Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-03 · 14 (3.4.1891) · p. Seite 243

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
14 (3.4.1891)
Date
1891-04-03
Page
Seite 243 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020862--00260-3024240
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 14 Hekerreichifike Wochenschrift Sette 243 widmen, so daß für neue Freundschaften ihnen keine Zeit erübrigt. Und die Wenigen, die nach langen Wanderungen mit diesen griechischen Philosophen noch ein paar Jahre retten, sehen selten die Nothwendigkeit neuer Freundschaften ein. Denn was Anderes hatten diese langen Gefolgschaften Platos und Aristoteles zu bedeuten, als daß diejenigen, die ihnen nachfolgten, glaubten durch sie die Wahrheit zu erwerben. Und diese Unvoreinaenommenheit ist um so schwieriger in dem Falle, wenn diese Freunde mit einer Art religiöser Autorität bekleidet find, wo Unterwerfung und ein ehrerbietiges Berhältniß der wichttaste Factor sind. Die Geschichte Lanftancs, des Boraängers Anselms von Canterbury. gibt uns ein treffendes Beispiel für das. was diese Unterwerfung im Mittelalter bedeutete. Eines Tages, wird uns erzählt, als er noch ein einfacher Mönch war, las er bei Tische und sprach ein Wort so aus, wie es auszusprechen war. aber wie es dem ehrwürdigen Vorsitzenden nicht recht schien, der es ibn anders auszusprechen lehrte; wie wenn er z. B. äoosre gesagt hätte mit der mittleren Silbe lang, wie es richtig ist, und der Andere hätte ihn falsch verbessert döcere, mit der mittleren Silbe kurz; denn der Prior war kein Gelebrter. Aber der kluge Mann, wissend, datz Gehorsam gegen Christus ihm mehr gezieme als Befolgung des Donatus, des Gramattkers. gab seine Anssprache auf und sagte, wie zu sagen er falsch belehrt wurde; denn eine kurze Silbe lang oder eine lange Silbe kurz zu machen, wußte er. sei keine Todsünde; aber einem über ihn an Gottes Stelle Gesetzten den Gehorsam zu versagen, wäre keine leichte Versündigung. Diese Unterwerfung des großen Kirchenmannes. zu der wir auch in der jüdischen Literatur Parallelen finden können, ist mit Recht selbst von modernen Historikern bewundert worden, denn sie zeigt, wie die Autorität als Stütze der Gesellschaft und ihrer Einrichtung empfunden wurde. Mer diese Bewunderung — und wir wenden uns wieder zum Gaon — darf uns nicht abhalten, zu glauben, daß die Vorsehung sich nicht auf solche nngrammatikalische Prioren beschränkt, daß vielmehr die Männer, die in Wirklichkeit Gottes Arbeit vertreten, diejenigen find, die uns correct zu sprechen, richtig zu denken und die Dinge so zu nehmen lehren, wie sie sind, nicht wie wir wünschen, daß sie unseren Freunden zu Liebe sein sollten. Was die kritischen Mittel betrifft, auf die ich anqespielt habe, so sagte der Gaon selber irgendwo, daß Einfachheit das beste Kriterum der Wahrheit sei. und dies ist der bezeichnendste Zug seiner ganzen literarischen Laufbahn. Der Gaon studirte hebräische Grammattk, um von der Sprache, in der die heiligen Schriften niedergelegt sind, einen klaren Begriff zu haben. Er suchte zur Kenntniß der Bibel durch das Lesen der Bibel selber zu gelangen, sich nicht begnügend, ihren Inhalt ans den zahlreichen Citaten daraus in der rabbinischen Literattlr kennen zu lernen. Doch er studirte auch Mathematik, Astronomie und Philosophie, so viel er in hebräischen Werken nur finden konnte. Gewiß, der Gaon trieb diese Studien nicht um ihrer selbst willen, denn sie waren für ihn nur Mittel zum Zweck, oder wie der Ausdruck lautet, „Mägde" der Theologie, der Königin aller Wissenschaften. Aber in einer Zeit, wo die Königin Theologie in Feindseligkeit und zänkische Art gegen ihre Hilfsmägde ausartete und jede Aufmerksamkeit, die letzteren gezollt wurde, als eine Verftihrung zur Ungesetzlichkeitbettachtele, muß es schon als Fortschritt bettachtet werden, daß der Gaon diese Anklage damit beantwortete, die Königin Theologie verstehe ihre eigenen Interessen nicht. Die Kenntniß aller Künste. und