Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 275 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Hesterreichische Wochenschrift 4vette 275 durch edle Natur. In so mancher delicaten Lage haben wir seinen Tact ja geradezu bewundert. Dabei sein Reichthum, seine distingnirte Erscheinung —“ „O, viel mehr als distinguirt!" unterbrach ihn die Frau, „wir rechnen Wollner zu den schönen Männern." „Umso mehr des Glückes also. Ist es der Religionsunterschied? Ich glaubte Gisela über solche Borurtheile erhaben." „Nein, nicht seine Person, sondern der Knabe macht die Angelegenheit schwierig. Gisela meint, ein Kind müsse religiös erzogen werden und sie als Christin könne doch nicht seine jüdisch-religiöse Erziehung leiten." „Als ob man ein Kind nicht religiös erziehen könnte, auch ohne es mit Dogmen bekannt zu machen, die doch auch wir Erwachsenen nicht mehr beachten! Doch mit euch Frauen läßt sich in Religionssachen nicht gut philosophiren und die Angelegenheit stünde demnach wirklich fatal. Rede indeß nochmals mit Gisela. Stelle ihr dies nur richtig vor — die großen Vorzüge der Partie drängen sich ja von selbst auf. Es wäre mir herzlich leid, wenn sich Wollner heute in meinem Hause einen Korb holte." Damit erhob er sich und begab sich auf sein Comptoir. Einige Stunden später finden wir Gisela in ihrem Zimmer, welches die Schwester soeben verlassen hatte, unruhig von einem Fenster zum andern gehen, bald ein paar Accorde auf dem Pianino anschlagend, doch blos um gleich wieder aufzuqören. Jede Minute konnte Wollner kommen. Ihre Gedanken waren bei ihm. Würde seine Liebe tief genug sein, um das Opfer zu bringen? Da hört sie einen Wagen in den Hof rollen. Er ist's. Eine Ewigkeit dauerten ihr die p,ar Minuten, bis der Bediente „das gnädige Fräulein herüber bat." Beim Treten über die Schwelle des Empfangszimmers überfiog eine Röthe ihre Wangen und nach gegenseitiger Begrüßung eilte sie einem Stuhle in der Nähe ihrer Schwester zu, die eben mit ihrem Gaste über die frischgeschotterte Straße von Friedheim, wo seine Fabrik ist, nach Karlsdorf gesprochen hatte. Wollner wandte sich sogleich an Gisela: „Sie haben mir jüngst das Photogramm vom Königssee zu zeigen versprochen." Sie nahm ein auf dem Tische liegendes Album und schlug darin das bezeichnte Blatt auf. „Hatte ich nicht Recht, wenn ich ihn unheimlich nannte; aber man muß auf ihm gefahren sein, wie ich. Es stieg gerade ein Gewitter auf, mit einer Schnelligkeit, in so schauerlichen Wolken, uns der der Athem stockte. Die Schiffer mußten rudern, was in ihren Kräften stand. Das Waffer kräuselte sich und sah wie Blut aus, vielleicht von einer rothen Wolke, die am Himmel gewesen sein mag. Noch heute empfinde ich ein Grauen, wenn ich mich da wieder hineindenke. Ich liebe solche Eindrücke nicht und gewiß sind sie auch nickt nach Ihrem Geschmacke?" „Für mein Haus, meine nächste Umgebung, möchte ich mir allerdings nur Lust und Freude denken. Wie sich im Leben jedoch nicht Alles fortscherzen läßt, ja unser Herz, wenn auch vielleicht kaum bewußt, nach langer Helle wieder seine Schmerzen ersehnt, so möcht' ich solche ernste Bilder nicht unter meinen Erinnerungen missen. Der Schreck vor dem Gewaltigen kräftigt die Nerven der Seele und belebt' die tieferen Regungen, die unter den Alltagseiudrücken im Schlummer bleiben und allmälig ganz verki'immern. Für das Ertragen ist es nöthiq, daß man auch von den Leiden der Welt, nicht blos vom Lachen weiß." „Echt religiöse Anschauungen!" „Das gemeinsame aller Religionen." „Aber damit solche Anschauungen als Bodensatz bleiben, wenn auch alles dogmatische der Religion später verflüchtigt, muß man doch in der Jugend die Erziehung in einer bestimmten Religionsform genossen haben." Während die Beiden so miteinander sprachen, war die Schwester unbemerkt verschwunden Als Gisela sich nach ihr umschaute und sie nicht sah, stand sie in tiefer