Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 263 (sequence 5)
- Language
- German
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«ri 15 Gesterreichifche Wochenschrift Sette 263 Bank ergießt, wird dem Geschäftsverkehr entzogen und beweist, daß der Unternehmungsgeist vollständig lahmgeleg' ist Die gleiche Beobachtung kann beim Wechselverkehr gemacht werden. Die Reichsbank hatte 1891 ein um 37 Millionen Rubel kleineres Wechselportefeuille als im Jahre 1890. Noch schlagender aber wird der verderbliche Rückschlag der Judenverfolgungen auf den russischen Handel durch die rapide Verminderung des Umsatzes auf dem großen Weltmärkte in Nishny-Nowgorod erwiesen. Gegen das Vorjahr hat der Umsatz um mehr als 6 Millionen Rubel abgenommen und die Vorschüsse auf Maaren sind um 3 Millionen Rubel geringer geworden. Auch über die Geschäftslosigkeit auf anderen großen Messen, so in Kiew, in Charkow, wird Klage geführt. Von den in Charkow zugeführten Maaren im Werthe von 22 Millionen Rubel wurden nur für IO Millionen verkauft. *Der Rückgang der Börsengeschäfte äußert sich in der bezeichnenden Thatsache, daß die Belehnung von Werthpapüren bei der Reichsbank von 1890 auf '891 um 36i/2 Millionen Rubel sich vermindert hat. Die russische Handelsbilanz wird demnach klar wie ein Buch des Schicksals das Strafgericht verzeichnen, welches die Vorsehung an den Juden Unterdrückern vollzieht. Nicht die Schlauheit und der angeborene Geschäftssinn der russischen Juden, sondern die Trägheit und Schwelgerei des Adels und die Dummheit der Bauern haben es bewirkt, daß in dem Zarenreiche Handel und Industrie ohne die Juden undenkbar sind. Und wenn der heute praktizirte Geist der Bedrückung und Verfolgung fortdauert, dann darf man jetzt schon Voraussagen, daß Rußland in kurzer Zeit einer handelspolitischen Katastrophe verfallen wird. Die Colomsation Palästinas. ii. Wie in einem leidenden, aber von Natur gut organisirten lebenskräftigen Körper der Leidensstoff umgewandelt wird als Reiz zur Kraftentwicklung, sogar zur Beförderung des Wachsthums und künftiger ununterbrochener Gesundheit dient, so dient uns auch der Antisemitismus unfreiwillig zum Heile. Die Idee der Colomsation Palästinas, erzeugt durch die Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien, sindet von Tag zu Tag weitere Verbreitung und zielbewußtere Förderung, so daß nicht mehr daran zu zweifeln ist, daß nach einer kurzen Reihe von Jahren das Land unserer Väter wieder durch jüdische Hände zu einem Lande „wo Milch und Honig fließt" umgewandelt sein und es nach achtzehnhunderljähriger Ruhelosigkeit bald wieder Juden geben wird, die unter ihrem Weinstocke und ihrem Feigenbäume ein glückliches Dasein führen. Ein gutes Zeichen für die Verwirklichung dieser Idee liegt darin, daß sie eben von den untersten Schichten der Judenheit. den Mühseligen und Beladenen, ausgegangen. Denn die Gründer der Chowawe - Zion - Vereine in Rußland sind die Unglücklichen selbst, die sich darauf gefaßt machen, zur Auswanderung gezwungen zu werden; ebenso bilden den Grundstock der Mitglieder der Chowawe-Zion in London, die unter dem Trucksystem seufzenden Juden des Eastend; und die Anhänger und Verbreiter der Idee in Amerika recrutiren sich zumeist aus den ärmeren Kreisen. Die Idee ist jedoch so zündend für jeden Juden, in dem ein Funke jener alten Liebe zu Zion und Jerusalem glimmt, daß auch die Reichen und Großen Israels sich allmälig mit ihr befreunden, und, abgesehen von dem idealen Moment, ist sie auch so durchführbar, daß selbst solche Kreise, welche gewohnt sind, nur mit ausführlich und klar bearbeiteten Plänen zu rechnen und bei denen blos das Praktische einen Werth hat, sich für sie zu erwärmen beginnen. So ist es der Chowawe Zion Society in London gelungen, bis in die Herzen der Westendbewohner vorzudringen und Männer zu ihren Mitgliedern zu gewinnen, welche durch ihren Einfluß immer weitere Kreise der vornehmen jüdischen Welt Englands an sich zogen, und das überraschendste Resultat davon ist. daß jüngst Sir Julian Goldsmid, Baronet. Mitglied des englischen Parlaments