Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 264 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 264 Hefterretchifi-e Wochenschrift Nr 15 nannter Consul der Vereinigten Staaten zn Jerusalem, hielt vor Kurzem in dem Bostoner Verein der Chowawe Zion einen Vortrag und sprach sich enthusiastisch über die Colonisationsbewegung aus. Unter dem Namen „Schowe-Zion" bat sich vor einigen Wochen in New-Iork ein Verein gebildet, in welchem in bestimmten Jahresraten ein fester Beitrag gezahlt wird, bis die Gesammtsumme zu der Höhe angcwachsen ist, daß eine Ansiedlung geschaffen werden kann, an welcher dann alle Beitragsleistenden als Miteigentümer participiren. Innerhalb kaum vier Wochen haben sich bereits über 150 Mitglieder mit der Einzahlung von 600 Dollars angeschloffen, also lauter gutsituirte Männer. Wenn diese Schowe Zion-Vereine sich vermehren, die, den Uebergang aus der noch platonischen Anhänglichkeit an das heilige Land der Chowawe Zion zur Praxis bilden, kann die Colonisation Palästinas als ansgemachte Sache gelten, sogar auch ohne Hilfe der Aristokratie. Es bleibt nur eines zu wünschen, daß ein Theil der christlichen Staaten der jüdischen Colonisation Palästinas keine Hindernisse in den Weg lege. _ Rabbi Gliah Mrlna Gaon. Von S. S ch e ch t e r. (Vortrag gehalten in der literarischen Gesellschaft des Jews College am 9. Februar 1890). Uebersetzt von Ignaz Kaufmann (Kojetein). (Fortsetzung.) In der That finden wir in vielen ascetischen Büchern das Reisen, oder wie dort der Terminus heißt n Pup als einen sehr wirkungsvollen Ersatz für Sündenbuße empfohlen. Wenigstens scheint es, daß die vielen Köche, die der Gaon auf seinen Reisen verwendete, von diesem Gesichtspunkte dies ansehen. Einer von ihnen ging so weit in der Vermehrung der Leiden des Gaon, daß er sammt seinem Wagen Reißaus machte in dem Momente, wo der Rabbi ausstieg, um seine Gebete zu verrichten. Nun darf man bei den achtzehn Benedictionen nicht das Beten unterbrechen, außer in dem Falle, wo Gefahr im Verzüge ist, und der Gaon sah es für keine Gefahr an, ohne Geld und Habe zurückgelaffen zu werden. Diese Reisen waren im Jahre 1745 beendet. Der Gaon aber verließ nachher Wilna noch einmal, mit dem Vorsatze, nach dem heiligen Lande zu gehen und dort sich anzusiedeln. Aber er fand so viele Hindernisse auf seinem Wege, daß er bald genöthigt war, seinen Lieblingsplan aufzugeben und nach seiner Heimathstadt zurückzukehren. Es ist nicht bekannt, ob er W'lna noch einmal verließ. Die Stellung, die der Gaon in Wilna einnahm, war, wie schon erwähnt, die eines Privatmannes. Er konnte niemals überredet werden, den Posten eines Rabbiners oder ein anderes Amt in einer jüdischen Gemeinde anzunehmen. Den Grund seiner Abneigung gegen alle ihm in dieser Richtung gestellten Anträge kann ich freilich nicht an geben, aber es darf die Vermuthung erlaubt sein, daß jener erbitterte Streit zwischen Rabbi und Parnassim seiner Vaterstadt, der mit der Abschaffung des Rabbineramtes endete, in die Zeit des Gaons fiel. Die Geschichte dieses Kampfes ist um so aufregender, als er aus den denkbar kleinlichsten Anlässen entstanden ist. Es wurde nämlich dazumal die Entdeckung gemacht, daß im Hause des Rabbiners nach Mitternacht kein Licht mehr brenne und daraus der Schluß gezogen, daß länger als bis 12 Uhr der Rabbi nicht „lerne"; dieser Müßiggänger! Und diese Trägheit war ihm in den Augen der Gemeinde um so weniger zu verzeihen, als des Rabbis Weib so unglücklich war, gegen einige der Herren Parnaßim nicht höflich genug gewesen zu sein. Unter solchen Umständen darf cs uns nicht Wunder nehmen, daß der Gaon es nicht sehr begehrenswerth fand, in amtlicher Eigenschaft mit Gemeindeaffairen sich abzugeben. Vielmehr war das Verhältniß des Gaons zu seinem Zeitgenossen ein