Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-03 · 14 (3.4.1891) · p. Seite 248

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
14 (3.4.1891)
Date
1891-04-03
Page
Seite 248 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020862--00265-3024245
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 248 Gesterretchische Lr^ochenjchrttt Nr. 14 häuslicher Gemüthlichkeit und jüdischer Familienheiligkeit über das Ganze zu verbreiteu wußte. Herr Religionslehrer K a n i tz hat auch hier wiederum gezeigt wie ernst er es mit seinem Lehrbemfe nimmt, und daß er es als seine Aufgabe betrachtet, seinen Schülern Liebe zur Religion einzuflößen und sie zu treuen Bekennern des Judenthums zu erziehen. Wenn wir der Feier im Hause Rothschild trotz ihres privaten Charakters eine etwas ausführliche Besprechung widmen, so geschieht es deswegen, weil in unserer Gemeinde die Barmizwafeier nicht immer mit der Aufmerksamkeit und dem Ernste begangen wird, welche dieses wichtige Ereigniß im Leben des jüdischen Knaben beansprucht. Dejeuners und Diners werden genug gegeben. Von solchen aber, die zu Ehren eines Barmizwa, und zwar koscher stattfinden, hört man in den sogenannten besseren Familien, welche nicht immer die guten sind, wenig. Vielleicht wird mancher jüdische Familienvater an dem „einfachen Geschäftsmann," als welchen Herr Baron Albert v. Rothschild sich bezeichnet^ sich ein Beispiel nehmen. Wie«. (D e t a i l s v o m T a g e.) Es sind nur geringfügige Kleinigkeiten, von denen hier die Rede sein soll, aber sie sind trotz ihrer Winzigkeit so bezeichnend für das heutige Leben in der „gemächlichen" Kaiserstadt und für die moderne Art des Verkehrs vom Menschen zum Menschen, daß sie es verdienen, zur Notiz genommen und weiter erzählt zu werden. Nummer Eins: Eine Stammkundschaft betritt den Laden ihres Schusters, um ein Paar Stiefel zu bestellen. Der Auftrag wird entgegengenommen. Dann räuspert sich der Meister und sagt: „Und daß S' es nur wissen, die Stiefletten kosten acht Gulden fus'zig Kreuzer." — „Ah? Aber ich habe bisher nur sieben Gulden bezahlt." — „Freilich; aber glaub'n S', ich weiß rret, das; Sie ein Liberaler sind. Für d i e is jetzt Alles theurer bei mir Um 'n frühern Preis arbeil' i nur für Gesinnungsgenossen!" Nummer Zwei: In einem Hause in der Leopoldstadt stirbt vor wenigen Tagen der Inhaber eines im Parterre desselben Gebäudes etablirten Consumgeichäftes. Die Theilnahme der Miethparteien ist eine allgemeine, denn der Verstorbene war ein noch junger Ma m und hinterläßt eine wirklich trostlose Frau und ein Kind im zartesten Alter. Einen Tag nach dem Ableben des Gatten läßt die schmerzgebeugte Witwe Partezettel im Hause vertheilen. Alle Einwohner werden damit bedacht, nur vier Parteien nicht Diese Ausgeschlossenen sind — Juden. Trotz ihres Schmerzes konnte oder wollte die junge Witwe ihre Gesinnung oder die ihres dahingegangenen Gatten nicht verleugnen. Es ist ihr dies ums? höher anzuschlagen, als just diese vier vervehmten jüdischen Parteien die besten Kundschaften des betreffenden — heute allerdings chon weiter verkauften — Geschäftes waren. Nummer Drei: Ein Gegenstück zu den obigen Seinen. Die Frau eines im neunten Bezirk sehr bekannten Kaffeesieders läßt sich durch ein Bureau eine Bonne für ihr sechsjähriges Mädchen zusenden. Die erste Aspirantin für diese Stelle erscheint, ein hübsches, schüchternes, sehr bescheidenes Mädchen. Erst nachdem die Generalien abgefragt sind, wagt sie es die Augen aufzuschlagen. Ihr Blick durchstreift das Zimmer und bleibt plötzlich an einem Heiligenbilde hasten. Das Mädchen erröthet heftig und stammelt dann sehr verlegen: „Entschuldigen Sie, gnädige Frau. . . das Bureau muß sich geirrt haben .... und ich wußte nicht. . . ich bin nähmlich Jüdin." „Hab' ich danach g'fragt?" unterbricht sie die Dame, „was geht denn das mich an? Sie g'fall'n mir und ich nimm' Sie gern." „Tausend Dank", erwidert die Bonne, „aber erlauben Sie vorerst, daß ich meine Mutter befrage." Damit geht sie. Sie hat die Stelle nicht angetreten. Offenbar wagte sie es trotz des freundlichen Entgegenkommens nicht.Herrliches Groß-Wicn! MteN, 27. März. (Antisemitische F l u g s ch r i f t e n. Aus dem Waldviertel wird berichtet, daß der ganze Bezirk mit antisemitischen Flugschriften förmlich überschwemmt wird. Es ist bekannt, daß diese Ueberschwemmung auch anderwärts, insbesondere in Niederösterreich, über Thal und Berg gekommen. Der Verständige ist beleidigt, wenn ihm dieser antisemitische Kohl mit der Zumuthung, ihn zu lesen oder gar sich davon