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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-10 · 15 (10.4.1891) · p. Seite 271

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 271 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 15 Hesterreichifche Wochmschrist Lette 271 S. Hirsch.) Am 7. Februar nach Sabbathausgang fand unter dem Patronat der Madame Hirsch, Gemahlin des Gesandten der Vereinigten Staaten am türkischen Hofe, zum Besten des jüdischen Hospitals -0r Hachajim« ein Maskenball statt. Der Tanzsaal war mit Tapeten und Stickereien im orientalischen Styl prachtvoll decorirt. Die für die Mitglieder der Gesandtschaft der Vereinigten Staaten und deren Gäste eingerichtete Loge war auf der Bühne errichtet und in der kunstvollen Dekoration machten die Sterne und Streifen einen großartigen Effect. Dank der großen Beliebtheit des Herrn Hirsch und seiner Gemahlin war das diplomatische Corps vollzählig vertreten. Der österreichische, persische, russische und spanische Gesandte hatten sich persönlich eingesimden und die übrigen Gesandten hatten Vertreter geschickt. Besonders hervorzuheben ist jedoch, daß die russische Gesandtschaft sich am zahlreichsten betheiligte. Der Commodore und Stab des japanischen Geschwaders, welches zur Zeit im Hafen vor Anker lag, eine Anzahl türkischer Beamten, darunter Oberbürgermeister Redvan Bey, und die hervorragendsten im türkischen Staatsdienste stehenden jüdischen Bürger, als Jsaac Pascha, Sanitätsinspector und Armeechirurg, David Essendi, Geheimsecretär des Großveziers, DDr.de Castro und D alm ed i g o, Wundärzte am Militär-Hospital, Letzterer auch Wundarzt am jüdischen Hospital, waren ebenfalls anwesend. Auch Lady White, Gemahlin des britischen Gesandten nebst Tochter hatten sich eingefunden und während der Festlichkeit den größten Theil der Zeit in der Loge der Madame Hirsch zugebracht. Gegen 12 Uhr trat für die Tänzer eine Pause ein und aus einer Draperie von rothen, weißen und blauen Fahnen, welche in goldenen Lettern die Inschrift trugen: „Der Erste im Kriege, der Erste im Frieden, der Erste in den Herzen seiner Landsleute" und „Gott ließ ihn kinderlos bleiben, damit eine Nation ihn Vater nennen könne" erschien eine Maske „GeorgeWashington" darstellend, welcher eine dienende Negerschaar folgte. Er näherte sich in seinem Triumphwagen bis auf eine kurze Entfernung der Loge der Patronesse, woselbst er dann ausstieg und jeder Dame in der Loge ein goßes prachtvolles Blumenöouquet überreichte. Nachdem dieser Theil des Programms erledigt war, wurde der Ball wieder ausgenommen und bis zu Tagesanbruch fortgesetzt. Das financielle Ergebniß des Balles war ein glänzendes, da eine Einnahme von 3000 Dollars erzielt wurde. Das von fünf jungen Männern mit einem Beitrage von je 500 M. gegründete Hospital ist erst in jüngster Zeit eröffnet worden. Es umfaßt augenblicklich zwei ganz bescheidene Gebäude mit 23 Betten. Die Räume des zweiten Stockwerks sind für die Männer und die des dritten für die Frauen bestimmt. Während in dem Hospital nur jüdische Kranke Aufnahme finden können, erhalten Juden, Mohamedaner und Christen ohne Unterschied freie Behandlung von den Anstaltsärzten und freie Arznei aus der mit der Anstalt verbundenen Hausapotheke. Mit dem auf dem Balle erzielten und dem bereits in der Casse befindlichen Geldbeträge hoffen die Direktoren die nothwendigsten baulichen und sonstigen Verbesserungen zur Ausführung bringen zu können. Eine Erweiterung der Anstalt in dem Maße, wie sie ihres wohlthätigen Zweckes wegen zu wünschen wäre, muß aus Mangel an ausreichenden Fonds vorläufig noch hinausgeschoben werden. Vermischtes. Wien, 9. April 1891. (Nicht rasten nicht rosten!) Die vorgestrigen Gemeinderathswahlen im zweiten Wahlkörper haben mit einem überraschenden Siege der Fortschrittspartei geendet. Von der ersten Stadt des Reiches ist