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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-10 · 15 (10.4.1891) · p. Seite 260

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 260 (sequence 2)
Language
German
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Hesterreichisi-e Wochenschrift Ar, 15 Sclrc 266 immer mit derselben, denn sie wissen wohl, daß Bildung und Ausklärung auch iv unseren Tagen nur das Vorrecht von Zehntausenden sind, daß aber die Hunderttausende und Millionen noch immer in der Nacht des Irrwahns und im Sumpfe der Geistesroheit verharren. Es ist längst geschichtllch bewiesen, daß Christus nicht durch die Juden, sondern durch die arischen Römer den Tod am Kreuze erlitt, in deren Brust jener bösartige Judenhaß gelodert hat, der uns heute aus den Arttkeln des „Vaterland" entgegenflammt. Dieser brutale Judenhaß, für welchen die Rassische Literatur der Römer noch heute Zeugniß ablegt, war es, welcher sich das Judenvolk zu seiner Wuth erkoren und mtt seiner Rachegier nach dem Höchsten und Edelsten unter den Führern dieses Stammes gegriffen, um den arischheidnischen Blutdurst zu befriedigen, der heute noch nicht ganz gesättigt ist. Das ist ein Ergebniß der Wissenschaft. In dem Märtyrertod des Weisen von Nazareth kam der arischrömische Anüsemitismus zur geschichtlichen Manifestation^ Und ließen sich auch die Resultate der geschichtlichen und philosophischen Forschung als Lüge bezeichnen und mit einem frömmelnden Augenaufschlag abthun, was wäre damit erwiesen? Auch wenn es wahr wäre, daß die Juden Christum gekreuzigt haben, was dann? Kann daraus das Christenthum ein Recht zur Verfolgung der heutigen Juden ableiten? Muß man 5 die heutigen Griechen hassen, weil deren Vorfahren einst ihrem Sokrates den Schierlingsbecher gereicht? Muß man die heuttgen Italiener hassen, deren Vorfahren ihren Giordano Bruno zum Scheiterhaufen verdammt, ihren Galileo Galilei gefoltert haben? Die frommen Gelehrten des „Vaterland" mögen doch nur Gottfried Arnolds „Kirchen- und Ketzer-Historien vom Anfang des Neuen Testamentes bis auf das Jahr Christi 1688" durchlesen, sie werden darin tausende von flammenden Beweisen dafür finden, mit welcher Liebe die katholische Kirche alle Menschen umfaßte und sich bestrebte, sie alle dem Heile zuzuführen. Wenn eine Nation oder Confession fluch- und hassenswürdig wäre, weil sie in einer Zeit des Aberglaubens und Irrwahns ihre erleuchteten Geister, ihre gewaltigen Fackelträger verfolgte, dann würde in der Ge schichte der spanischen Inquisition, in der Geschichte der Waldenser und christlichen Ketzerverfolgungen ein furchtbares Urcheil über das h e u t i g e Christenthum enthalten sein. Aber es wird keinem vernünftigen Menschen einfallen, den heuttgen Griechen und Italienern aus dem Martyrium eines Sokrates, eines Giordano Bruno, eines Galilei, den heutigen Priestern der katholischen Kirche aus dem Fanatismus eines Peter Arbuez einen Vorwurf zu machen. Nur die Juden allein sollen für ewige Zeiten dafür verantwortlich sein, was sie nicht gethan, was sie aber, gemäß der damaligen Entwicklung des menschlichen Geistes, gemäß den Anschauungen einer vom religiösen Wahn beherrschten Zeit immer hätten thun können? Wo ist hier jene Gerechtigkeit, welche die katholische Kirche selbst für die Beurtheilung der wechselnden Polittk ihrer Päpste, der widersprechenden äußeren Formen des von ihr verkündeten Glaubens in Anspruch nimmt und in Anspruch nehmen darf? Wo ist jene Gerechtigkeit, die uns heute zwingt, über die grausame Propaganda der Inquisition mit menschlicher Milde zu urtherlen, weil wir uns sagen, daß irren das Los der Menschheit ist und daß wir jede Handlung richten müssen nach dem Maßstabe der Zeit, aus der sie emporgewachsen ist? Aber frellich, das „Vaterland" begnügt sich nicht damtt, die Fluchwürdigkeit der Juden von der Kreuzigung Christi allein herzuleiten,. Es cittrt, daß die Juden heute noch zersetzend auf die Christen wirken, daß sie