Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 245 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Hesterreichischr Wochmschrist Seite 245 Wortführers der orthodoxen Juden Galiziens — ohne je doch ein Wort öffentlich sprechen zu können. Als Reichsrathscandidat krankt er leider an — Nichtwählbarkeit. Durch Erlangung des passiven Wahlrechtes könnte vielleicht dem Manne geholfen werden. Er würde dann ein Reichsrathsmandat, wenn es ihm überhaupt wirklick sollte angetragen werden, kaum mehr „aus Gesundheitsrücksichten" ausschlagen. Er würde vielmehr nach Schulze (dem bekannten Wiener Sodawasserfabrikanten und antisemitischen Candidaten der Landstraße) an die Wähler laut appelliren: „Wählet mich zur Erhaltung meiner Gesundheit!" Hoffentlich bleiben die Wünsche des frommen ausländischen Präsidenten des Österreichischen Vereines lange noch fromme Wünsche. Inzwischen hat er zum Zeitvertreib - sich eine ganz eigenartige „parlamentarische" Lieblingsbeschäftigung gewählt, nämlich den Eintritt wohlverdienter jüdischer Männer in's österreichische Parlament zu verhindern. Diesmal war die in Kolomea und Brody gegen Dr. Bloch und Dr. Byk gerichtete Agitation Schreibers von einem schmählichen Fiasco begleitet für ihn und seine freiwilligen Rettungsgesellschafter. Wohl bekomm es ihnen! Drohobycz, 30. März 1891. Alexander Schorr. Gesterreichisch-israeUtische Union. Unter lebhafter Betheiligung seitens der Mitglieder dieses Vereines, sowie einer großen Anzahl von Wählern hielt dieser Verein Samstag den 28. März d. I. seine zweite Wahlbesprechung anläßlich der bevorstehenden Gemeinderathswahlen ab. Mit Freuden muß constatirt werden, daß die schroffen Gegensätze zwischen einzelnen Wählern und Candidaten nicht mehr zum Ausdrucke kamen und gebührt jenen Wählern die angesichts der Gefahr einer antisemitischen Majorität im Gemeinderathe die Person der Sache unterordneten, der Dank der ganzen Bevölkerung. Alle Redner traten entschieden für die vom liberalen Central-Wahlcomiiö aufgestellten Candidaten ein, ein Vorgehen, welches im Interesse unserer Glaubensgenossen nur gebilligt werden kann. Nachstehend der Bericht über die Versammlung. Der Vorsitzende gibt bekannt, daß sich im Schoße der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" ein Wahlcomite gebildet hat und fordert jene Vereinsmitglieder, die sich bei den kommenden Gemeinderathswahlen als freiwillige Agitatoren betheiligen wollen, auf, ihre Adressen dem Eureau der „Union" bekannt zu geben. Herr S. Heit nimmt das liberale Central-Wahlcomitö gegen die demselben in der letzten Versammlung gemachten Vorwürfe in Schutz. Dasselbe habe die Candidaten auf Herz und Nieren geprüft und war von den Intentionen geleitet, nur streng liberale Candidaten aufzustellen. Es müssen daher, um einer eventuellen Stimmenzersplitterung vorzubeugen, alle vom Central-Wahlcomit6 aufgestellten Candidaten unterstützt werden. Anderseits gebühre allen Jenen, die sich der wenig dankbaren Aufgabe eines Gemeinderathes unterziehen wollen, der Dank der Bevölkerung, Herr R u z i z k a hält es für einen Verrath an der eigenen Sache, in so ernster Zeit von seinem Wahlrechte keinen Gebrauch zu machen. Ein besonderes Gewicht sei auf die Bezirksausschußwahlen zu legen, weil in denselben die Wirksamkeit des praktischen Antisemitismus liege. Gemeinderath Dr. Alfted Stern bespricht die traurige Thatsache, daß bei der letzten Reichsrathswahl in der Leopoldstadt circa fünfhundert jüdische Wähler von ihrem Wahlrechte keinen Gebrauch machten. Er habe an alle diese Säumigen ein Schreiben gerichtet, in welchem er denselben das Sträfliche ihrer Indolenz vor Augen hielt und sie auf die Consequenzen aufmerksam machte, die