ungerecht und Alles daran unduldsam. Das Verhalten der Völker gegen die Juden war wahrlich nicht geeignet, sie aus ihrer Sonderstellung zu bringen. Wie die Juden, während das Morgenland unter den Assyrern, Medern und Persern stand, der verachtetste Theil der Unterworfenen waren, davon redet schon Tacitus. Und Strabo sagt, daß schon der Name Jude als Scheltwort gegolten habe. Das ist heute nicht anders geworden. Ein Palästinareisender von Ruf hat gefunden, daß es in Palästina kein ärgeres Schimpfwort gebe, um selbst einen Phlegmatiker in Harnisch zu bringen, als Jahudi, „du Jude". Das können wir in deutschen, noch mehr in slavischen Ländern auch heute hören. Ein englischer Reisender weiß sogar zu erzählen, es sei etwas Gewöhnliches, daß ein Araber seinen müden Esel, nachdem er ihm verschiedene Schimpfnamen beigelegt, zuletzt noch einen Juden nennt. Wenn der Heide und der Moham edaner den Juden in seinem Wesen nicht verstand, so darf uns dies nicht Wunder nehmen. Von dem Christen durste Besseres erwartet werden. Aber wie wurde den Juden gerade in christlichen Ländern mitgespielt! Seit Papst Innoc e n z HI. erklärt hatte, daß das ganze Judenvolk seiner Schuld wegen zu immerwährender Sklaverei von Gott bestimmt sei, seitdem waren die Juden rechtlos und vogelfrei! Es war nur consequent, wenn nunmehr von Thomas von - Aquin, dem größten unter den scholastischen Theologen, gelehrt wurde, die Fürsten könnten über das Vermögen dieser zu ewiger Knechtschaft verurteilten Menschen ebenso verfügen, wie über ihre eigenen Güter. Ja, noch mehr: man zog daraus den Schluß, die Fürsten und Herren könnten den Juden ihre Söhne und Töchter mit Gewalt wegnehmen und sie taufen lassen! Unglückselige Lehre! Wie hat man sie befolgt! Sollen wir Beispiele anführen? Nur Einiges nennen wir, indem wir dabei Döllinger („Die Juden in Europa", Academ. Rede) folgen. Im Jahre 1230 nahm Heinrich HI. von England den Juden auf einmal ein Drittheil ihres Besitzes; später verpfändete er die ganze britische Judenschast dem Grafen Richard für ein Anlehen. In Frankreich erging es ihnen nicht besser. Oester gebrandschatzt, wurden Sie von Ludwig DL, dem Heiligen, aus dem Königreiche verbannt „mit Confiskation dessen, was sie noch besaßen". Bon übergroßer Gnade mußten sie reden, daß der Befehl nicht ganz zur Ausführung kam. Um so besser verstand es Philipp der Schöne. Auch er verbannte plötzlich alle Juden, nahm ihnen ihre Habe, „ließ ihre Häuser. Synagogen, Schulen, selbst Leichenäcker an den Meistbietenden verkaufen und zwang alle ihre Schuldner, an seine Casse zu zahlen." Aehnlich erging es den Juden in Spanien und Portugal. Wie hoch die Juden in Spanien taxirt wurden, davon giebt beredtes Zeugniß das Inventar des Mönchsklosters San Cosme und San Damian vom Jahre 978, welches Castelar in der spanischen Cortessitzung am 12. April 1869 vorweisen konnte. Darin verzeichneten die Mönche ihr Eigenthum folgendermaßen: 50 Stuten, 20 Maurinnen und Jüdinnen, 30 Juden dito! Wahrlich, ein herrlicher Hymnus auf die Humanität, dieses Inventar! In Spanien und Portugal hat man es auch wunderbar verstanden, die Juden zum Taufbecken zu treiben. Im Jahre 1391 empfingen in Spanien 20.U00 Juden die Taufe; sie thaten es, um der durch fanatische Priester heraufbeschworenen Judenabschlachtung zu entgehen. Trotzdem wurden z. B. in Toledo in Folge der fanatischen Predigten des Vincent Ferrero die Juden massenhaft niedergemetzelt — zum Dank dafür, daß sie jene Stadt zu einem glänzenden Handelsplatz Westeuropas gemacht haben! In Portugal wurden ihnen ihre Kinder unter 14 Jahren entrissen und getauft; die Eltern selbst konnteu nur dann bleiben, wenn sie gleichfalls zum Taufbecken gingen. Es folgte Blutbad auf Blutbad. Furchtbar war die Saat eines Jnnocenz, eines Thomas von Aquin aufgegangen! Und find nicht ähnliche Fälle auch später immer wieder, wenn auch vereinzelt, sind sie nicht auch in unserer aufgeklärten Zeit und in unseren Landen vorgekommen? Wie wehmüthig berührt es. wenn wir Mendelssohn von seinem Aufenthalte in Preußen sagen hören: „Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande lebe ich gleichfalls so eingeengt, durch wahre Intoleranz so von allen Seiten beschränk, daß ich meinen Kindern zu Liebe mich den ganzen Tag in einer Seidenfabrik einsperren muß. Ich ergehe mich zuweilen des Abends mit meiner Familie. Papa! ruft die liebe Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach? Warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? Was haben wir ihnen gethan? Ja, lieber Papa, spricht ein anderes Kind, sie verfolgen uns immer in den Straßen und schimpfen: Juden! Juden! Ist denn das so ein Schimpf bei den Leuten, ein Jude zu sein? Ach, ich schlage die Augen nieder und seufze mit mir selber: Menschen, Menschen! Wohin habt ihr es endlich kommen lassen? ..." Tönt diese Klage nicht auch in diese unsere Zeit hinein? Jft's heute anders? Ca? tel est notre plaisir — damals wie jetzt! Kein Wunder, wenn das Volk alles Schlechte und Gräßliche den Juden zuschrieb und als von den Juden kommend, ansah. Die traurige Sage von dem Christenblut z. B.. dessen die Juden zu ihrem Ofterseste bedürften — wie viel Wuthausbrüche des Pöbels hat sie heraufbeschworen, wie viel Opfer unter den schuldlosen Juden hat sie gefordert! Und sind wir nunmehr frei von diesem Wahn? Auch darauf kann die neueste Zeit Antwort geben! Man kam endlich soweit, daß man dem Juden das Beten zu seinem Gotte verwehrte und ihm die einfachsten