Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 255 (sequence 17)
- Language
- German
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Sk. 14 Österreichische Wochenschrift Seite 255 IsraeUtes« (die wahren Israeliten) herausgegeben, in welchem « sie den Juden folgendes Zeugniß ausstellt: „Diese energische und kräftige Race, so hoch begabt in Allem, was Intelligenz und Kunstsinn betrifft, unbeugsam in den Stunden des Mißgeschicks, in ihrem Familien- und Gemeinsinn, die Erhalterin der unverfälschten Ueberlieferung der alten Lehren, deren Fortsetzung unsere Religion bildet — sie ist das Volk, welckes die wahre Wissenschaft gerettet hat zur Zeit, als die Barbarei der Bilderstürmer die Freiheit des Denkens mit Krieg überzog." Familienblatt. Wochen- April 1891 Weadar- Nissan 5651 Kalender Freitag 3 24 Samstag 4 25 P. Chodesch Sonntag 5 36 Montag 6 27 Dienstag 7 28 Mittwoch 8 29 Donnerstag 9 1 Rosch-Chodesch Freitag 10 2 Der Gummijude. Wer diese Jammergestalt auch nur ein einziges Mal gesehen, er konnte sie nimmer vergessen. Man hieß ihn den Gummijuden. Auf das Warum hätte wohl Niemand eine vernünftige Antwort zu geben vermocht. Alan hieß ihn so und damit basta. Der Gummijude! Und er hatte wahrlich nichts Elastisches an sich. In seiner stets gekrümmten Haltung bildete erbeinahe einen Halbkreis. Sein Gang war schleppend und es schien, als ob er bei jedem Schritte auf die Nase fallen wollte. So wie er sich präsentirte, hatte er gar nichts Elastisches «an sich. Und dennoch. Sein Herz war elastisch, wenn die goldene Jugend «ihn mit Spott und Hohn durch die schmalen Gäßchen verfolgte und .selbst die Alten nur höhnisches Lachen für den gebrochenen Juden .hatten. Aber.es dehnte sich, wenn er des Abends nach Hause kam und -seinen Knaben, seinen Moriz sah; dieses theure Vermächtniß, das ihm seine früh verstorbene Sali hinterließ. Seine Sali, die mit ihm die wenigen Freuden und die vielen Leiden des Lebens gelheilt hatte und cdie ihm nun in Allem und Jedem fehlte. So wie die Sonne selbst in die bescheidenste Hütte einen errvärmden Strahl wirft, senkt auch die gütige Vorsehung selbst in die Ärmste Seele einen erwärmenden Funken: die Liebe. Und die Liebe zu seinem Moriz war es, welche die Seele des armen Gummijuden durchleuchtete und Tageshelle schuf, wo sonst finstere Nacht gewaltet hätte. Verstoßen und verhöhnt, mit dem ganzen Jammer eines öden Lebens kämpfend, irrte der Gummijvde tagsüber umher. Doch der Abend entschädigte und beglückte ihn. Er kam nach Hause, legte seine dürren, schmierigen Hände auf das Haupt des Knaben und seufzte, betete und weinte. Und die stillen Zähren, die der arme Jude in seinem väterlichen Glücke weinte, wuschen seine Seele rein von den bitteren Empfindungen, mit welchen die Welt sie erfüllte. Mit heiterem Blicke haftete er an seinem Kinde und im Geiste sah er ihn zu einem großen, zu einem bedeutenden Manne emporwachsen. *) Aus der demnächst im Berlage der k. k. Hofbuchhandlung Karl Grill unter dem Titel: „JüdischesBlut" erscheinenden Sammlung interessanter Erzählungen aus dem jüdischen Leben von Mich. Singer in Budapest. Und sein Moriz müsse ein bedeutender Mann sein, Moriz müsse ein Doctor werden. Sein Moriz darf nicht das jammervolle Los des Gummijuden theilen, auf den man nur mit Hohn und mit Spott blickt. Sein Moriz müsse ein Arzt, ein bedeutenoer Arzt werden und wenn sich die Gassenjugend in der Verhöhnung des Gummijuden die Kehle heiser schreit, sein Moriz