Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 246 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 246 HeAerreichlfche Wocheufchrift Nr. 14. scheue Niemand." Nachdem noch HerrJaiteles die Candidatur des Herrn Gftorner wärmstens unterstützte, schließt der Vorsitzende um Mitternacht die Versammlung. fo« vom AvtifemMom««! Wir setzen heute die Auszüge aus der unter obigem Tsiel in.der „Linzer Tagespost" erschienenen Arttkelserie eines bekehrten Antisemiten fort. Dieselbe wird demnächst in einer separaten Broschüre erscheinen, auf welche wir unsere Leser schon heute aufmerksam machen. Der Verfasser wendet sich in der zweiten Abtheilung seiner Ausführungen der Besprechung des Antisemitismus als eines angeblichen Merkmals des extrem deutschen Nationalbewußtseins zu und sagt: „Neid ist der Miturheber des modernen Antisemittsmus wie des alten, der in grausamen Judenverfolgungen. Plünderungen und Gewaltthätigkeiten jeder Art sich Lust machte. Manchmal tönt aus den Reden der antisemitischen Führer auch wirklich dieser todschlaqlaunige blutdürstige Haß mit überraschender Naiv etät heraus, so zwar, daß man mit bestem Willen nicht mehr an die bildliche Bedeutung der angewandten Kraftworte glauben kann. Gesetzt nun, die Abneigung gegen den Judenstamm entspränge in ihrem ttefsien Urgründe aus einem vererbten Jnstincte der arischen Nattonen, so wäre hiemit doch um alles in der Welt der Antisemitismus als Parteiprogramm nicht gerechtfertigt! Appellirt nur immer an die Volksin st incte. Ihr werdet es d amit noch wunderweit bringen, so weit, daß die Ergebnisse einer mühsamen, jahrtausendelangen Culturarbeit sammt und sonders vor diesen befreiten Justincten der Masse in den Staub sinken werden. Die Parole von der Feindseligkeit und Gemeinschädlichkeit der Juden, von der Pflicht der Selbsterhaltung diesen gegenüber, ist ausgegeben, aber die Parole ist falsch! Es ist nicht wahr, daß die Juden in einem höheren Grade gegen uns feindselig und uns schädlich wären, als es die Menschen einander überhaupt sind; und es ist nicht wahr, daß wir. um unsere eigene Existenz zu erhalten, gezwungen wären, zu dem Mittel einer durchgreifenden Äusnahmsgeschqebung gegen die jüdische Race zu greifen. Wäre aber auch der Vordersatz richtig, so ist doch der Schlußsatz falsch, weil es selbst d-n strengsten Ausnahmsgesetzen nicht gelingen würde, die Juden ..unschädlich" zu machen. Denn die Geschichte des Judenvolkes von seiner Versprengung aus Palästina bis auf seine Emancipatton ist ja nichts anderes, als die Geschichte eines nnr zu Zeiten unterbrochenen Ausnahmszustandes, ohne daß es durch diese jahrhundertelange Bedrückung an seiner Zähigkeit und Widerstandskrast und an seiner unleugbaren Raceneigenart das Mindeste eingebüßt hätte. Wahrhaftig, wer die Geschichte des Judenvolkes liest, kann sich dem Eindrücke nicht verschließen, daß diese Nation — fasse dich, mein Freund! es muß heraus — mehr der Bewunderung als der Verachtung würdig wäre! Es ist wahr, die Juden wurden von dem Vorurtheile der christlichen Völker stets mit Abneigung. Verachtung und Feindseligkeit behandelt, um des Glaubens willen, und so ist es ganz natürlich, daß sie den Haß nicht mit Liebe lohnen und edler von ihren Peinigern denken konnten, als diese von ihnen; dünsten sie sich als das „auserwählte" Volk, nun, so fließt dieser Glaube ja direct aus der Religion, und das Christenthum, welches das Judenthum zur Voraussetzung hctt, wie das Kind seine Eltern, hat am wenigsten Grund, huen