Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 262 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ott.e 262 Hesterreichifche Wochenschrift vir. 15 Der Mann, der durch die Ungerechtigkeiten des Despotismus und seiner Stützen den schönsten Theil seines Lebens durch Steckbriefe, Decrete und imfamirende Sentenzen gebrandmarkt war, durch Lettres de Cachet im Zuchthaus steckte und unter den Händen einer rohen Justiz seufzte, mußte natürlicherweise Mitgefühl für alle Unterdrückten haben und besonders von dem Schicksal des jüdischen Volkes ergriffen sein, das seit langen Jahrhunderten schutzlos allen Verfolgungen ausgesetzt war; der Mann mit seinem häßlichen widerwärtigen Aeußern, im Bewußtsein seines hohen Geistes und seiner Ueberlegenheit über all' seine Peiniger, mußte ahnen, daß in dem, wegen seines gekrümmten Rückens und zaghaften Auftretens so verachteten Judenthum eine Fülle von Geistesgaben stecke, die im Ghetto verkümmern oder nur einseitig sich entwickeln; der MMN endlich, den die tyrannischen Gesetze und deren noch tyrMnischere Vollstrecker zur Empörung brachten, daß er ein schlechter Bürger, ein schlechter Sohn, ein schlechter Ehemann wurde, mußte von Bewunderung erfüllt werden vor dem Volke, welches bei allem gegen dasselbe geübten Mißbrauch der gesellschaftlichen Macht unter Entziehung aller Mittel zum Leben bis auf den Schacher, als ehrlos und vaterlandslos betrachtet und vom Spott und Hohn jedes Straßenpöbels gehetzt — dennoch so sittenrein, so fleckenlos in seinem Familienleben, so philosophisch in seiner Mäßigkeit und so edel in seinen Gefühlen für fremdes Elend blieb. Was Wunder also, das dieser Mann mtt all' seiner Macht in Wort und Schrift für die Juden eintrat. 1785 mit dem Gesandtschaftsposten in Berlin betraut, fand Mirabeau Gelegenheit, das epochale Werk Dohm's „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden" und Mendelssohn's Leben und Werke kennen zu lernen und gab für seine Landsleute ein Buch über diesen jüdischen Philosophen und die bürgerliche Stellung der Juden heraus, in welchem schon die alle Gegner niederschmetternde gewaltige Sprache des „Riesen der Revolution" klingt und das Feuer der Rede lodert, mit welchem er später in der VertheidigMg der Menschenrechte die alte Gesellschafts- Verfassung umstürzte. „Wollt Ihr", ruft er in dieser Schrift aus, „daß die Juden bessere Menschen und nützlichere Bürger werden? Verbannet aus der Gesellschaft jeden sie erniedrigenden Unterschied; eröffnet ihnen alle Mittel des Unterhalts und des Erwer bs." „Hat man doch nicht aufgehört", sagt er an einer anderen Stelle, „den Juden ihr Unglück als ein Verbrechen anzurechnen" — „Wir werden einmal", fährt er fort, „dik Vorwürfe, welche man der jüdischen Natton macht, für erwiesen annehmen. Der Stand der Unterdrückung, in welchem diese Nation lebt, erklärt sie alle, ja ergibt sogar Gründe zu weit größerer Berderbniß. Alle anständigen Erhaltungsmittel sind dem Juden versagt, wie sollte er nicht zur Unredlichkeit und zum Bettuge schreiten? Die Gesetze erlauben ihm kaum das Dasein, wie sollte er sie für sich verpflichtend halten? Wer kann mit Recht Tugenden von ihm fordern, wenn man ihn deren nicht für fähig hält? Warum wirft man ihm die Fehler vor, zu deren Begehung man ihn zwingt?" — „Verschließt Euch nicht länger", apostrophrt er die Regierungen, „den Forderungen der Billigkeit, gebet dem Juden seine Menschenrechte wieder. . . Die Erwartung des Messias wird ihn sicherlich nicht daran hindern, ein guter Bürger zu werden, und seine Pflichten als solcher getteulich zu erfüllen, ebensowenig als die Lehren Justinus Martyrs, Tertullians u. A. von der Wiederkehr des Heilands die ersten Christen daran gehindert haben. Die vielgeschmähten Vorschriften der Talmudisten werden wohl, wenn sich erst die Juden völliger Gleichberechtigung