Wissenschaften, behauptete er, sei nothwendig, um die Thora, die alles Wissen universell umfasse, wirklich zu verstehen. Aus seinen Schriften selber ist ersichtlich, daß er seinen Euclid ordentlich intus hatte, denn im „Ayil Meschulasch“ entwickelte er mehrere scharfsinnige, originelle Lösungen des Euclid, und auf seine Veranlassung hat ein gewißer Baruch von Sklow den Euclid in's Hebräische übersetzt. Ein anderer Weg. der den Gaon zur Entdeckung vieler Wahrheiten führte, war sein Studium der vortalmudichen Literattlr und des Talmud von Jerusalem. Einst , kam es zufällig oder sonstwie zur Sprache, daß nur der j babylonische Talmud als Wegweiser in den vrakttschen . Fragen des religiösen Lebens recipirt sei. Da die großen ' Lehrer und ihre Schüler mehr den religiösen Neigungen t ihrer Gemeinden Rechnung trugen als sich um theoretische Erörterungen kümmerten, so war die Folge davon, daß j einer der wichtigsten Theile der rabbinischen Literattlr durch | mehrere Jahrhunderte hindurch fast ganz vernachlässigt wurde. Und es war in der That keine Uebertreibnng. wenn R. Ettah sagte, daß selbst die Gaonim und Maimonides, beschäftigt um die praktische Seite des Gesetzes, wie sie waren, dem Talmud von Jerusalem und der Tosifta keine genügende Beachtung schenften. Der Gaon war nun kein osficielles Haupt irgend einer jüdischen Gemeinde und von Entscheidungen das tägliche Leben betteffend (Halacha lemaaseh) daher nur wenig belästigt. Er war also in einer Lage, die ihn beqünsttgte. für eine kleine Weile den babylonischen Talmud zu verlassen, um mit den Führern des Führers bekannt zn werden, ich meine mit den Werken Sifra, Sitte, Mechilta. Tosifta, dem Seder Olam, den kleineren Tractaten und vor Allem mit dem Talmu dvon Jerusalem, der. hiftorisch-krittsch betrachtet, selbst von größerer Wichtigkeit ist als sein babylonischer Zwillingsbruder. Aber dadlttch fiel ein neues Licht aus das Ganze der alten rabbinischen Literatur. Die Worte der Thora, sagt die Mischnah. find arm an einer Stelle, aber wir finden sie reich an einer andern Stelle. Bei seiner Bekanntschaft mit dem Ganzen der Thora hatte der Gaon keine Schwierigkeiten diese reichen Stellen zu entdecken. Gab es eine schwierige Stelle in diesem oder jenem Tractate, so zeigte er. aus irgend eine andere Stelle hinweisend, daß hier gewisse Worte oder Zeilen fehlten. Dunkle Stellen in der Mischnah suchte er durch parallele Stellen in der Tofiifta aufzuhellen. Die allzu verwickelten Conttoversen des babylonischen Talmuds suchte er durch Vergleichung mit dem älteren und einfacheren Talmud von Jerusalem zu erklären. Ueber die persönlichen Lebensschicksale des Gaons find wir nur äußerst dürftig unterrichtet. Selbst das Datum seiner Verheirathung mit einer gewissen Anna von Kaidan ist von seinen Biographen unerwähnt geblieben. Mer man kann es für sicher annehmen, daß er nach der Sitte in Polen in einem sehr frühen, sagen wir im Alter von achtzehn Jahren heirathete. Auch war er noch ein junger Mann, als er — man kann nicht sagen wozu, denn der Gaon war nicht der Mann, um zum Vergnügen zu reisen, aber nach aller Wahrscheinlichkeit. um die großen Rabbiner dieser Länder kennen zu lernen — für mehrere Jahre Polen und Deuttchland bereiste. Es ist auch möglich, wie andere behaupten, daß der Gaon die vielen Entbehrungen, die ein Reisender vor 150 Jahren zu erdulden hatte, als eine Sühne für seine eingebildeten Sünden bettachtete. (Fortsetzung folgt.) Ign. K. Schreiber, btv „Gideshelfer". Infolge einer im Morgenblatte der „Neuen Fr. Presse" vom 20. März erschienenen Lemberger Korrespondenz, welche den Obmann des „Machsike-Hadass" Schreiber als Wortführer der orthodoxen Juden Galiziens und als Drohobyczer Rabbiner bezeichnete. sah ich mich vor Allem als Mitglied des Drohobyczer Cultusrathes im Interesse der Ehre unserer Cultusgemeinde veranlaßt, die letztgedachte Bezeichnung aus gleichem Wege öffentlich wahrheitsgemäß dahin zu berichttgen, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.