eine solche Wahlenthaltung bei den kommenden Gemeinderathswahlen nach sich ziehen würde. Dr. Stern weist auf einzelne Sectionen im Gemeinderathe hin. in welchen der praktische Antisemitismus seine Blüthen trieb, und fordert die Anwesenden auf, Mann für Mann an der Urne zu erscheinen, und eine Agitation im eigenen Bekanntenkreise zu entfalten. Dies sei eine Pflicht die jeder jüdische Wähler seiner Familie, seinen Glaubensgenossen und der Stadt, in welcher . er lebt, schuldig sei. Herr Franz Djörup, welcher sich der Versammlung als Candidat fiir den II. Bezirk vorstellte, führt in längerer Rede aus, daß der Stadt die in Aussicht genommene 30jährige Steuerfreiheit für neuerbaute Häuser nichts nützen werde, wenn die antisemitische Bewegung jedes unternehmungslustige Vorhaben zurückschrecke. Redner weist auf die Unterstützung hin, welcher sich Handel und Industrie seitens der Regierung in Ungarn erfreue. Zum Schluffe bittet Herr Djörup seine Candidatur womöglich zu unterstützen. Wähler Marcus hält Herrn Djörup ftir den richtigen liberalen Manu, welcher im Gemeinderathe den antisemitischen Ausschreitungen wirksam entgegentreten wird. Herr Fleischer hält eine antisemitische Majorität für unvermeidlich, wenn nicht jeder Wähler ohne Rücksicht auf etwa bestehende persönliche Meinungsversckiedenheiten seine Pflicht erfüllt. Herr Fleischer tritt wärmstens für die Candidatur des Herrn Dr. Heinr. F r i e d j u n q ein, welcher sich als Anhänger der deutschliberalen Partei bekannt habe. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Elias kann sich eine antisemitische Majorität im Gemeinderathe nur dann denken, wenn die Mehrzahl der liberalen Gemeinderäthe in den Sommermonaten ferne von Wien weilt, und wenn die liberale Partei im Gemeinderathe wieder zu gewissen Compromissen geneigt fein wird. Redner empfiehlt ebenfalls die Candidatur des Herrn Dr. Fried jung und gibt seinem Bedauern Ausdruck. daß so viele Juden, die schon lange in Wien domiciliren, noch kein Wahlrecht besitzen. Der Vorsitzende bemerkt hierauf, daß der Vorstand der „Union" bereits in vielen Verfammlungen ennncirt habe, daß mehrere Advocaten sich bereit erkläü haben, die Durchführung der Zuständigkeit unentgeltlich zu übernehmen, daß jedoch bisher nur sehr Wenige hievon Gebranch gemacht haben. Herr Brod gibt die Namen einiger Gewerbetreibenden, die sich als fteiwillige Agitatoren dem Wahlcomite der „Union" zur Verfügung stellen wollen, an. Herr Lector Friedmann richtete einen Appell an die jüdischen Frauen, die Männer an ihre Wahlpflicht zu erinnern. Herr B i e l i tz macht die Wähler auf die Beschaffung ihrer Wahllegitimation aufmerksam. Herr Ludwig Lang verspricht, im Gemeinderathe bei jeder sich darbietenden Gelegenheit den Antisemiten energisch entgegenzutreten. Man müsse alle Candidaten des liberalen Central-Wahlcomites unterstützen, wolle man nicht den Antisemiten die Wege ebnen. Die sieben Candidaten des 3. Wahlkörpers in der inneren Stadt seien für die künftige Majorität des Gemeinderathes entscheidend. Candidat Herr Johann Gfrorner tritt für eine Hebung des Fremdenverkehres, sowie dafür ein, daß es jedem Geschäftsmanne fteigestellt sein muß, sein Geschäft nach seinem Belieben geöffnet zu halten, Redner ist gegen jede Luxussteuer, weil derselbe vielmehr im Interesse des Handels und Gewerbes gefördert werden müsse, und weist aus den Wohlstand in Frankreich hin, welcher in dem daselbst herrschenden Luxus begründet sei. Herr Gfrorner verwahrt sich entschieden und in den schärfften Ausdrücken gegen den ihm von mancher Seite zum Borwurfe gemachten Antisemitsmus; er halte denselben für nnchristlich und seine * Religion bestehe in dem Wahlspruche: „Thue recht und