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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-17 · 16 (17.4.1891) · p. Seite 280

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
16 (17.4.1891)
Date
1891-04-17
Page
Seite 280 (sequence 2)
Language
German
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Sctic 280 Gesterreichische Wochmschrift «r. 16 der einen Stadt oder selbst von den Grenzpfählen des eigenen Vaterlandes, sondern weit darüber hinaus der großen Gesümmtheit zum reichen Segen sich gestaltet hatte, ebenso fühlt auch die große Gesammtheit aller für das Gute und Hohe Begeisterter unwiderstehlich sich gedrängt, gehobenen Herzens auf die von segensvollsten Schöpfungen erfüllte Laufbahn des gefeierten Mannes einen denkenden und dankbaren Rückblick zu werfen. Und thatsächlich zeigt sich die Bestätigung dessen uns jetzt allenthalben. Seit die erste Kunde von der herannahenden 70. Geburtstagsfeier unseres ehrwürdigen Adolf Jellinek laut ward, ist, soweit jüdische Herzen schlagen und Geister unseres Stammes denken und schaffen, durch diese Kunde ein mächtiges Echo wachgerufen worden. Und da der Jubilar ein Mann zweier Welten ist — denn einerseits durch eine wie selten fruchtbare und hochgeniale schriftstellerische Feder der schaffenseifrigen Gelehrtenwelt voll und ganz angehörend, hat er anderseits durch die unvergleichlich wirksame, sprachlich wie gedanklich muftergiltige und höchst eigengeartete Kanzelrede auch in den breitesten Schichten des Volkes einen der populärsten Namen sich erobert — so ist es nicht zu verwundern, daß dieser Jubelfeier aus allen Kreisen und Schichten die warmherzigste Theilnahme entgegengebracht wird. Wie der Jubilar schon in frühen Knabenjahren durch Scharfsinn und Gedächtnißkrast in der Jeschibah des seinerzeit sehr berühmten R. Moses Wannefried zu Proßnitz Aufsehen erregte, so hatte er bereits als achtzehnjähriger Jüngling (1839) die schriftstellerische Feder erfaßt, sie seitdem nicht mehr aus den Händen gelegt und mit seltener Arbeitskraft die verschiedenartigsten Felder der großen jüdischen Wissenschaft bebaut und mit werthvollen Leistungen, die sämmtlich das Gepräge eines originell schaffenden Geistes in sich tragen, bereichert. Seine vielfachen Arbeiten über die Religionsphilosophie des Sohar und der Kabbala nehmen einen breiten Raum in unserer Literatur ein, sowie seine sechs Bünde „Bet, Hamidrasch" zu allen Zeiten eine literarische Schatzkammer bilden werden, voll wichtiger Beiträge zur genaueren Kunde der Hagada und für die tieferen Einblicke in die Geschichte des Judenthums und die Erkenntniß des jüdischen Stammes. Seine zehn Bände „Kontaressim" (D"li03p) bilden ebenso wiederum eine Fundgrube für die Bibliographie, deren kein Mann jüdischer Wissenschaft entbehren kann, und endlich seine scharfsinnigen literarischen Conjecturen, die er i» vielen Editionen älterer Schriften niedergelegt hat, werden auch den Forschern der neuesten Zeit noch immer zu Anregungen dienen, wie ich dies aus der soeben erschienenen Schrift über „Eldad Hadani" von dem scharfsinnigen Gelehrten, Herrn Abraham E p st e i n, ersehe, und ebenso in der ftüheren Schrift desselben Forschers: „Die jüdische Alterthumskunde", wo Jellineks Schrift: „Ueber das Buch der Jubiläen" (Leipzig 1855) dem Verfasser mannigfache Anregung bot. Der Schreiber dieser Zeilen, in langjähriger aufrichtiger Freundschaft für den hochverehrten Herrn Jubilar, spricht demselben hiemit seine innigsten Glückwünsche aus. Möge er, neben seiner noch immer bewundernswürdigen geisttgen Frische und Schaffensfreude, noch lange Reihen von Jahren auch der vollen Gesundheit und Rüstigkeit des Körpers sich erfreuen! Rabbiner Dr. Abr. Schmiedl. Ei« Hilfsverein für die jüdische« Klei«- Kemerdetreide«de«. Eines der populärsten und, wie nicht zu leugnen ist, wirksamsten Schlagworte, mit denen der „christlich-sociale" Anttsemitismus arbeitet, ist die