Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 256 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020862--00273-3024253- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 256 Heßerretchlfche Woche»i>chrtxr Nr. 14 Scheu und ängstlich trat der Jude ein. Er nannte seinen Namen Der Beamte lachteihm verwundert in's Gesicht. Es schien ihm gar so komisch, daß der Gummijude einen Namen habe. Der Alte kümmerte sich nicht um das Lachen. Mit heißhungrigen Blicken hing er an den Fächern des Kastens, aus denen Briefe hervorlugten. Und es war ein Brief für ihn da. Er hielt ihn in den zitternden Händen, er besah und betastete ihn und lachte und weinte. „Der da. dieser Brief ist von meinem Sohn Moriz!" rief er dem verwundert dreinschauendeu Beamteu zu und rannte, wie es seine altersschwachen Beine erlaubten, in das nahe Wäldchen der Stadt. Dort fetzte er sich in das noch thaufeuchte Gras und las und weinte. Die Gluthstrahlen der Sonne sogen die demantenen Thautropsen bei Weitem nicht so gierig auf, als die heißhungrige Seele des armen Juden jeden einzelnen Buchstaben des Briefes. Er las ihn des Morgens und er las ihn des Abends. Er las ihn, wenn er sein kärgliches Mahl verzehrte und er las ihn im Bette, um sich in den süßen Schlaf hineinzuträumen. Tag auf Tag verann und Monat aus Monat. Moriz schrieb fleißia an seinen alten Vater und studirte fleißig an der Hochschule. Er trank d-n Becher des Studentenelends bis zur Neige, doch verzagte er nie. Mit dem vorgesteckten Ziele wuchs auch die Kraft zur Erreichung desselben. Er bestand seine Examina glänzend und schon nahte die Zeit, wo der Erfolg seine Bestrebungen k'önen sollte. In beredten Worten schrieb er es seinem Vater. Der alte Jude wurde indessen älter. Er sank in's Krankenbett. Der aufreibende Kampf um das tägliche Brot, die Entbehrungen gesellten sich zu dem Alter und verzehrten die Kräfte des Gummijuden. Doch er meinte, die Freude mache ihn krank und die Erwartung. „Oh, Ihr werdet sehen — sagte er zu den Nachbarn, die ihn des zukünftigen Doctors wegen hie und da besuchten — ich werde gesund werden. Mein Moriz wird nach Hause kommen, der Doctor - er wird mir etwas verschreiben und was mir mein Moriz verschreiben wird, wird mich gesund machen und stark." Und der große Tag nahte heran. Moriz sollte sein Diplom erhalten. Er schrieb seinem Vater, daß er noch an demselben Tag nach Hause kommen werde, die Freude mit ihm zu theilen. Der Alte wollte aufstehen. Sein Moriz dürfe nicht wissen, daß er krank sei; er wolle ihm die Ankunft nicht verbittern. Das typhöse Fieber war aber stärker als der Wille des Gummijuden. Moriz hatte keine Ahnung von der gefährlichen Krankheit seines Vaters. Als er nach Hause kam und die Nachbarn sah, die als Vorboten des Unglücks ihn im Hofe erwarteten, erstarb in ihm die Freude. Vom Schmerze hingerissen wankte er in das Zimmerchen seines Vaters. Der Alte erhob sich in dem Bette. Der Glanz der Freude überstrahlte in seinen Augen den der Fiiberhitze. Er streckte die zitternden Arme aus und Vater und Sohn umhalsten sich und weinten. „Das thut wohl, — stammelte der Alte — sehr wohl thul es hier, im Herzen; doch hier, hier thut es gewaltig wehe." Und er deutete auf den Kopf, in den der nahende Tod seine Krallen gehauen. „Doch da bist du ja, mein Sohn, mein Doctor; verschreibe mir etwas und ich werde gesund werden und mit dir leben in Freude und in Glück " Der junge Arzt vermochte die Thränen nicht zurück zu drängen; sie flössen in reichen Strömen. Er sah und fühlte, daß hier Alles vorüber, daß sein Vater dem Tode verfallen sei. Dennoch schrieb er und eilte in wahnsinniger Hast in die Apotheke. „Gib her, gib her, mein Sohn", rief der Alte, als der Arzt zurückkam und sog in jähen Zügen die Arznei in sich. „Ah — lallte er; — das thut gut, das wird helfen; das hat mir mein Moriz verschrieben, der Doctor." Und der Gummijude starb. Literatur. vr ha-Chajim. Umfassendes bibliographisches und literar-historisches Wörterbuch des rabbinischen Schriftthums aus dem literaris chen Nachlasse Hei mann Josef Michaels u. A., zum Drucke b efördert von dessen Söhnen. