Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 242 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Geste i42 Hesterreichische Mochmschrfti Mc. 14. Ich sagte, sein Kennzeichen ist Wahrheit; aber er war auch der beiden anderen Eigenschaften nicht bar. Ein Leben, so ganz einer großen Idee geweiht, wie sie das Suchen der Wahrheit dar stellt, ist an und sür sich ein ideales und harmonisches. Nur hat sein Einfluß aus das Judenthum — hauptsächlich aus die Juden im europäischen Norden — jenen Zug in seinem Leben hoch über seine anderen bewunderungswürdigen Eigenschaften erhoben. Worin diese Wahrheit bestand, wie der Gaon zu ihr gelangte und wie er sie den Andern übermittelte, soll der Verlauf dieser Vorlesung zeigen. R. Eliah wurde im Lahre 1720 in Wilna geboren. Sein Vater Salomon Wilna, von den Biographen des Gaon der große Rabbi Salomon genannt, wird als Nachkomme R. M o s e R i v k a s des Verfassers von „Beer Hagolah" (Notizen zum Schulchan Aruch enthaltend) angegeben. Die Biographen, von denen ich spreche, sind Finn in seinem Buche „Kirjah Neamanah (Beschreibung der Berühmtheiten Wilnas) und Nachman von Horodna in seinem Buche „Aliach Eliah"; sie sind zugleich die Einzigen, von denen der Gaon in einem biographischen Denkmal verewigt wurde. Die Biographie des Ersteren ist würdig, nur etwas zu kurz gehalten, die des Letzteren zu lang oder richtiger mit zu viel von jener Art von abgeschmacktem Fabelwerk untermischt, dessen Gewährsquelle unfähig ist die Grenze zwischen dem übermenschlich Großen und dem Heldenmäßigen zu ziehen. Auch das rein Imaginäre sollte nie jene weise Grenze überschreiten, die ihm einer unserer größten Gelehrten in einem verwandten Gebiete einräumte. „Wer von seinem Studium die Frage von Hoch und Niedrig ausschließt," so bemerkt dieser Gelehrte, „entweiht es zu einem bloßen Mittel seine Neugierde zu befriedigen und macht es unsähig die hohe Ausgabe zu erfüllen, zu der es sür die moderne Gesellschaft berufen ist." Schließen wir uns also an das Höhere und verweilen wir bei dem Heros. Unser Heros war von fünf Brüdern der Erstgeborne Sie waren Alle berühmte Männer in ihrer kleinen Welt. Nach der Ueberlieferung in Wilna war Eliah ein allerliebstes Kino mit schönen Augen und „gut zum Anschauen," oder wie es anderswoheißt „schön me ein Engel." Die Tradition oder vielmehr die Sage erzählt, daß er als Kind von sechs Jahren bereits der Liebling Rabbi Moses Margalith war, des berühmten Verfassers des Commentars zum Talmud von Jerusalem „?6üe Rosette." Zu sieben Jahren soll er durch sein polemisches Geschick in talmudischen Fragen bereits den Oberrabbiner seiner Vaterstadt oerbufft haben. Zu neun Jahren war er schon mit dem Inhalt der Bibel, der Mischnah, des Talmuds und der älteren Kommentare vertraut; selbst die kabbalistischen Werke R. Isaak Lurias waren mehr kein Geheimniß für ihn. Im Alter von zwölf Jahren war er schon im Besitze der sogenannten sieben Wissenschaften und soll die Gelehrten Wilnas mit seiner astronomischen Gelehrsamkeit in Erstaunen gesetzt haben. Zur Bar Mitzwah war er der fertige Gaon. So sagt es die Tradition, aber ich fürchte, sie gibt hier die Daten wider alle Erfahrung zu genau. Immerhin ist so viel mit Sicherheit zu entnehmen, daß das Kind Eliah alle Anzeichen sür den künftigen Gaon verrieth und daher als das Wunder seiner Zeit betrachtet wurde. Auch mag es richtig sein, daß Niemand sich berühmen konnte, Eliah Lehrmeister zu sein, insofern er an keine Schule sich binden, von keiner Beeinflussung und keinerlei Borurtheilen seiner Zeit sich leiten ließ und seinem eigenen Weg im Kampfe um die Wahrheit Bahn brach. Es ist leider ein unvermeidliches Uebel, daß der Geschichtsschreiber oder der Biograph durch die Fülle von Parallelen und Contrasten, an denen die Geschichte so reich ist, sich versucht suhlt, indem er die Größe gewisser Männer hervorheben will, wenn auch leicht und