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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-10 · 15 (10.4.1891) · p. Seite 265

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 265 (sequence 7)
Language
German
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S i.e 265 Hesterreichifche Wochenschrift Nr 15 Dinge betrachten, wird uns die Hingebung und Liebe des Gaons für das Studium verständlich. Es unterliegt keinem Zweifel, daß unter den russischen Juden eine starke Tendenz vorhanden war, die geistigen Fähigkeiten des Gaons zu übertreiben, aber man kann eine solche Tendenz leicht entschuldigen. Er war von der Natur mit einem so wunderbaren Gedächtnisse begabt, daß er, wenn er ein Buch einmal gelesen hatte, es lebenslänglich auswendig zu recitiren vermochte. Nicht weniger bewunderungswürdig war seine sichere, momentane Auffassung. Die complicirtesten Controversen im Talmud, in denen sich zurechtzufinden andere Gelehrte ganze Tage und Wochen gebraucht haben würden, konnte der Gaon mit einem Blick auf die Seiten lösen. Schon als Kind soll er in einer einzigen Nacht die Tractate Zebachim und Menachot, die nicht weniger als zweihundert und dreißig Seiten enthalten, und deren Inhalt oft so schwer ist, daß ein älterer Gelehrter an deren Verständniß verzweifeln möchte, vollständig durchgenommen haben. Er besaß allerdings soviel Mutterwitz, daß all die geistigen Kniffe der populistischen Schulen für ihn nicht vorhanden waren. Und doch wollen die Biographen wissen, daß ec so außerordentlich von seinen Studien eingenommen war. daß er nicht mehr als anderthalb Stunden von den vierundzwanzig Stunden des Tages für den Schlaf erübrigen konnte. Das ist — sagen wir also fünf Stunden — unfraglich eine Uebertreibung. Er hatte nicht Zeit, seine Mahlzeiten regelmäßig zu nehmen. Auch war er der Ueberlieferung nach gewohnt, jedes Capitel in der Bibel, jede Stelle im Talmud hundert Mal zu wiederholen, auch wenn durchaus keine Schwierigkeiten darin vorkamen. Aber es war nun einmal, wie schon erwähnt, dies ein Gegenstand der Liebe für den Gaon, der Liebe und nicht einer vorübergehenden Neigung. Nichts auf der Welt konnte er mehr verachten als Amateure, die in alter Literatur stümpern. Ein Ding klar zu verstehen, machte ihn glücklich. Er soll mehr als sechs Monate über einer einzigen Mischna im Tractate Kilayim zugebracht haben und sich als den glücklichsten Menschen gefühlt haben, als ihm endlich ihr wirkliches Verständniß glückte. In die Tiefe einer Materie nicht eindringen. den Kern, der in einer einzelnen Stelle lag, nicht treffen zu können, konnte ihm den bittersten Kummer bereiten. Eine Geschichte, von feinem Schüler R. Chajim mitgetheilt, möge diese Thatsache beleuchten. Eines Freitags, erzählt R. Chajim. kam der Diener des Gaons zu ihm mit der Botschaft, daß sein Meister ihn io bald als möglich zu sehen wünsche. R. Chajim ging sofort. Als er in's Haus kam, fand er den Gaon mit verbundenem Haupte und sehr krankem Aussehen im Bette liegen. Auch berichtete ihm die Gattin des Gaons, daß es schon mehr als drei Tage sei, daß ihr Gemahl keine Nahrung genommen habe, und daß kaum diese ganze Zeit der Schlaf über ihn gekommen sei. Und all der Jammer, bloß weil er einen schwierigen Punkt im Talmud von Jerusalem nicht verstehen konnte. Der Gaon bat nun den Schüler, er möge das mit ihm durchnehmen, und der Himmel möge sich ihrer erbarmen und ihnen die Augen öffnen, wie geschrieben steht: „Zwei sind besser, als Einer". Und siehe da! Der Himmel hatte Erbarmen: der wahre Sinn der Stelle wurde ihnen klar. Sofort war der Gaon wieder hergestellt, und Lehrer und SchÄer hatten einen fröhlichen Sabbath. Er soll auch bei einer Gelegenheit gesagt haben, er wünsche sich keinen Engel zum Lehrer, der ihm alle Dunkelheiten der Thora aufdecken würde; ein solcher Zustand sei nur der zukünftigen Welt geziemend, im Diesseits aber habe nur Werth, was in harter Arbeit und mühevollem Ringen erforscht werde, ein Gedanke, den der deutsche Vertreter der Wahrheit nur mit anderen. Worten, die hier zu wiederholen am Platze ist, ausdrückte: „Würde der Allmächtige." sagt Lessing, „in seiner Rechten die Wahrheit, in seiner Linken das Streben nach Wahrheit haltend mich für werth finden, mir das darzureichen, was ich vorziehen möchte, in aller Demuth und ohne Zögern würde ich das Streben nach Wahrheit als mein Theil erwählen." Dieses Aufgehen seines ganzen Wesens im Studium der Thora mag wohl die Thatsache erklären, warum von seinen Biographen so wenig über die Familie des Gaons gesprochen wird. Von seiner Gattin wissen wir blos, daß sie im Jahre 1783 gestorben ist. Nicht viel mehr wissen wir über seine Kinder. Von ihnen sprechen die Biographen als von einer Familie, die der Herr gesegnet (.ls8. 6i, 9), anspielend auf die beiden Söhne des Gaons Rabbi Arjeh Leb und Rabbi Abraham, die als große Gelehrte und fromme Männer bekannt waren. Letzterer ist durch seine Sammlung kleinerer Midraschim aus das beste bekannt. Auch werden des Gaons Schwiegersöhne, insbesondere ein Rabbi Moses aus Pinsk erwähnt, aber das ist auch schon alles, und es wird uns nichts weiter über ihr Leben und ihren Beruf mitgetheilt. Hier unter uns sind an diesem Abende zwei directe Abkömmlinge des Gaons, der jüngere Vertreter derselben, Mrs. Gollancz. die Frau des Rev. Hermann Gollancz, der ältere ihr Vater, Herr Wilna, ansässig in Manchester, anwesend, dessen Güte wir für die leihweise Ueberlassung eines schätzbaren Bildes seines ruhmvollen Ahnen zu Dank verpflichtet sind. Aus seinem berühmten Briefe (Allim literufa), den er auf seiner Pilgerfahrt nach Palästina all seine Familie absendete, ersehen wir, daß der Gaon ein Mann war, der zu den sogenannten strengen Vätern gehörte. Seinem Weibe befiehlt er, die Kinder strenge zu strafen, wenn sie schwören, schelten oder lügen: auch gibt er ihr den Rath, so zurückgezogen wie möglich zu leben; denn Einsamkeit betrachtet er als eine eonüitiv sine qua non für einen echt religiös sittlichen Lebenswandel. Seiner Tochter empfiehlt er zu Hause zu beten, denn im Tempel könnte sie wegen der schöneren Kleidung ihrer Freundinnen -neidisch werden, und das sei eine schreckliche Sünde. Der einzig warme Zug in seinem Briefe ist vielleicht der, wo er sein Weib bittet, gegen die Mutter, weil sie eine Wittwe sei, die im Leisesten zu kränken ein Verbrechen wäre, gut zu sein. Aus anderen Stellen entnehmen wir. daß seine Familie wegen der übermäßigen Beschäftigung ihres Vaters mit dem Studium der Thora und anderer religiöser Werke zuweilen auch Hunger und Kälte zu leiden hatte. Kurz, der Gaon war ein einseitiger, strenger Asketiker, der niemals den Titel eines guten Vaters, eines guten Gatten, eines liebenswürdigen Menschen und wie sonst die gewöhnlichen „Haustitel", die nach einer Bemerkung Lord Macaulays, die gute Hälfte der Grabsteine für die darunter Liegenden in Anspruch nehmen, verdient haben mochte. Diese Tugenden aber, fürchte ich, hat so mancher bedeutende Mensch, der in die Geschichte seinen Namen eingeschrieben, nicht besessen, und ich will dies auch nicht mit der Frage beschönigen, ob das Judenthum eine Religion der Askese ist oder nicht; darüber ein anderes Mal. Aber auch, wenn man das Judenthum als Vorschrift des besten Lebensgenusses beurtbeilt, wird man nicht in Abrede stellen, daß die jüdische Literatur zur Rechtfertigung des Verhaltens unserer größten Männer, die ein lange fortgesetztes Leben der Selbstverleugnung und Entbehrungen führten, der afletischen Elemente eine ordentliche Fülle besitzt. Die Thora, sagt der Talmud, und wir fügen hinzu, eine jede große Religionsidee, kamt nur mit dem Preisgeben der Lebensgenüsse erlangt werden, und dies war eben das Princip, von dem das Leben des Gaons bestimmt war. Wenn er nun gegen s i ch so hart war. wie hätte er gegen die anderen schonender sein können? Man konnte ja nichts anderes von ihm erwarten. Die Schrift verlangt ja auch nur: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst," und der Mann, der niemals sich selber liebte, niemals an sich selber dachte, niemals für sich selber lebte, nur da war, um seine Pflicht und

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