hartnäckig gegen die christtiche Wahrheit die Augen verschließen und m den katholischen Klerus eindringen, um am Verderben des Katholicismus zu arbeiten. Als Beispiel einer solch' zersetzenden Thätigkeit verzeichnet das „Vaterland" die Christenmetzeleien im alten Rom und in Persien und die Thatsache, daß in Spanien' Juden auf die bischöflichen Throne gelangt seien. Man merke nun hier das barbarische Dilemma, welches das fromme Jesuitenblatt aufstellt: Die Juden müssen verfolgtwerden, weil sie hartnäckig sind und sich nicht bekehren wollen; wenn sie sich aber bekehren, müssen sie er st recht verfolgt werden, denn die getauften Juden sind dem Christenthume noch verderblicher als die glaubenstreuen. Da haben wir den Racenhaß in seiner vollen Nacktheit ohne das violette Mäntelchen des Glaubenseifers, jenen Racenhaß, der in Pontius Pilatus loderte, als er Jesum zum Kreuze führen ließ. Welchen Werth hat dann die Taufe? Weiß das „Vaterland" nicht, daß die ersten Christen in Rom sich I u d e n ch r i st e n nannten und daß sich der Haß der Römer ebenso gegen die Juden wie gegen die Christen richtete? Weiß das „Vaterland" nicht, daß es in Persien in der antichristlichen Zeit gar keinen Juden gegeben hat, daß also die dortigen Christenmetzeleien unmöglich von Juden angestiftet sein konnten? Und endlich, weiß das „Vaterland" nicht, oder will es nicht wissen, daß derselbe „semitische" Geist, den es als zersetzend bekämpft, der Geist des Christenthumes selber ist, aus dem dieses letztere hervorging, und daß durch die Hetze gegen das Judenthum die Grundlagen des christlichen Glaubens selbst zerstört werden? Nein, nicht die Juden, sondern die Gesinnungs- und Parteigenossen des „Vaterland" sind es, welche die Grundsäulen des Christenthums untergraben und zerstören, den christlichen Namen schmähen und verlästern. Und während das „Vaterland" uns protestantische Bundesgenossenschaft und Sympathien anlügt, denunciren uns protestantische Antisemiten — als Bundesgenossen der Jesuiten. In seiner dem Fürsten Bismarck gewidmeten Schrift: „Juden-Jesuitismus" sagt O. Beta: „Die Unfehlbarkeits-Anmaßung der Judenabkömmlinge in Rom ist nichts als ein ultramontanes Feuerwerk, welches die Augen der germanischen Völker abzieht von der viel drohenderen kapitalistischen Unfehlbarkeit ihrer Stammesgenossen im weltlichen Gewände, welche uns indessen die seidene Cravatte umbinden, um uns damit zu erwürgen wie die Männer von Sichem . . ." „Was glauben sie (die Katholiken) nicht noch? Sie glauben an die Unfehlbarkeit des Papstes Pio aus dem jüdischen Hause Feretti. . „Auch Dühring, auf den sich das „Vaterland" so gerne und so oft beruft, kämpft nicht blos gegen die Juden, sondern ebenso gegen das Christenthum als eine Schöpfung des semitischen Geistes. „Diejenigen," sagt Dühring, „welche an der christlichen Ueberlieferung festhalten wollen, sind nicht imstande, sich mit Nachdrücklichkeit gegen das Judenthum zu wenden ..." „Ein Christ, wenn er sich selbst versteht, kann kein ernsthafter Antisemit sein." Und auch noch ein anderer antisemitischer Apostel, Wilhelm M a r r, nimmt den gleichen Standpunkt ein; er thut den bezeichnenden Ausspruch: „Der Eifer, sich gegenseitig im Namen der Religion zu morden und zu verfolgen, ist wahrscheinlich der Christenheit angeboren," und er berechnet die Zahl derer, an welchen „die Christen das Henkeramt vollzogen", vom Alterthum bis in's 18. Jahrhundert mit neun und einhalb Millionen. Die Antisemiten Amerikas haben aus ihrer Gesinnung auch die äußerste Consequenz gezogen, und sich in einer Resolutton vom Christenthum geradezu losgesagt, weil Christus und die Apostel semitischer Herkunft seien. Wenn demnach das „Vaterland" behauptet, daß überall dort, wo die katholische Kirche geschädigt wird, Juden die Anstifter und Förderer sind, so ist das gerade Gegentheil richtig. Die alten, und die modernen Antisemiten sind die Schädiger der katho-

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