Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 251 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Hesterreichlfche Wochenschrift feette 251 und zahlreiche Secten gebildet, wie: Quecken, Episcopale, Methodisten, Unitarier, Baptisten, Mormonen, Herrenhuter u. a. Allen den andern Bekenntnissen steht die römischkatholische Kirche als ein sestgegliedertes Ganze mächtig und zielbewußt gegenüber. Der römische Clerus ist hier gebildeter, tüchtiger, maßvoller uud auch — geachteter als in europäischen Ländern, wo die katholische Religion die herrschende ist. Und während der katholische Geistliche sich auch hier stricte nach seiner Directive von Rom hält, ist bei den Geistlichen der anderen Bekenntnisse fast gar keine Disciplin. Jeder kann sich erlauben, selbst gegen sein eigenes Bekenntniß zu verstoßen. Die Unitarier leisten in dieser Beziehung das Höchste. Ihre Prediger sind die ausgesprochensten Freigeister. Aehnlich geht es in unserem Lager zu. Der Jude ist leider hier nicht so theologisch gebildet wie sein amerikanischer Mitbürger. Die Bibel ist den meisten unserer Juden ein Buch mit sieben Siegeln, denn die jüdische Jugend wächst ohne jeden Religionsunterricht auf. Sie befolgen aber das Beispiel ihrer Mitbürger und besuchen, wenn sie können, den Tempel, und wer nur halbwegs ein Haus machen will, gehört einer Congregation an und zahlt freiwillig — Zwang gibt es hier nicht — seine oft hohen Beiträge. Die Gemeindemitglieder haben ihre regelmäßigen Versammlungen, erwählen da ihre Functionäre meist auf ein Jahr. Diese heißen: Präsident, Vicepräsident, Cassier und Trustee, das sind Beisitzer. Der Schamesch heißt Botschafter oder Lector und ist keine gedrückte, untergebene Stellung wie in Europa, sondern eine Sinecure, die in größeren Gemeinden oft 3000 bis 4000 Dollars per Jahr trägt. Der Vorstand hat das Recht, die Beamten aufzunehmen. Es sind dies zwei Personen, von denen das Gedeihen der Gemeinde abhängt. Die erste der Prediger. Er hat jeden Sabbath eine Predigt oder wenigstens eine Exhorte abzuhalten, functionirt bei Trauungen und segnet die Leiche ein, wie ein Pastor. Er führt den Titel: Reverend Doctor, nie Rabbiner, weil er es meist auch nicht ist. Er heißt auch Superintendent der Sonntagsschule. Die Sonntagsschule ist die Religionsschule der Gemeinde, heißt so, weil der Unterricht an derselben Sonntag Vormittags ertheilt wird. Dann kommt der C a n t o r. Die Pflichten desselben sind dieselben wie in europäischen Gemeinden, uur muß er meist wirklich musikalisch geschult sein. In ärmeren Gemeinden sind beide Aemter cumulirt. Die Gehalte sind durchwegs anständig, den höchsten Gehalt als Prediger bezieht wohl Dr. Hirsch in Chicago, der ein Fixum von 12.000 Dollars bezieht. Der geringste Gehalt in einer Landgemeinde ist 1000 Dollars. Die Beamten genießen die höchste Achtung. Der Reverend ist nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, sondern auch und fast mehr noch bei den Christen respectirt. Zur Eröffnung der Legislaturperiode des Congresses in Washington wurden schon mehrmals jüdische Reverends geladen. Je nach dem politischen Werth ihrer dabei verrichteten Gebete wurden diese von der Presse gewürdigt oder todtgeschwiegen. Die meisten Prediger leiten ihre Gemeinden wie sie wollen. Mt ein wenig Pastoralklugheit geschieht alles nach ihrem Willen. Es ist ein seltener Fall, daß ein Prediger seiner Stelle verlustig wird. Man nennt die Gemeinde gewöhnlich nach ihrem Prediger. So spricht man z. B. von der Doctor Gottheils-Gemeinde, die eigentlich Emanuel- Gemeinde heißt. Das Einkommen mancher Gemeinde ist so groß, daß sie, um das Geld loszuwerden, noch einen zweiten Reverend anstellt, der dem ersten nichts thun hilft. Von der früher erwähnten Sonntagsschule läßt sich nicht viel lobenswerthes sagen — sie ist der höchste Humbug, den