derartiges wie etwa in alten Zeiten die Stellung eines Tanna oder Amora war. der weder den Titel eines Nassi oder den eines Ab Beth Din führte. Wie R. Akiba oder Mar Samuel gewann der Gaon nur durch seine Lehren und sein musterhaftes Leben Einfluß auf seine Zeitgenossen. Es muß zum Ruhme der Juden von Wilna gesagt werden, daß ungeachtet ihres kleinlichen Verhaltens gegen ihr kirchliches Oberhaupt sie der Autorität des amtlicher Gewalt entbehrenden Gaons sich willig unterwarfen. Sie verehrten ihn wie einen Heiligen. Mit dem Gaon zu sprechen, wurde als ein glückliches Ereigniß im Leben eines Wilnaer Juden betrachtet, ihm irgendwie nützlich zu sein, als die höchste irdische Auszeichnung angesehen. Was aber bemerkenswerth ist, das ist die Bereitwilligkeit, mit der selbst die Gelehrten die Autorität des Gaons anerkannten. Gelehrte sind in der Regel müßiger im Anerkennen des Großen als schlichte Erdenkinder. Jedes neue Licht übersteahlt nicht blos ihren schwächeren Glanz und verletzt dadurch ihre Eitelkeit, sondern droht auch zuweilen gewisse Traditienen, die sie vornehmlich beobachtet zu sehen wünschen, auszulöschen. Aber der literarische Genius des Gaon war zu groß, um mit Erfolg bekämpft zu werden, und seine Frömmigkeit und Hingebung für die Religion so sehr über jeden Argwohn erhaben, daß er nicht nur in literarischen, sondern auch in Glaubens- und politischen Fragen gar bald von seinen Zeitgenossen als ihr Führer und Meister anerkannt wurde. Es würde uns zu weit führen, hier alle Schüler des Gaons namhaft zu machen, denn alle größeren Gelehrten seiner Heimat bekannten sich mehr oder weniger als seine Jünger. Der Gaon pflegte in dem Beth Hamidrasch, das er hier begründete, öffentliche Vorträge über verschiedene Materien zu halten, an denen seine Schüler theilnehmen zu dürfen stolz waren. Ich werde hier nur seinen größten Schüler, Rabbi Chajim Walosin, erwähnen, der nach dem Gaon mehr als irgend ein anderer Gelehrter seiner Zeit auf seine Landsleute Einfluß übte. Dieser Rabbi Chajim nahm ebenfalls keine amtliche Stellung unter seinen Brüdern ein. Er war ein Kleiderfabrikant von Beruf und war sehr glücklich in seinem Geschäfte. Das war für ihn kein Hinderniß, sich der hebräischen Literatur zu widmen, in der er weit und breit den Ruf eines mächtigen Gelehrten hatte. Aber sobald ihm der Ruf des Gaons bekannt wurde, legte er die Kleiderfabrikation und seine Gelehrsamkeit bei Seite und ging nach Wilna um die Thora ans dem Munde des großen Meisters zu lernen. Daß er als Gelehrter zu gelten ablehnte, darf hier als Zeichen seiner seltenen Aufopferungsfähigkeit nicht unerwähnt bleiben. All unser Wissen, sagte ein Gelehrter von Wilna, verschwand, sobald wir die Schwelle zur Wohnung des Gaons übertreten hatten. Er ließ einen jeden Schüler, der in seine nähere Umgebung trat, von Anfang an beginnen. Er lehrte sie hebräische Grammatik, Bibel, Mischnah und viele andere Dinge, die, wie schon erwähnt, von den Talmudisten der Zeit sehr häufig vernachlässigt wurden. Auch R. Chajim mußte Alles dies durchmachen; aber während Manchen diese Behandlung als eine Herabsetzung erscheinen mochte, wurde R. Chajim seinem Meister dafür um so anhänglicher. In dieser Weise ging das Leben des Gaon dahin, dem Studium geweiht oder dem Unterricht seiner Schüler gewidmet. Man muß wissen, das Lernen der Thora bedeutete für den Gaon mehr als bloße Hirnarbeit zum Zwecke der Aneignung von Wissen. Ihm war es eine Art Gottesdienst. Zeitgenossen, die ihn beobachteten, wenn er die Thora studirte, bemerkten, daß die auf die Persönlichkeit des Gaon dadurch geübte Wirkung dieselbe war, als wenn er betete. Mit jedenl Worte erstrahlte sein Gesicht vor Freude, mit jeder Zeile gewann er Kraft zum Vorwärtsschreiten. Nur wenn wir von diesem Standpunkt die