sollte sie heilen. Die ärztliche Wissenschaft war für den Gummijuden ein Heiligthum und der Arzt schien ihm ein Gott. So oft er daran dachte, daß sein Moriz an ein Krankenbett treten und Heilung spenden werde, durchbebte ihn ein süßer, ein heiliger Schauer. Oh, denn er, der einfältige Gummijude wußte die Bedeutung eines edelfühlenden Arztes zu schätzen. Er erinnerte sich des hellen Sommertages, da Himmel und Erde lachten und nur sein Herz die bittersten Thränen weinte, er erinnerte sich des Tages, da seine Sali dahinsiechte und Niemand sich des sterbenden Weibes und des verzweifelten Juden annahm. Nur der Arzt hatte Worte des Trostes und Worte der Ermuthigung. Und als jede Hoffnung schwand, als die Seele Sali's e'nem reinen Jenseits zuflog und den Gummijuden im Schmutze des Diesseits zurückließ, als er in seinem verlassenen, nun doppelt verlassenen Kämmerchen leblos zusammenknickte, war cs wieder nur der edle Arzt, der ihu aufrichtete, der ihm den Moriz in die Arme gebend, süße, belebende Worte an ihn richtete, wie er sie sonst nimmer hörte. Und deshalb sollte, deshalb müsse sein Moriz Arzt werden. Er sollte Segen, Trost, Heilung spenden und dafür geliebt und geachtet werden, wie er, der Gummijude, den Arzt liebte und achtete. Der Gummijude hatte seine helle Freude an dem Knaben; der Sohn des Gummijuden war der Erste in allen Classen und sein Fleiß wurde nur durch seinen klaren Geist überflügelt. Die Zeit nahte heran, da Moriz die Mittelschule verlassen und aus dem kleinen Städtchen in die ferne Großstadt, an die Universität ziehen sollte. Mit jedem entfliehenden Tage wurde das Herz des Gummijuden schwerer Nicht allein der Schmerz der bevorstehenden Trennung war es, der sein armes Herz zusammenschnürte. Wußte er doch, daß dies sein müsse, daß es zum Glücke feines Kindes führe, und für das Wohl seines Moriz verzichtete er gerne auf die einzige Freude seines Lebens, auf die Freude des Beisammenseins. Bange Sorge, tiefen Kummer machte ihm nur ein Gedanke: er konnte nicht lesen, nicht schreiben. Der Gedanke drückte ihn zu Boden, daß er mit seinem Sohne nicht unmittelbar werde verkehren können; daß ein anderer vor ihm die Briefe seines Moriz lesen und die unnennbaren Wonnen mitgenießen werde, die ihm, nur ihm allein gebühren; daß er einem Andern die süßen Laute seines Herzens werde mittheilen müssen, damit er, der Fremde, sie seinem Moriz übermittle. Dieser Gedanke drückte ihn zu Boden und machte die krumme Gestalt des Gummijuden noch gebeugter. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht. Ein erlösender Gedanke entsproß seiner Seele: er mußte schreiben lernen. Und der Alte sperrte sich mit einem schriftkundigen Juden des Städtchens täglich auf eine Stunde in sein Zimmerchen. Und das zermarterte Gehirn mußte herhalten und die schmierige, schwielige Hand mußte die Feder führen Sie mußten, und es ging. Die Liebe bewirkt Wunder und die Liebe bewährte sich auch bei dem Gummijuden als Meisterin. Moriz zog in die Ferne. „Gehe, mein Sohn — sagte ihm der alte Vater in der Stunde der Trennung — gehe und werde glücklich." Er legte wie einst die Hände auf das Haupt seines Kindes und seufzte, betete und weinte. Und Moriz ging. Es kam der Tag, an welchem der Gummijude von seinem Sohne ein Schreiben erwartete. Die Sonne dehnte sich noch schläfrig in ihrem Wolkenbette, als der Gummijude pochenden Herzens schon beim Postgebäude stand. Stunde auf Stunde verrann. Endlich wurde das Thor geöffnet