Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 241 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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S. i4 Hesterreichische Wochenschrift Seite 241 Die galizischen Rabbiner fordern aus religiösen Motiven eine strenge Aufsicht bei der Herstellung jeder Art von künstlichen Nahrungsmitteln. Eine solche Aufsicht ist nun, wie die rabbinischen Gutachten constaliren, beim Franck-Kaffee nicht vorhanden. Die Firma Franck und Söhne hat jedoch den galizischen Rabbinern andere als religiöse Motive für ihre Entscheidungen unterschoben. In einem Berichte der Linzer Handelskammer, zu deren Competenzkreis die Firma Franck und Söhne gehört, werden alle Rabbiner in Galizien beschuldigt, daß dieselben nur im Interesse der land-einheimischen jüdischen Cichorie-Fabrikanten den Franck- Kaffee vom galizischen Markte ausschließen wollten, daß sie „durch klingende Ueberredung" hiefür gewonnen wurden, daß sie den; Talmud plündern, mn der Verdächtigung einen religiösen Untergrund zu geben." Die Firma Franck und Söhne hatte sich außerdem noch an das k. u. k. Handelsministerium gewendet, allerdings ohne einen Erfolg zu erzielen. Dieser Mißerfolg ist auch sehr begreiflich. Die Anklagen der genannten Firma gegen die galizischen Rabbiner sind eine Verleumdung der schamlosesten Art. Die Männer, welche an der Spitze der orthodoxen Judenschaft in Galizien stehen, mögen dem Begriffe moderner Aufklärung nicht entsprechen, in dem einen Punkte aber sind sie gewiß unantastbar, daß sie streng redliche Charaktere und von tiefer, wahrhafter Frömmigkeit durchdrungen sind. Ihr Glaube und ihr Beruf schließt jeden Verdacht einer absichtlichen Lüge oder Täuschung aus. Ihre Entscheidungen sind ausschließlich von der Sorge um das Seelenheil ihrer Glaubensgenossen dictirt. Es ist eine nichtswürdige Verdächtigung, wenn die Firma Frank und Söhne behauptet, daß die galizischen Rabbiner durch „klingende Ueberredung" gewonnen sind. Wären diese Hüter des Glaubens thatsächlich einer Bestechung zugänglich, dann würde die kapitalskräftige Firma Franck und Söhne längst in der Lage gewesen sein, dem einen oder andern von ihnen zu gewinnen und so das einrnüthige Urtheil der galizischen Rabbiner über die rituelle Unzulässigkeit des Franck-Kaffees aufzuheben oder abzuschwüchen An Versuchen hiezu dürfte es die genannte Firma nicht haben fehlen lassen, nachdem sie ja sonst alle Mittel angewendet hat, um ihr Fabrikat dennoch unter den galizischen Juden einzubürgern. Ist sie doch sogar soweit gegangen, einen der berühmtesten Rabbiner, Halber st ammvonSienawa, vor Gerichtzuverklagen. Dieser Rabbiner, ein Mann von hoher Autorität, hat die Reise nicht gescheut, um die Fabrikation des Frank-Kaffee mit eigenen Augen zu sehen. Das Resultat seiner Reise war, daß er neuerdings das Fabrikat verboten und er wurde deswegen — vor Gericht belangt. Diese Klage verlief allerdings ebenso resultatlos wie die Beschwerde beim Handelsministerium. In jüngster Zeit wurde endlich der Versuch unternommen, den Franck- Kaffee von auswärts zu empfehlen und gegen die Autorität der galizischen Rabbiner eine andere Autorität in's Treffen zu führen. Das klägliche Fiasko dieses Versuches hat jedoch gezeigt, daß die Vertrauenswürdigkeit der gegen die heimischen Rabbiner ausgespielten Persönlichkeit unter den galizischen Juden eine sehr geringe ist. Solange nun der unanfechtbaren Analyse des Berliner Laboratoriums nicht ein anderes wissenschaftliches Gutachten gegenübersteht, bleibt das erstere in Kraft und besteht die Besorgniß, daß zur Bereitung des Franck- Kaffees Schweinefett verwendet wird. Aber noch ein anderes Moment kommt bei diesem ganzen Streite in Betracht. Die Firma Franck und Söhne hat die nichtswürdigste Denunciation gegen die Häupter der galizischen Judenschaft geschleudert. Eine Firma, die durch solche Mittel