erfreuen, nicht gefährlicher sein, als die der Kirchenväter." Von dieser Mirabeau'schen Apologie der Juden, sagt ein Franzose: „Die scharfsinnigste Vernunft, die menschenfteundlichste Philosophie wetteifern mit der kernigsten Dialektik, um dies Werk interessant zu machen. Niemals seit Menschengedenken wurde eine bessere Sache mit besseren Waffen verfochten. Wenn die Emancipation aber dennoch bis heute noch nicht zur vollen Wirklichkeit geworden; wenn heute noch das Urtheil Mirabeaus über seine Zeit gilt: „Der Durchschnittsmensch kann selbst den größten Talenten, den Hervorragendsten, das Unrecht nicht verzeihen, als Juden geboren worden zu sein;" wenn man hie und da im letzten Decennium des neunzehnten Jahrhunderts in Bezug auf Juden sogar noch hinter dem Humanitätsgedanken des achtzehnten Jahrhunderts zurück ist, so liegt die Ursache darin, daß die Epigonen Mirabeaus, unsere sogenannten Constitutionellen oder Liberalen, weder seinen Geist noch seine Liebe haben, um derReaction entgegentreten zu können, die sich von den übriggebliebenen Resten des alten Regimes zusammensetzt, und ein Wegelagerer gegen die Realisirung der Idee der Menschheit wird. Je kleiner die heutigen Kämpfer gegen Unrecht und Vorurtheil sind, desto größer mutz uns Mirabeau erscheinen und desto dankbarer müssen wir sein Andenken ehren. _ Der russische Handel und die Iudruverfotguuge«. Die Bedrückungen, denen gegenwärtig unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland ausgesetzt sind, haben in der ganzen civilisirten Welt einen Schrei der Entrüstung erweckt. Die ewige Wahrheit jedoch, daß Recht und Gerechtigkeit nicht kür die Dauer mit Füßen getreten werden können, ohne daß die Folgen hievon auf den Bedrückers selbst zurückfallen, tritt auch heute schon im Zarenreiche zutage. Das Wort des großen deutschen Dichters, daß die Weltgeschichte das Weltgericht sei, ist nicht blos auf die Geschehnisse der Vergangenheit und auf weltumgestaltende Ereignisse anwendbar. Auch in der Gegenwart und auch in scheinbar geringen Vorgängen des öffentlichen Lebens zeigt sich jene streng waltende Nemesis, welche in der jüdischen Ueberlieferung durch den Hinweis darauf, daß die Schuld der Väter bis in das vierte Geschlecht ihre Ahndung findet. Die Folgen der Judenhetze in Rußland treten schon heute allenthalben in einem sehr empfindlichen Niedergang von Handel und Industrie innerhalb des Zarenreiches zutage. Bei dem Volkscharakter der Russen, bei dem gänzlichen Mangel eines producirenden Mittelstandes erscheint es selbstverständlich, daß die Juden die Seele des Handelsverkehrs waren, ja daß sie fast ausschließlich die Vermittlung zwischen Consum und Production und die Ein- und Ausfuhr von Maaren besorgen. So sehr ist Rußland in allen seinen finanziellen Beziehungen von Juden abhängig daß es alle seine auswärtigen Anleihen durch die jüdische Gruppe Rothschild- Bleichröder ausführen und daß es für jüdische Bankiers, die nach Rußland reisen wollen, ausdrücklich das Einwanderungsverbot aufheben mußte. Die Wirkungen der Judenverfolgungen zeigen sich nun vor Allem in einem massenhaften Zurückströmen des Baargeldes zu den Banken. Das Discontdas Vorschuß-, das Pfandleihdas Wechselgeschäft, diese Grundlagen des kaufmännischen Verkehrs, sind auf ein Minimum reducirt, weil die Juden zum großen Theile sich zurückgezogen haben. So wies die letzte Bilanz der russischen Reichsbank in Petersburg die bedeutsame Thatsache aus, daß die Barbestände von 1890 auf 1891 um 21 Millionen Rubel, der Gold- und Silbervorrath von 1890 auf 1891 um 38 Millionen Rubel gestiegen, dagegen der Banknotenvorrath von 1890 auf 1891 um 21 Millionen Rubel gesunken war. Die Reichsbank hatte somit anfangs 1891 um 70 Millionen Rubel mehr zur Verftigung als ein Jahr vorher. D eser gewaltige Goldstrom, der sich plötzlich in die Cassen der