daraus einen Vorwurf zu machen. Inzwischen sehen wir. daß säst jede Natton. die einen gewissen Cnlturbestand erreichte, sich selbst für die beste, also gewissermaßen auserwählte hält. Du. als guter Deutscher, zweifelst nicht im geringsten daran, daß dein Volk unbedingt das herrlichste und großartigste von allen ist. während die Franzosen drüben niemals davon abzubringen sein werden, daß sie die einzige, die erlesene grande nation sind: auch der Engländer hält die fremden Nationen nicht für viel mehr als eine Art von Barbaren: Griechen und Römer thaten das Gleiche, und der echte Slave hat es in seinem nationalen Katechismus, daß die Weltherrschaft der verbrüderten panslavistischen Völker nnr eine Frage der Zeit ist. Der Auserwähltheitsdünkel der Juden, in welchem hauptsächlich ihre Feindseligkeit gegen die anderen Racen wurzeln soll, ist also kein größerer als derjenige anderer Nationen, noch dazu ist er religiösen Ursprunges. Diese Feindseligkeit, wenn ja vorhanden, qaod nego, hat jedoch, seitdem die Juden in der Diaspora leben, mangels einer einheitlichen Organisation derselben zu einem wirklichen Volke, sich niemals zu einem Machtfactor erheben können Vom Judenthume gar. solange es uur geduldet war. als einer feindseligen Macht zu sprechen, wäre tollhäuslerisch. Wenn die einzelnen Juden den einzelnen Christen durch Schacher und Wucher gefährlich oder schädlich wurden, so darf man nicht vergessen, daß ihnen jede andere Beschäftigung untersagt und der Wucher sozusagen ihr Privilegium war. Trieben sie's zu arg oder ft ach ihr Geld den Neidern in die Äugen, dann traf sie immer die g e w a l t t h ä t i g e und maßlose Selb st Hilfe der Christen, wobei allemal der volksthümliche Religionshaß mit im S p i e l e w a r. Es ist ja bekannt, daß sogar die Kirche wiederholt die Juden gegen blutige Greuel in Schutz nahm. Sie sollte auch heute dem Antisemitismus mit allen Mitteln christlicher Belehrung entgegentreten, thut es aber nicht. Der wirkliche Schaden aber, den die Juden den einzelnen Christen zufügten, hält keinen Vergleich aus mit den Plünderungen der Raubritter, den Gewaltthätigkeiten des Faust rechtes, den Verheerungen der Religionskriege, den Vermögenseinziehungen undGrausamkeiten der Inquisition (gut 300.000 Verbrannte) u. s. w. Die Juden sind dem Arbeiter, dem Kleingewerbe, dem Bauernstände, den producirenden Ständen, überhaupt der ganzen Gesellschaft und dem heutigen Culturbestande nicht feindseliger,' gefährlicher und schädlicher, als es der rücksichtslose menschliche Egoismus an und für sich, und der in Gelderwerb, Gutanhäufung und Capitalsvermehrung den einzigen reellen Inhalt des Daseins suchende Zeitgeist insbesondere sein können, aber durchaus nicht ausschließlich sind. Dieser Egoismus liegt uns als die wahre Erbsünde noch immer in den Gliedern, im Kopfe, im Herzen; nur die höchste Geistesbildung oder innigste Religiosität, die größte Strenge in der Selbsterkenntniß lehren ihn uns mühsam überwältigen. Jenem Zeitgei st e aber fröhnen sie alle, Juden und Christen, Arier und Semiten, Philo- und Antisemiten, im schönen Vereine, hätte ich bald gesagt. Der Verfasser tritt sodann der Behauptung entgegen, daß die Juden ein größeres Contingent zu Betrugsverbrechen stellen und weist nach, daß bei Verbrechen gegen das Leben die Juden in sehr viel geringerem Maße betheiligt siud als die arischen Rassen: es sei aber noch keinem Denker eingefallen, diese Hierwegen als mörderische oder todtschlägerische zu brandmarken.