Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 261 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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V.’i i5 Gefterrerchyche ZSochenjchrifr Sette 261. l i s ch e n Kirche. Das Judenthum haßt nicht das Christenthum, denn niemals noch hat die Mutter die Tochter gehaßt, wohl aber kommt es häufig vor, daß die Tochter sich lieblos und gewalthütig gegen die Mutter auflehnt. Die Institutionen der katholischen Kirche haben vielfach die Kritik erleuchteter Geister herausgefordert. Aber es waren nicht blos christliche Männer, nicht blos Arier, welche kirchliche Revolutionen andahnten und schließlich die Reformation herbeiführten, sondern all' diese Männer waren ausgesprochene Antisemiten im heutigen Sinne. Es hat niemals größere Judenfeinde gegeben als Giordano Bruno und Martin Luther. Der erstere war ein fanatischer, wüthender, unversöhnlicher Gegner des Judenthums und des jüdischen Stammes und suchte, wo er konnte, seinem glühenden Hasse gegen die jüdische Religion und deren Träger den schärfsten Ausdruck zu geben. Er haßte das Judenthum, weil aus ihm das Christenthum hervorgegangen war. Und ebenso hat Luther in der derbsten Weise seiner entschiedenen Feindseligkeit gegen die Juden Ausdruck gegeben. Das lag nicht nur im Geiste der Zeit, das lag auch im Ursprung und in den Zielen der Reformation, Und einer ähnlichen Erscheinung begegnen wir bei der zweiten großen Erschütterung, welche der katholische Glaube durch jene gewaltige geistige Bewegung erfuhr, die durch die Encyclopüdisten angefacht worden war. Auch hier waren nicht Juden die „Anstifter und Förderer" denn Jean Jaques Rousseau, Diderot, d'Alembert waren christliche Arier, und Voltaire war ein glühender Judenhasser. Wo ist hier der zersetzende Einfluß der Juden und des semitischen Geistes? Auch in Frankreich waren vor der Revolution die Juden unterdrückt und kaum dem Namen nach geduldet, und ihre Emancipation begann erst mit dem Ausbruch der Revolution. Wahr ist allerdings das Eine, daß überall dort, wo die Menschheit einen gewaltigen Schritt nach vorwärts auf der Bahn der geistigen Entwicklung gethan hat, überall dort, wo es sich um die Befteiung aus der Nacht des Aberglaubens handelte, die Juden vermöge des mächtigen Triebes nach Wahrheit und Freiheit, der ihnen innewohnt, die erste Anregung dazu boten, daß Juden an der Spitze jeder großen Bewegung standen, durch welche die menschliche Erkenntniß geschärft und die Wissenschaft bereichert wurde. Wenn das Evangelium Christi eine erlösende That war, so sollte die katholische Kirche selbst es nie vergessen, daß es jüdischem Geiste entsprungen ist. Die jüdischen Aerzte des Mittelalters waren die Bannerträger der Wissenschaft zu einer Zeit, wo das Christenthum bemüht war, diese Wissenschaft in den Zellen der Klöster und unter dem Formalismus der Scholastik zu vergraben, und die moderne Wissenschaft wurde eingeleitet durch den Juden Baruch Spinoza, der den Grundstein der ganzen modernen Philosophie bildet. Wenn hier _ von einem zersetzenden Einflüsse die Rede sein kann, so ist es derjenige, den die fortschreitende, wissenschaftliche Erkenntniß mit der Nothwendigkeit eines Naturgesetzes auf die christliche Dogmatik üben muß. Nicht Juden sind es, welche gegen die römische Kirche den Vorwurf der „Bildungsfeindlichkeit" erhoben haben, sondern Christen und immer wieder nur Christen von Martin Luther bis Reimarus, von Voltaire bis auf David Friedrich Strauß und Döllinger. Wenn man sieht, mit welcher fanatischen Wuth das „Vaterland" im Namen des Ehristenthums Andersgläubige verfolgt und dem Untergange zuführen will, dann kann man sich nicht genug wundern über die rückläufige Bewegung, welche die Geschichte und -er menschliche Geist vom Alterthum bis auf unsere Tage