Phrase, daß der christliche Gewerbestand vor der Ausbeutung durch die Juden und vor der erdrückenden Concurrenz derselben geschützt werden müsse. Wie weit der Antisemittsmus diese seine vorgebliche Aufgabe erfüllt und dem Kleingewerbe die versprochene Hilfe gebracht hat, darüber sind sich heute bereits die christlichen Handwerker selbst zum großen Theile klar geworden. Die intelligenteren unter ihnen mußten sich die Frage vorlegen, wer denn eigentlich den Niedergang des Kleingewerbes verschulde: das sogenannte „jüdische" Großkapital oder die kleinen jüdischen Gewerbetreibenden? Die Letzteren konnten es nicht sein, denn es ist ein stehender Vorwurf des Antisemitismus gegen die Juden, daß sie das ehrliche Handwerk scheuen und ihren Erwerb nur im Schacher und Wucher suchen. Trägt aber das Großcapital die Schuld, dann wäre es lächerlich, die Juden dafür verantwortlich zu machen, dann ist der Niedergang des Kleingewerbes in der Thatsache begründet, daß der industrielle Großbetrieb überhaupt die gewerblichen Kleinbetriebe aufsaugt. Nicht durch jüdische Großcapitalisten, sondern durch die Unternehmungen der großen christlichen Jndustriebarone Oesterreichs, die wir nicht erst namentlich anführen müssen, find die schlesischen und erzgebirgischen Weber, die Tuchmacher in Bielitz und Jägerndorf, die Sensenschmiede in Oberösterreich rc. rc. zugrunde gerichtet worden. Aber so unwahr die Behauptung ist, daß die christlichen Gewerbetreibenden von den Juden ruinirt wurden, so wahr ist dagegen die Thatsache, daß unter der antisemitischen Hetze Niemand furchtbarer zu leiden hat, als der jüdische Handwerker. Der tendenziösen Lüge, daß die Juden keine Gewerbe betreiben, sind wir in diesem Blatte wiederholt durch die Beweiskraft der Ziffern entgegengetreten. Noch deutlicher aber spricht für uns der traurige Umstand, daß heute in Folge der Judenhetze in Wien viele Hunderte jüdischer Handwerkerfamilien der äußersten Noth preisgegeben sind und daß sich zum Schutze der jüdischen Handwerker im Vorjahre ein besonderer Verein. bilden mußte, der an den stets bewährten Wohlthätigkeitssinn der jüdischen Bewohner Wiens appellirte. Dieser Verein, an dessen Spitze der um alle Humanitären Institutionen der Wiener Cultusgemeinde so hochverdiente Herr Baurath Stjaßny steht und der heute bereits circa 300 Mitglieder zählt, versendet soeben seinen zweiten Jahresbericht, der folgenden bezeichnenden Passus enthält: „Die Noth der jetzigen Zeiten, durch welche namentlich das Handwerk und das Gewerbe schwer betroffen werden, möge jene Glaubensgenossen, die bisher unseren Bestrebungen ferne gestanden sind, veranlassen, dieselben nach Kräften zu u n t e r st ü tz e n." Hier haben wir einen praktischen und leider nur zu ttaurigen Beweis vor uns, daß unter den Wirkungen des Antisemitismus nicht so sehr die reichen als die armen Juden zu leiden haben, und daß insbesondere der jüdische Handwerker diese Wirkungen zu allernächst und am härtesten fühlen muß. Nicht weniger als 53 Gesuche um Unterstützungen und Darlehen sind im letzten Jahre an den Vorstand des „Vereines zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender" gerichtet worden und so jung auch der Verein, so gering noch sein Vermögen ist, mußten doch Darlehen in der Höhe von 3110 fl. bewilligt werden. Das sind Ziffern, die klar sprechen und die Lage der Wiener jüdischen Handwerker grell genug beleuchten. Wir sind überzeugt, daß der Appell, den die Vereinsleitung an das jüdische Herz richtet, nicht wirkungslos verhallen wird. Mehr aber noch, als durch Geldspenden an den Handwerkerverein, kann unseren gewerbetreibenden Glaubensgenossen dadurch geholfen werden, daß wir ihnen Arbeit zuweisen und bei allen unseren Bedürfnissen, die jüdischen Handwerker in erster Linie berücksichtigen. Das ift werkthätige Menschenliebe, und diese zu üben, ist heute die Pflicht jedes treuen Juden!

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