und Präsident der Anglo Jewish Association, also desjenigen Vereines, der wie die Alliance Israelite Universelle, die Juden der ganzen Welt vor Augen hat. bei einem in der Atheneuin Hall abgehaltenen Meeting der Chowawe Zion prüsidirte und sein vollstes Einverständniß mit den Bestrebungen dieses Vereines öffentlich kundgab. Seiner Rede entnehmen wir nach der „Jüd. Pr." folgende markante Stelle: „Ich hege die wärmsten Sympathien für die Colonisation Palästinas. welche so hohe Achtung für die alten Traditionen des Judenthums bethätigt. Die Chowawe Zion Society hat ein großes und edles Werk unternommen. Die Mitglieder wollen die Kosten aufbringen, um auf eigene Rechnung eine Colonie in Judäa zu gründen. Ich bin im heiligen Lande gewesen und habe gesehen, wie durch jahrhundertelange Vernachlässigung des Bodens die Bearbeitung desselben undankbar erscheint. Aber so wenig das heutige Palästina an das „Land, wo Milch und Honig' fließt" erinnert, so darf doch aus dem Erfolg der jüdischen Ackerbaucolonie in Jaffa, der benachbarten deutschen Colonie. lowie der Niederlaffungen an anderen Orten geschloffen werden, daß die alte Fruchtbarkeit des Bodens noch existirt. Allerdings fehlen denjenigen, welche als Pionniere dorthin auswandern, zunächst zwei der Hauptdinge, welche z. B. in Amerika und Canada in Ueberfluß vorhanden sind: Bauholz und Wasser' sind in manchen Gegenden des Landes gegenwärtig nicht vorhanden, und vorausgesetzt auch, daß diese Schwierigkeiten überwunden und energische Männer zur Bearbeitung und Fruchtbarmachung des Bodens ausgesandt werden, so müffen dieselben längere Zeit ausharren, bevor sie Lohnendes erzielen. Ich mache diese Bemerkungen durchaus nicht, um Sie zu entmuthigen, sondern nur um die Situation klarzulegen. Junge, kräftige Männer, welche bereit find, allen Unannehmlichkeiten und Entbehrungen die Spitze zu bieten, müßten zuerst dorthin gesandt werden. Die Geldfrage nimmt erst eine zweite Stellung ein. da zunächst nur kräftige Arme und starke Herzen gebraucht werden. Dieselben genießen bei der Ansiedelung in Palästina den Bortheil, daß sie unter dem Schutze einer humanen Regierung leben, da die Türkei die Juden auf gleichen Fuß mit den Muhamedanern stellt. Die Ansiedler werden den harten Kampf um's Dasein leichter ertragen, wenn sie das Bewußtsein haben, mit den Bekennern anderer Religionen gleichgestellt zu sein. Gerade aus letzterem Grunde, weil in anderen Ländern diese Gleichberechtigung nicht durchgeführt ist. richten sich die sehnsüchtigen Blicke Vieler auf Judäa. Ich werde es mit Freuden begrüßen, Palästina mit fleißigen, intelligenten und energischen Juden bevölkert zu sehen. Man gewähre ihnen nur Gleichheit, und sie werden ihre Fähigkeiten nicht nur dem Handel zuwenden, sondern die Interessen des Landes in jeder Beziehung auf's wärmste zu verfechten suchen. Während des Mittelalters waren die größten Staatsmänner, Gelehrten, Aerzte rc. Juden. In England existirt kaum ein Gelehrtenberuf. in welchem nicht Juden eine Zierde des Standes bilden. Ich freue mich, daß die Chowawe Zion den Fähigkeiten der jungen Leute eine edle Richtung geben, wodurch sie sich ihrer großen Abstammung würdig zeigen können. Schon aus diesem Grunde darf einem solchen Unternehmen von Niemandem die thätige Unterstützung versagt werden. Geleitet von weisen und älteren Rathgebern, wird die Bereinigung große Erfolge erzielen und die auf jedem Juden lastende Pflicht: „heilig zu sein, weil er Jude ist.", zum allgemeinen Bewußtsein bringen." Nach Sir William G o l d s m i d sprachen noch mehrere hervorragende Männer zu Gunsten der Bestrebungen des Vereines. Unter diesen auch Lieutenant-Colonel Goldsmid, der seine Rede damit schloß, daß er Chowawe Zion Society für die bedeutsamste und verheißungsvollste jüdische Schöpfung der neuen Zeit betrachte. Desgleichen ist die eifrige Propaganda der Chowawe Zion in Amerika in Kreise gedrungen, die gerade kein persönliches Interesse an der Colonisation Palästinas haben. Orientreisender Dr. Sellah Merill von der Harvarä University, ehemaliger und neuerdings wieder er-