Christen nachgeäfft, nichts als Aeußerlichkeit, ohne den Kindern jüdisches Wissen beizubringen oder in ihnen jüdische Gefühle zu wecken. Zumeist unterrichten darin junge Dämchen biblische Geschichte und Religion. Und die ist auch darnach. Es ist gar nicht selten, daß die Lehrerin ihre Weisheit aus christlicher Quelle zieht und unbewußt fremdes Feuer auf den jüdischen Altar darbringt. Vermischtes. Wien. Dr. Adolf Jellinek, der berühmte Prediger der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, tritt am 26. Juni in sein 70. Lebensjahr. Freunde und Verehrer in Wien und in der Provinz treffen Vorbereitungen, um den Geburtstag dieses auch über die Grenzen unseres Vaterlandes gefeierten Mannes würdig zu begehen. Es hat sich zu diesem Zwecke ein Comits gebildet, und zwar soll die Feier schon im Monate Mai stattfinden. Die Feier wird sich zu einer großen Manifestation für den vielbewunderten Prediger gestalten, dem die Verehrer aus Nah und Fern ihre Huldigungen darbringen. Wie«. Fräulein Louise Heymann, welche jüngst mit großem Erfolge und unter einstimmiger Anerkennung der hervorragendsten Musikreferenten der Wiener Presse im Bösendorfer Saale concertirte, ist eine Tochter des Obercantors der großen Synagoge zu Amsterdam und eine Schwester des rühmlichst bekannten Pianisten Karl Hehmann. Dieselbe ist im vorigen Jahre an mehreren italienischen Bühnen in ersten Coloraturpartien aufgetreten und wurde überall als holländische Nachtigall gepriesen. Frl. Hey mann veranstaltet am 9. April ihr zweites und gleichzeitig Abschiedsconcert im Saale Bösendorser. Mien (gtottettetf. Goldschmidt — gestordr» ) Vorige Woche ist in Wen die Witwe des Herrn Moriz G o l d s ch m i d t, ehemals Procurist des Hauses Rothschild, Frau Nanette v. Goldschmidt, im Alter von 88 Jahren gestorben. Die verewigte Greisin hat in den früheren Decennien in Wien eine hervorragende Rolle gegespielt, ihr Haus war das Centrum der küuülerischen und wiffenschaftlichen Kreise der Residenz und die ungewöhnlichen Geistesgaben der Frau v. Goldschmidt sicherten dieser Dame die allgemeinste Verehrung. Diese Verehrung ist ihr bis in ihr spätes Alter treugeblieben und sie hat sich in den schweren Tagen bewährt, welche der Greisin in ihrem hohen Alter beschieden waren. Nacheinander verlor Frau v. Goldschmidt ihren Gatten, ihre Schwiegertöchter und ihren ältesten Sohn. Mit einem wahren Äeldenmuth ertrug sie diese Prüfungen des Schicksals und fand nur Trost in der Wohlthätigkeit, welche sie in den Tagen der Freude geübt batte und die ihr dann in den Tagen der Trauer Linderung brachten. Sie erblickte ihren Lebenslauf darin, das Elend und die Noth der Mitmenschen zu mindern, so weit dies ein Einzelner vermag, und niemals appellirte ein Hilfsbedürftiger vergebens an ihr edles Herz. Der Tod der durch solche Eigenschaften des Geistes und des Herzens ausgezeichneten Frau wird gewiß in den weitesten Kreisen Theilnahme erwecken. Wim. Am letzten Sonntag fand auf dem Döblinger Ortsfriedhofe das Leichenbegängniß der Frau Nanette v. Goldschmidt, Witwe des verstorbenen Rothschildschen Procuristen Moriz Ritter v. Goldschmidt, statt. Im Trauerhause, Opernring Nr. 6, hatten sich zahlreiche Vertreter aus den besten Kreisen Wi^ns eingefunden. Es waren erschienen unter Anderen: die geheimen Räthe v. P l e n e r und Ritter v. A r n e t h, die Hofräthe Ritter v. Klaps, Doczi und Baron Albert v. Rothschild, Baron und Baronin Königswarte r, Baron Stefan Schey, Generaldirector S. Ritter v. Hahn, Director der Creditanstalt W o l l h e i m, Landtagsabgeordneter Alfred v. L i n d h e i m, Großgrundbesitzer Dr Philipp v. Gomperz, Dr. v. A rlt, Professor St oerck u. s. w. Auf dem Döblinger Ortsfriedhof nahm Prediger Dr. Jellinek die Trauerceremonie vor. an welcher die Hinterbliebenen vier Söhne und zahlreiche Freunde in großer