Befangenheit auf und rief nach der Thür des Nebenzimmers: „Dorothea!" Wollner trat rasch auf sie zu und bat, seine Hand auf die ihrige legend: „Lassen Sie Ihre Schwester! Ich habe ein Wort mit Ihnen allein zu reden. O, Sie ahnen nun schon, weshalb ich heute gekommen bin? Ich fühle es an dem Beben Ihrer Hand — und darf ich wirklich hoffen? Gisela! sprechen Sie ein Wort!" Sie trat einen Schritt zurück und sagte mit zitternder Stimme- „Ihren Wunsch muß ich ahnen, weil Dorothea davon zu mir gesprochen hat, und —" „Und —?" „Sie hielt das für nothmendig, weil ich früber schon behauptet hatte —" „Was? — Was?'* „Ich könnte einem israelitischen Kinde — niemals e:ite Mutter sein und könnte nicht die Verantwortung trugen, daß es religionslos aufwächst." Sie hatte diele Erklärung heftig herausgestoßen, und stand nun da — bleich und leblos wie eine Statue. Ueber Wollners Gesicht zuckte ein unsägliches Weh. Er faßte nach dem Tische und stützte sich auf denselben. Kein Laut unterbrach die Stille — für einen Moment lebte Nichts in dem Zimmer als die Blicke der Beiden, und die sprachen schon kaum noch von Liebe. Wollner iragte mit einer Art von Verbindlichkeit: „Was Sie Ihrer Schwester gegenüber behaupteten, gilt natürlich auch heute noch?" »Ja!" „Und was verstehen Sie unter diesem „niemals eine Mutter sein"? Sie duldeten auch nicht die Anwesenheit des Kindes im Vaterhause? Verzeihen Sie, wenn ich so ausführlich bin; das Gespräch scheint Sie zu quälen —" ..Ich fühle mich nur müde; gestatten Sie, Laß ich mich setze!" Sie nahm auf dem nächsten Stuhl Platz. „Nur müde!" sagte Wollner langsam. Dann fuhr er, starr auf das Mädchen blickend, fort: „Es ist wohl die Pflicht des älteren Mannes, keine Unklarheit bestehen zu taffen, wenn er so weit gegangen ist, wie ich. Sie haben mir noch nicht geantwortet —" Gisela sah zu ihm empor. „Ob die Anwesenheit des Kindes im Vaterhause —' „Ja!" unterbrach sie ihn hastig, „ich vermöchte nicht, es im Hause zu behalten; mein religiöses Gefühl würde fortwährend verletzt sein, ein Kind vor mir zu sehen, das, wie ein Heiveiikind ausivrichst, und ich kann nicht für mich gut stehen, daß ich nicht der Versuchung anheimfalle, dem Kinde meine Religion zu letzten, und Proselitenmacherei möcht' ich um alle Welt nicht treiben. Wie sollte ich in einem Hause froh walten können, wo mich immerfort das Gewiffen martert." „Sie haben ganz Recht," entgeguete er mil halber Verbeugung, „das heißt darin Recht, einen unbegründeleu Anspruch zurückzuwerseu, weil Sie wissen, daß mir das Kind etwas Liebstes ist und ich mich von ihm nicht trennen kann." „Ich glaube," flammte Gisela auf, „Sie können einfach sagen, überhaupt Ihr üiefa —" sie stockte und sah, glühendroth geworden, zu Boden. „Gisela!" rwf Wollner in erschütterndem Tone. „Um Gotteswillen, Fräulein Gisela! Ich darf nichts von dem vergessen, was ich eben gehört habe, und das ist Schweres, da-' läßt sich nicht beschwören, wie irgend ein Borurtheil. weil es mit uns verwachsen ist — tief, allzutief." Er strich sich über die Stirn, dann fuhr er wie in Selbstironie fort: ..Früher verlangte man körperliche Thaten zu Ehren der Geliebten; heute werden seelische gefordert — das Vaterherz herausreißen, ein Kind, ein vierjähriges, schönes Kind, in die Welt hinausstossen. Mit solchen Prüfungen sich die Geliebte zu erringen, macht die Liebe zum Verbrechen, zum Wahnsinn." Sich wieder faffend, loendete er sich zu dem ihn stolz und trotzig anblickenden Mädchen: .,Nun, der Augenblick wenigstens soll über nichts entscheiden. Vielleicht finden Sie auch — nach einem Tage der Sammlung, meine ich — daß Sie zu Schweres von mir gefordert." Sie blieb regungslos. So sagte er denn nur leise, indem er sie noch einmal schmerzlich ansah: „Leben Sie wohl!" Die Thür war bereits hinter ihm zugegangen, als Gisela mit einem krampfhaften Aufschluchzen ihren Kopf in den Händen verbarg. «►