durchmessen hat. Im alten Tempel zu Jerusalem wurden alljährlich 70 Opfer dargebracht für die 70 Völker der Erde, nicht etwa, um sie zu bekehren oder sie, wie das „Vaterland" die Mission des Christenthums definirt, „demHeile zuzuführen", sondern um den Segen des Himmels für ihr Wohlergehen.herabzuflehen. So verstand der alte Jude die Pflicht der Nächstenliebe, die angeblich das Christenthum weiter ausgebildet hat. Und der vielgeschmähte Talmud predigte den Lehrsatz : „Verfolge nicht! Auch nicht den Bösewicht und nicht den Ketzer; verfolgt der Fromme und Gerechte den Frevler und Ketzer, so ist Gott auf Seite des Verfolgten, nicht auf Seite des Frommen und Gerechten " Ueber die praktische Bethätigung der Humanität unter den Juden des Alterthums äußert sich der bekannte Professor Max Müller in Oxford, ein geborener Germane, folgendermaßen : „Die Idee der Humanität oder der Menschenfreundlichkeit, wie wir sie im alten Testamente finden, ist den arischen Völkern fremd. Ein Gefühl, wie: Es soll einerlei Recht sein unter Euch, dem Fremdling, wie dem Einheimischen; denn ich bin der Herr Gott, würde den Dichtern der Veda und selbst Homer höchst seltsam geklungen haben. Unter den Arien, sowie unter den meisten alten Völkern scheint nur die eine^Anschaunng bestanden zu haben, daß, wer weder durch Verwandtschaft, noch durch Bürgerrecht ein Freund war, für einen Feind galt. War er gefährlich, so konnte man ihn tödten, und es gab kein Gesetz, daß den Mörder bestraft hätte. Im Lateinischen wurde der Fremdling und der Feind durch den gleichen Ausdruck dostis bezeichnet, d. h. sie wmen in den Augen der Römer ein und dasselbe." Aus den Wuthausbrüchen des „Vaterland" gegen Andersgläubige ersieht man, daß die heutigen Arier sich in Nichts von den alten Ariern unterscheiden und daß das Christenthum ihnen nur den äußren Anstrich, die Tünche gegeben hat, während sie innerlich noch arisch-heidnisch sind. Nicht ein Semite, nicht ein Judenstümmling, sondern ein Hohenzoller, Friedrich der Große war es, der in einem Briefe an d'Alembert schrieb: „Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß unsere jetzigen Religionen der Religion Christi so wenig gleichen, wie der irokesischen. Jesus war ein Jude, und wir verbrennen die Juden. Jesus predigte eine gute Sittenlehre und wir üben sie nicht aus. Jesus hat keine Lehrsätze aufgestellt und wir haben reichlich dafür gesorgt." Mirabeau und das Indenthum. Am 2. April d. I. war ein Jahrhundert vergangen, feit Honore Gabriel Riquet Graf von Mirabeau, 42 Jahre alt, die Augen geschloffen. Alle diejenigen, welche in der constitutionellen Monarchie das Heil der Staaten sehen, müßten den hundertsten Todestag dieses großen Mannes pietätvoll feiern, denn die constitutiouell-monarchische Regierungssorm war die Idee, die ihm bei seiner weltgeschichtlichen politischen Thätigkeit vorgeschwebt. Allerdings war er der Schöpfer der Revolution in Frankreich und deren Prophet für die Außenwelt mit seinem unheimlichen Rufe: »La revolution de France fera le tour du monde«; allein er wollte mit der Revolution blos das alte Regime vernichten, und aus den Trümmern des Absolutismus die Liebe des mit allen Bürgschaften der Freiheit ausgestatteten Volkes zu seiner angestammten Dynastie retten. Mit dem 14. Juli 1790 wäre die Revolution abgeschlossen gewesen. Die spätere Ausartung derselben in Schamrthaten, war nicht sein Wille, wie er sie auch nicht erlebte. Wir Juden haben besonders Ursache dieses großen Geistes in Verehrung zu gedenken. Im Jahrhundert der Humanität, wie das 18. Jahrhundert genannt wird, ist zwar die Forderung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden von vielen Seiten gestellt worden, von keiner Seite jedoch so begeistert für die Sache und so beredt in ihrem Dienste wie von ' Mirabeau.