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kaufmann. 1891, S. 617. Das vorliegende Werk, dessen erster Theil von Dr. E. L o e b, Oberrabbiner in Altona, der zweite von Herrn Dr A. Berliner redigirt worden ist, zählt zu den bedeutsamsten Erscheinungen in der hebräischen Literatur der letzten Jahrzehnte, enthält in zusammengedrängter Form eine Fülle von Gelehrsamkeit und Scharfsinn, welche blos in den Werken des großen Zunz ihres Gleichen hat. Z u n z selber gesteht ein, daß er aus den Manuscripten des Gelehrten Heimann Joseph Michael einen großen Theil seiner Wissensschätze entlehnt hat, sie bildete die Grundlage seiner Forschungsarbeiten. Das Werk wird auch noch jetzt der jüdischen Wissenschast hervorragende Dienste leisten. K D- Krrzxattos Hebräische Kriefe. Heraus gegeben von Eisig Gräber in Jaroslau. 6. Theil, Krakau 1891. Der vorliegende Theil dieser interessanten Briefsammlung enthält 50 Piecen, u. zw. Briefe an Rapoport, Dukes, Michael Sachs, F. Goldberg, Rafael Kirchheim, M- Pineles, M. Steinschneider, Abraham Geiger, Moses Landau u. s. w. und bildet die Fortsetzung der drei ersten Briefbände, welche 1882 erschienen sind. Die Briefe Luzzattos bilden eine Fundgrube von Gelehrsamkeit, eine willkommene Gabe für jeden Literaturfreund. Man empfängt aus diesen Briefen zahllose Anregungen und Winke, die zu weiterem Nachdenken und Forschen Anlaß geben. Wir zweifeln nicht, daß auch diese Briefsammlung ihren Weg machen wird. Preis des Bandes ist 1 fl. ö. W., in Deutschland 2 Mark, in anderen Ländern 2V2 Francs. Hachoker, hebräische Monatsschrift für die Wissenschaft de» Indenthnms. Herausgegeben vonSalomon Fuchs, Paris, 7 rue Kolli n, er st es Heft. Die vorliegende hebräische Monatsschrift, geleitet von dem derzeitigen gelehrten Redacteur des Hamagid, erweist sich als eine willkommene Gabe, enthält Beiträge von senior Sachs. Salomon B u b e r, Dr. Joel Müller, Jacob Reismann, Rabbiner, Dr. Oppenheim in Thorn und zahlreichen anderen hervorragenden Gelehrten. Diese Monatsschrift verspricht Hervorragendes und Tüchtiges zu bieten um wir wollen nicht verabsäumen, sie wärmstens zu empfehlen. Fabius Miefes gesaurrnle Gedichte- Herausgegeben von Israel Günzig und Saul Kronengold. Krakau. Druck vonJosefFischer. Verlag der Herausgeber. 1891. Fabius Mieses ist ein hebräischer Poet von eigenartiger Begabung wie vielleicht kein Zweiter unter allen, die noch bei uns weilen. — Sein leichtfließender hebräischer Styl, die Formschönheit, der Bilderschmuck seiner Sprache brauchen nicht erst gerühmt zu werden. Wir zweifeln nicht, daß es genügt das Erscheinen der Gedichte bekannt zu geben, um dieser interessanten Gedichtsammlung zahlreiche Leser zu sichern. Die Freunde der hebräischen Poesie werden sich an manchem Poem herzlich ergötzen. Lebensbilder und Lebensweisheit, den Sabbath-Abfchnitten der Thora entnommen von D. Löwy, Prediger. — Gewidmet Sr. Ehrw. Herrn Dr. Jellinck zu seinem bevor st ehenden 70. Geburtstage. — Wien 1891. Wie kann der Inhalt der Bibel für die Jugend fruchtbar gemacht werden? Eine praktische Lösung dieser Frage ist das vorliegende Büchlein und fügen wir gleich hinzu: eine recht glückliche Lösung. Der Verfasser geht von der richtigen Voraussetzung aus, daß die Lehre, die Pflicht, das Gebot eines leuchtenden Vorbildes bedarf, in dem sich die sittliche Forderung verkörpert, um auf das jugendliche Gemüth zu wirken. So schreitet er denn immer vom Concreten zum Abstracten, vom Einzelfall zu einem daraus abzuleitenden Allgemeinen, von der naiven, kindlichen Erzählung der Bibel zu der in ihr waltenden Weisheit, zu dem in ihr lebenden Geiste vor, und derart macht er nicht