hiedurch die Gefahr abgewehrt, daß die Mehrheit ihrer -Vertretung eine antisemitische und ihr freigewähltes Oberhaupt ein Verkünder des Racenhasses sein könnte. Statt der erträumten Majorität haben die Antisemiten im neuen Gemeinderathe von Groß-Wien kaum ein Drittel sämmtlichrr Mandate erlangt. Die Bedeutung des vorgestrigen Tages liegt jedoch in erster Linie nicht darin, daß er den Herrschaftsgelüsten des Lueger und Genossen in der Wiener Rathsstube ein Ende machte; sie liegt darin, daß zum ersten Male seit Jahren nicht eine Zunahme, sondern eine rapide Abnahme der antisemitischen Stimmen zu verzeichnen ist, daß vier Bezirke den Händen der Judenhetzer entrissen und eine Anzahl ihrer namhaftesten Persönlichkeiten aus dem Gemeinderathe und aus den Bezirksausschüssen hinausgedrüngt wurden. Der zweite Wahlkörper wird mit Recht der Wahlkörper der Intelligenz genannt. Er vereint \t in sich sämmtliche Lehrer und Professoren, die Beamten des Staates und der großen Handels- und Industrie-Unternehmungen, die Aerzte und Advocaten und die kleinen Hausbesitzer. Wer weiß es nicht, daß in diesen Kreisen jener „salonfähige" Antisemitismus gehegt und gepflegt wird und der sich nicht zu brutalen Gewaltthätigkeiten, zu schamlosen .Ausschreitungen gegen die Juden fortreißeu läßt, der aber umso gefährlicher und intensiver ist, als er sich in der stillschweigenden, conventionellen Ausschließung der Juden aus der christlichen Gesellschaft äußert und eine Art moralischen Ghettos schafft; umso gefährlicher sagen wir, als sich dieser Antisemitismus mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen drapirt und in Schlagworten seine Begründung sucht, welche aus der modernen socialpolitischen und nationalökonomischen Phraseologie hergeholt sind. Zu allen Zeiten noch hat die Intelligenz, die Ganz¬ oder Halbbildung ihre Macht über die rohen und ungebildeten Massen behauptet. Wenn nun innerhalb der intelligenteren Bevölkerungskreise selbst ein Umschwung zum Besseren sich bemerkbar macht, wenn hier die Empfindung allgemach lebendig wird, welche grenzenlose Schmach die antisemitische Bewegung über Wien gebracht und wie wenig sie geholfen hat, dann ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die Vernunft schließlich auch in den bethörten und bis zum Wahnwitz aufgereizten Massen zurückkehren werde, und daß der Antisemitismus endlich die Höhe seiner Erfolge überschritten hat. Noch wäre es allerdings eine verhängnißvolle Selbsttäuschung, wollte man an den vorgestrigen Wahlsieg allzu optimistische Hoffnungen knüpfen und die Hünde bereits müssig in den Schoß legen. Auch i m e r st e n W a h lkörper droht noch an einzelnen Punkten Gefahr, und die fortschrittlichen Wähler werden in allen Bezirken voll und ganz ihre Pflicht thun müssen, um dieselbe abzuwenden und sich vor unangenehmen Ueberrafchungen zu bewahren Die geschlagenen Führer, wie Vetter. Ge ßm a n n, K u p k a, Häufler rc. werden gewiß den Versuch machen, den ersten Wahlkörper zu überrumpeln und ihre verlorenen Mandate auf diesem Wege zurückzugewinnen. So geringe Chancen auch ein solcher Anschlag hätte, so erscheint doch Wachsamkeit dringend geboten, und die jüdischen Wähler des ersten Wahlkörpers werden bei der übermorgen stattfindenden Wahl vollzählig auf ihrem Posten stehen müssen. Der errungene Sieg hat nur dann einen Werth, wenn er rücksichtslos und energisch ausgenützt wird, und als erste Etappe auf der Bahn weiterer Erfolge gelten kann. Nicht rasten und nicht rosten, daß muß die Parole für alle folgenden Kämpfe sein. Wien, 8. April. Der um die Sache des Judenthums hochverdiente Secretär der Wiener Israelitischen Allianz, Herr Dr. Fried Länder, ist von dieser Stelle zurückgetreten, um als Secretär der Baron-Hirsch - Stiftung die Geschäftsleitung dieser humanitären Institution zu übernehmen.

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