unterrichten zu laffen, in's Haus kommt; ein Zusender solcher Schriften fragt uns geradezu, ob es denn kein Mittel gäbe, sich dieser antisemitischen Zudringlichkeiten zu erwehren Unseres Erachtens gibt es damit nur ein Berfahrcn, wie es gegen sonstiges Ungeziefer, das die Menschen in Kleidern und Betten zu plagen pflegt, üblich ist — die Vernichtung. Wer Zeit und Humor hat, der mag sich sogar mit diesen Schriften, welche nur für die allerdümmste Dummheit berechnet sind, eine kleine Weile erlustigen. Es bleibt ja doch nichts übrig als zu lachen, wenn der bekannte Freund der Stampigliensälschungen, Mechaniker Schneider, allen Ernstes niederschreibt, daß Rothschild in Frankreich die „Weinpreise nach seinem Belieben reguliren" und das gesegnetste Weinjahr zu einem dem kleinen Weinbauer verderblichen machen kann; daß die Juden 80 Procent vom Grund und Boden in Galizien besitzen, imd daß die „Einigung Italiens" nichts Anderes als ein „Geschäft" Rothschilds repräsentirt, so daß die „italienischen Patrioten", welche für die ,,unita ltalia“ gestorben sind, nur dre Geschäfte Rothschilds gemacht haben. Gegen solchen antisemitischen Quark helfen nur aufklärende Schriften, an welchen es freilich die fortschrittlichen Parteien allzusehr fehlen lassen Da muß es heiße.l: Flugschrift wider Flugschrift! Wer übrigens die Kosten für diese antisemitischen Flugschriften trägt, das ist an den Fingern abzuzählen : Diejenigen, denen sie nützen. Den Kleingewerbetreibenden kann ein Mann wie Prinz Liechtenstein, Aristokrat und Kämpe für die Schwarzen, freilich nicht helfen, aber für die Druck- und Porto- Auslagen eines Schneider und Genossen können er und seine hochgestellte Gesinnungsfrcundschaft schon noch aufiommen. Derselbe Freund unseres Blattes, welcher uns eine so schöne Sammlung von antisemitischen Flugschriften-Ungeziefer einsendete, schloß derselben auch ein gedrucktes Schreiben „An die geehrte Wählerschaft des Landgemcinden-Wahlbczirkes Waidhofen an der Thaya-Zwettl" bei, in welchem „Georg Schönerer, Obmann des Deutschen Volksvereins" den „gesinuungstreuen" Wählern dankt, welche dort seinem Candidaten zum Siege verholfen haben. Das Schreiben schließt mit einer echten unverfälschten Schöneriade folgenden Wortlauts: „Ich kann zugleich aber nicht uinhin, denjenigen Wählern, welche sich gegen ihre bessere Ueberzeugung, als willenlose Werkzeuge der bekannten schwarzen internationalen Gesellschaft gebrauchen ließen, das tiefste Mitleid auszusprechcn und erkläre ich zugleich, daß ich für jene Individuen, welche durch niederträchtige Lügen, Verdrehungen, Verleumdungen und Schmähungen gemeinster Art den Wahlkampf auf ihrer Seite zu einer schändlichen Posse herabwürdigten, nur e in e passende Antwort weiß, das ist die — H u n d s p e i t s ch e — deren Gebrauch aber gesetzlich unstatthaft erscheint." - Wie uns mitgetheilt wird, bezieht sich dieser gedruckte Hundspeitschenknall hauptsächlich auf die „geehrte Wählerschaft" in der Gegend von Waidhofen, dessen Bürgermeister dem Candidaten S ch ö n e r e r's für den Städtebezirk, Rudolf Mayer, den Rathhaussaalfür eine Wählerversammlung verweigert hatte. Wien. In Nummer 11 d. I. erzählt die „Oesterreichische Wochenschrift" von einer eigenthümlichen Purimfeier in Tripolis. Diese Nachricht rief mir eine Begebenheit in's Gedächtniß, die in Lundenburg alljährlich am 11. Tebet sowohl im Gotteshause als durch ein Familienfest vor einem Vierteljahrhundert noch in Erinnerung wachgerufen ward. Das locale Ereigniß bestand in Folgendem: Am obbezeichneten Tage waren die einstigen frommen Väter der jetzigen Gemeinde sammt und sonders vor der Synagoge zum Abendgottesdienst versammelt. Unmuthig harrten sie in der erstarrenden Winterkälte des Pförtners, der öffnen sollte, aber trotz seiner gewohnten Pünktlichkeit diesmal auf sich warten ließ. Der Grund seines Zögerns bestand nämlich darin, daß er den Schlüssel nicht fand. Die angesammelte Menge mit 'dem Rabbiner mußten sich daher in Geduld fügeu. Plötzlich dringt aus dem Innern der Synagoge ein schrecken erregendes Getöse an das Ohr | aller Anwesenden und im selben Augenblicke kommt der Gemeindediener athemlos mit dem endlich gefundenen Schlüssel herbeigerannt. Man öffnet schleunigst die Thür und — o Schrecken! Die Wölbung war eingestürzt, eine dichte Staubwolke umhüllte den gesammten Raum des Gotteshauses, dessen Boden mit Schutt und Ziegeln ganz bedeckt war. Die Verzögerung, die unliebsame, hatte die gesammte Gemeinde vor qualvollem Tod und Verderben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.