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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-10 · 15 (10.4.1891) · p. Seite 259

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 259 (sequence 1)
Language
German
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. 15 Me«.,10. April ihäi. V1H. Aahr^arzg. Centralorgan für die gesammten Interessen des Indenthums.!ö= - -=(g| K. I. Postsparcasienamt Clearingverkehr Nr.81O.S76 Redaction und Administration: Wien, k-, Rothenthurmstraße 3V. \ |t3. -= -T- --- - - 1.1 W -#- Eigenthümer: Reichsraths-Abgeordneter vi. Bloch. Erscheint jeden Freitag. - II Man abonmrt bei allen j I Poftanitalten I I des In- und Auslandes. ’ Bezugspreis: Halbjährig 4 st.! Einzelexemplare 25 fr. Anzeigen: Die smal ge» I ipaltene Petitzeile 12 kr. jg--: - -=-=*01 Inhalt: Leitartikel. Antisemitische Sommerfrischen. Das „Vaterland" gegen die Bischöfe. Mirabeau und das Judenthum. Der russische Handel und die Judenverfolgungen. Die Colonisation Palästinas. Rabbi Eliah Wllna Gaon. Publicationen des israelitischen Cultusvorstandes in Wien. — Correfpondenzen: Wien. Lemberg. Berlin. Göttingen. Paris. Petersburg. Bucarest. Constantinopel — Vermischtes: Wien Raudnitz a. d. Elbe. Budapest. Eisenstadt. Berlin. Darmstadr. London. Rom. San Remo. Lille. Paris. Marocco. Asti. Philadelphia. — Familienblatt: Das jüdische Stieskind einer Christin. Literatur. Briefkosten. Inserate. Antisemitische Kommersrische«. Einem Juwel in kostbarer Fassung gleicht unser schönes Wien. In begeisterten Worten schildert die Lerche Oesterreichs, der unsterbliche Freiheitssänger Anastasius Grün, die Reize der Donnustadt; er singt von den Saatfeldern und Rebenhügeln, von den Waldbergen und grünenden Triften, welche in üppigem Kranze Wien umziehen, und er singt auch von den biederen, lebensfrohen und gemüthvollen Bewohnern des herrlichen Gottesgartens. Die Rebenhügel und die Waldberge sind noch dieselben wie zur Zeit, da dieses Lied zuerst erklang; die Menschen aber sind nicht mehr dieselben, die Zeit hat sich gewandelt und mit ihr die Bevölkerung der Stadt und ihrer Umgebung. Wenn heute der Sänger herniederstiege, dessen Leier einst zum Ruhme der Stadt erklang, dann würde er den Saiten vielleicht ein Lied entreißen, das — ungeachtet der glücklichen Wahlen im ersten und zweiten Wahlkörper — von flammendem Zorn über die traurige Wandlung erfüllt wäre. Was die Natur in blühender Pracht, in erquickender Schönheit geschaffen, das ist heute zum Theil entweiht durch den Haß der Menschen, das ist geschändet durch Neid und den Aberwitz der irregeleiteten Bewohner. Die Gemeinderathswahlen für Groß-Wien haben jenes Wort nicht gerechtfertigt, daß Wien einer belagerten Stadt gleicht, daß rings um die Mauern der Residenz ein Heer von Feinden zieht, die gegen den eigenen Besitz wüthen. Aber einzelne Vororte Wiens haben Antisemiten gewählt. Die Bewohner einiger lieblichen Sommerfrischen, in denen der Wiener gewohnt ist, nach des Tages Mühen Erholung und Genuß zu suchen, die Bewohner von We i n h au s, Grinzing, Sievering, S a l m a n n sd o r f, P ötzl e insdor f, Neuwaldegg, und Dornbach, haben sich in ihrer Mehrheit offen zur Partei der Judenhetzer geschlagen, sie haben den Juden den Krieg erklärt. Auf diese Kriegserklärung gibt es nur eine Antwort; So mannigfach auch die Vortheile sind, welche eine Landwohnung in unmittelbarer Nähe Wiens bietet, so groß auch die landschaftlichen Reize der genannten Ortschaften sein mögen, ein Jude, der seine Ehre und Menschenwürde achtet, der seine Familie liebt, und sie nicht der Gefahr aussetzen will, in roher Weise beschimpft zu werden, wird seinen Landaufenthalt in Zukunft anderswo als in den oben genannten verhetzten Orten wählen. Wählen wir ^ur Sommerfrische Penzing. Hietzing, Sl. Veit, Lainz, L-peising, Hacking, Hetzendorf oder Meidling. Niederösterreich ist ja noch reich genug an bequem gelegenen und mindestens ebenso schönen Sommerfrischen, in denen die Seuche des Antisemitismus noch nicht um sich gegriffen hat oder in denen sie bereits im Erlöschen begriffen ist. Die Erfahrung hat gezeigt, daß es nur des eigenen Zusammenstehens der Juden bedarf, um der Verhetzung w'rksam entgegenzutreten. Baden, dessen Bewohner bei der Reichsrathswahl vor sechs Jahren antisemitisch gewühlt haben, hat sich in Folge der seitherigen auffälligen Verminderung der Curgüste eines Bessern besonnen und hat in diesem Jahre liberal gewählt. Wenn die Juden auch gegenüber den Sommerfrischen in der nächsten Umgebung Wiens den gleichen Vorgang beobachten, dann wird die Herrschaft der Antisemiten in diesen Ortschaften bald gebrochen sein. Dazu ist nur ein wenig Selbstüberwindung und Selbstachtung nothwendig und wir sind überzeugt, daß unsere Glaubensgenossen dieselbe bethätigen werden. Mögen diese Zeilen dazu die Anregung gegeben haben. Das „Daterlaud" gegen die Bischöfe. Der jüngste Hirtenbrief des österreichischen Episcopats, in welchem die Racenhetze als unchristlich verurtheilt wird, hat im antisemitischen Lager eine tiefgehende Bewegung erzeugt. Allen voran bemüht sich das Organ der österreichischen Jesuiten, das „Vaterland", die Wirkung jenes Hirtenschreibens abzuschwächen und den klaren Sinn desselben zu verfälschen. In einem Artikel vom 3. April über das Verhültniß der katholischen Kirche zum Judenthum will das „Vaterland" den Beweis erbringen, daß die katholische Kirche „die Befreiungsversuche des christlichen Volkes von der Uebermacht des Judenthums nicht verurtheilen könne?" Es greift zu diesem Zwecke auf die Kreuzigung Christi, auf die Geschichte der Christenverfolgungen, auf die Reformationsgefchichte zurück und wiederholt die alten Schlagworte von den materialistischen Principien der Juden, von den atheistischen Bestrebungen des Freimaurerordens und der Kirchenfeindlichkei der liberalen Presse. Mit dem ganzen Rüstzeug mittelalterlichen Aberwitzes und erheuchelten Glaubenseisers tritt das „Vaterland" für den modernen Antisemitismus ein. Die Ergebnisse einer tausendjährigen wissenschaftlichen Forschung, die stete Entwicklung des menschlichen Geistes seit achtzehn Jahrhunderten existirt für die publicistischen Wortführer des Jesuitismus nicht. Auch heute noch wie in den finstersten Zeiten des Mittelalters wird der Haß gegen die Juden aus dem Vorwurfe abgeleitet und durch die Behauptung genährt, daß die Juden Jesum gekreuzigt hätten. So sehr auch diese in den Flammen des Fanatismus geschmiedete Waffe durch den Zahn der Jahrhunderte stumpf und schartig geworden ist, die ftommen Kämpen des „Vaterland" umgürten sich noch

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