schonend, die Kleinheit der Andern zu berühren. Und es ist ja nur natürlich, daß die kleineren Lichter von jedem stärker leuchtenden Objecte in ihrer Umgebung in den Hintergrund gestellt und ein wenig verdunkelt werden. So können auch wir dem schmälernden Hinweis auf die Zeitgenossen und Vorgänger des Gaons nicht entgehen, indem wir seine Ueberlegenheit vor diesen zur Sprache bringen. Um kurz anzugeben, worin diese Ueberlegenheit bestand, will ich hier einige Worte aus einem Responsum des Gaon Rabbi Hai, eines der großen Vorgänger. R. Eliah Wilnas, vorausscyicken. Von einem Wißbegierigen über die Bedeutung gewisser dunkeln Stellen im Tractat Chagigah befragt, schreibt R. Hai dem Fragesteller, die Warnung ertheilend, er möge nicht eine lange philosophische Dissertation von ihm erwarten, wie folgt: „Wisse, daß es niemals unsere Sache war, die Dinge zu beschönigen und ihnen einen Sinn beizulegen, an den ihr Urheber niemals gedacht haben konnte. Das mag bei Andern zum guten Ton gehören, aber unser Weg ist es, die Worte dieses oder jenes Tanna mit seiner eigenen Ansicht in Uebereinstimmung zu bringen, ohne uns selber dafür einzusetzen, daß diese Ansicht an und für sich richtig, eine Halacha ist, denn es gibt Mischnajoth, die nicht als Halacha acceptirt werden können". So weit die vielsagenden Worte des Gaons aus dem 10. Jahrhundert, die zugleich den Weg bezeichnen, den auch der Gaon aus dem 18. Jahrhundert einschlug und den Gesichtspunkt darstellen für all seine Bemühungen, den wahren Sinn der Mischnajoth, die wahre Bedeutung der Gemara, die wahre Ansicht der Gaonim, die wahre Absicht der großen Gesetzgeber, das wahre Verständniß der Erklärer der alten rabbinischen Literatur zu ergründen. Ob es eine Halacha war, was diese Meinungen besagten, war für ihn Nebensache. Er wollte nur die Worte seiner Vorgänger verstehen, und das gelang ihm, wie wir bald sehen werden, durch die besten Mittel der Kritik. Das war seine Richtschnur, während die Andern, wenigstens der größte Theil der Gelehrten, von ganz verschiedenen Erwägungen ausgingen. Für sie war Alles, was diese oder jene Autorität behauptete, eine Halacha, die nicht umgestoßen werden durfte; denn daß sich ein Großer zuweilen irren könne, war bei ihnen eine ausgeschlossene Idee. Nun denken Sie sich den Fall, ein solcher Großer, wie etwa Maimonides, hätte eine wichtige Stelle im Talmud oder irgend eine Auseinandersetzung einer großen Autorität übersehen, so blieb ihnen die Alternattve entweder die Stelle im Talmud wegzudeuten oder den Worten des Maimonides eine ftemdartige Meinung unterzuschieben. Dies führte von Haus aus zu der berüchtigten Methode des Pilpul, einer Art geistiger Gymnastik, welche R. Lima aus Prag und viele Andere als eine Gefahr für das Judenthum und eine Verleitung zum Abfall vom Studium der Thora verdammten. Ohne Zweifel ist die Methode der beiden Gaonim die einzig richtige, und es ist nur eine Pflicht der Gerechtigkeit einer Schule gegenüber, wie die populistische, in der so viele große Namen in Israel einbegriffen sind, daran zu erinnern, daß diese Unvoreingenommenheit, wie sie von unserem Heros anerkannten Autoritäten gegenüber gepflegt wurde, durchaus keine so leichte Sache ist, wie wir glauben möchten. Ost wird mit großem Pathos der berühmte Satz citirt: „Amiciß Plato, Amicus Socrates, sed magis amica veritas. — Plato ist unser Freund, Socrates ist unser Freund, aber die Wahrheit ist — oder sollte es sein — unsere größte Freundin". Das klingt wohl sehr schön, aber stellen wir uns nur die Schwierigkeiten vor, die damit verknüpft sind. Ein Freund des Socrates oder Plato zu fein, bedeutet sie zu kennen oder mit anderen Worten eine gründliche Kenntniß der Schriften des Einen und der überlieferten Aeußerungen des Andern zu besitzen. Aber eine solche Kenntniß kann bei den Meisten nur dadurch erlangt werden, daß sie ihr ganzes Leben dem Studium dieser Werke