der Verhetzung und mit antisemitischen Schlagworten arbeitet, hat jeden Anspruch auf das Vertrauen der Juden verwirkt und sie selbst sollte Anstand nehmen, noch auf die von ihr so schamlos beleidigten jüdischen Consumenten zu reflectiren. Für jede gewissenhafte jüdische Hausfrau ist das Urtheil der galizischen Rabbiner über die rituelle Unzulässigkeit des Franck- Kaffees ein Zeugniß von unanta st barer Autorität. Kabbi Gliah Wilna Gaon. Bon S. S ch e ch t e r. (Vortrag gehalten in der literarischen Gesellschaft des Jews College am 9. Februar 18 90). Uebersetzt von Ignaz Kaufmann (Kojetein). Die drei großen Sterne der deutschen Literatur werden von den deutschen Gelehrten gewöhnlich in folgender Weise charakterisirt: Göthe nennen sie den Vertreter der Schönheit, Schiller den des Ideals, Lessing aber den Vertreter der Wahrheit. Wir können dasselbe von den drei großen Leuchten des scheidenden jüdischen Mittelalters, welches nach einer Bemerkung Zunzens erst mit dem Beginne der neueren Zeir des Judenthums, dem Anfang des 18. Jahrhunderts endete, von Mendelssohn in Deutschland, Israel Baalschem, dem Gründer der chassidischen Secte, in Podolien und Eliah Wilna, hüusiger zubenannt der Gaon d. h. der Große, in Littauen anwenden. Was Mendelssohn betrifft, so wurden seine Verdienste um die Erweckung des unter den Juden seiner Zeit fast vollständig eingeschlummerten Sinnes für das Schöne und Harmonische in einem an dieser Stelle gehaltenen Vortrage unseres ehrwürdige», gelehrten Herrn Vorsitzenden in beredter Weise geschildert. Die Geschichte des Zweiten, Israel Baalschems, hat ein besonderer Vortrag, den ich hier vor Ihnen zu halten die Ehre hatte, zum Gegenstand gehabt. Nun wird es Rabbi Eliah Wilna sein, mit dem ich Sie jetzt beschäftigen werde, er, der wie Lessing unter den Deutschen, in unserem Stamme als Vertreter der Wahrheit durch sein Leben und seine literarische Thätigkeit zu bezeichnen ist. Als Vertreter der Wahrheit, sagte ich. eum grano salis verstanden. Denn nicht, datz er die ganze Wahrheit, noch daß er sie ausschließlich besessen, will ich gesagt haben. Denn wohl war der Gaon, wie Sie im Verlaufe dieses Vortrages sehen werden, ein Genie ersten Ranges; aber im Gebiete des Wahren gibt es Dinge, die das Genie allein nicht erreichen kann. Rabbi Eliah Wilna konnte keine andere Sprache als die hebräische. Wahrheiten, die ihm andere Sprachen hätten vermitteln können, blieben daher für ihn ein Geheimniß, und wie der Scharfsinn nicht immer die Geheimnisse ergründet, die in den Schachten entlegener Bibliotheken oder unter den Ruinen verflossener Culturen verborgen sind — selbst den Begabtesten sind ja die Schütze, die mit Hilfe von Spaten und Schaufel und dem Kiel obscurer Abschreiber ans Licht kommen, hierzu unentbehrlich — lebte der Gaon gerade in einer Zeit, wo für semitische Studien durch Ausgrabungen noch wenig zu Tage gefördert wurde und wo einem Juden kaum noch die großen Bibliotheken Europas zugänglich waren. So blieben seinem Seherauge die Quellen gar mancher Wahrheiten verschlossen, zu denen uns heute mühelos der Weg gebahnt ist. Hätten aber auch alle Bibliotheken der Erde ihm freigestanden, >nüren alle die Keilinschriften, die das Britische Museum schmücken, von ihm gelesen, all die Hieroglyphen, die der Louvre besitzt, von ihm entziffert worden, ihn uneingeschränkt als Repräsentanten der Wahrheit zu bezeichnen, wäre auch dann nicht gerechtfertigt. Unsere alten Rabbinen sagen: „Wahrheit ist der Stempel des Hochheiligen, gelobt sei Er." Aber dieses große Siegel hat der Himmel noch keinem Kanzler übertragen, weder Menschen noch Engeln ist es anvertraut. Doch mögen sie immerhin nach diesem Schimmer greifen oder darnach ausholen; schon Solches vergöttlicht das Leben, setzt es mit Gott in Verbindung, und das Leben des Gaon war solch ein Bemühen, ein rastloses Streben nach Wahrheit.