Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 232 (sequence 10)
- Language
- German
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Helle 232 Hesterreichilche Mchenschrift Rr.!3. sie gebieten, und man muß sich zufrieden geben, wenn man nur — vulgariter ausgedrückt — in Ruhe gelassen wird. Wir müsien uns glücklich schätzen, wenn man nur die edle Pflicht der Gerechtigkeit gegen uns erfüllt. In welcher Weise Goß 1 er und Windthorst dieser Pflicht nochzukommen suchten, ist einer Betrachtung nicht unwerth. Die Geschmeidigkeit des Geistes, die an dem Cultusminister auf der einen Seite gerühmt, auf der andern getadelt wird, diese Eigenschaft, wegen derer man auf ihn das Motto münzte: „Hier stehe ich; ich kann auch anders", hat es zu Wege gebracht, daß man sich vergeblich bemüht, in seiner Stellung zur sogenannten Iudenfrage einen zielbewußten, folgerichtigen Standpunkt zü erkennen. Derselbe Minister, der trotz des Gezeters de» Schwarzmantelpresse, die von den Universitäten Halle und Königsberg gewählten jüdischen Rectoren bestätigte, derselbe Minister hat bei seinemRücktritt erst den jüdischen Philologen, die sich zur Gymnasialthätigkeit vorbereiteten, einen Hoffnungsschimmer anfdämmern lassen, daß sie nicht ewig in der Candidatentracht werden zu schmachten brauchen. Er konnte es nicht begreifen, wie ein Geschichtslehrer mosaischer Confession seinen Schülern die Culturbedeutung der Reformation darstellen kann. Als der Ex - Hofprediger im vorigen Jahre in zärtlicher Besorgniß für das urteutonische Germanenthum das Ueberhandnehmen der jüdischen Schüler auf den höheren Schulen im Abgeordnetenhause zur Sprache brachte, da sah man Se. Excellenz an drei Tagen auf drei verschiedenen „Zweigen Hüpfen". Am ersten Tage war er ganz auf Stöckers Seite, am zweiten machte er schon Einschränkungen, und als im Herrenhause die Sache zu dem famosen Antrag Pfeil formulirt wurde, da war er fast ablehnend. Das Ergebniß: Der gegangene Cultusmmister war nicht der Mann, zur Versöhnung der Confessionen beizutragen und einen Status zu schaffen, welcher der Cultur des deutschen Volkes und den Toleranzideen des neunzehnten Jahrhunderts angemessen war. Ein anderes Bild zeigt W i n d t h o r st in seiner Stellung zum Judenthum. Sein Standpunkt ist genügend gekennzeichnet, wenn man sich sein Verhalten in der Interpellation Hänel vergegenwärtigt, welche am 20. und 22. November 1880 im preußischen Abgeordnetenhaus zur Verhandlung kam. Ihm war nicht eine so weitgehende Macht gegeben, als dem Cult'lsminister, wenn auch seine Weisheit und besonnene Mäßigung bewirkte, daß sein Wort allenthalben respectirt wurde. Gemäß seiner auch sonst beobachteten UtUitäßpolmk suchte der fein berechnende Staatsmann bei jeder Gelegenheit, und so auch bei der Judenftage, für seine Katholikenpartei Propaganda zu machen. Aus diesem Grunde warf er die Agitation gegen Inden und Katholiken in einen Korb, und wollte, daß man nicht von einer Hetze gegen jüdische Mitbürger, sondern gegen „jüdische und katholische Mitbürger" rede. Aber trotz alledem, sein besonnenes Wesen und sein kluges Verhalten ließ ihn niemals die Schranke der Gerechttgkeit verlassen. Einen wahrhaft wohlchuenden Eindruck gewährte seine damalige Rede, als er mit der bei ihm seltenen Emphase erklärte: „Die Erscheinungen, über welche wir in der Presse klagen, fallen nicht den Juden zur Last, die an dem Glauben ihrer Väter festhalten, und welche die Gebote achten, welche unter dem Donner von: Sinai verkündigt worden sind, sie fallen demjenigen Theile zur Last, welcher ungläubig geworden ist, den ungläubigen Christen die Hände reicht, und so gemeinschaftlich über dos positive Christenthum, in welcher Gestalt es ihnen auch entgegentritt, hersällt; und wenn wir.uns über diese beklagen, so müssen wir dieselben nicht als eine jüdische, sondern als eine ungläubige Gesellschaft bezeichnen, die uns also behandelt." Das waren goldene Worte, welche verdienten, daß man dieselben sich einschärfe und beherzige, nicht nur in Deutschland, sondern auch innerhalb der schwarzgelben Grenzpfäle. Dann brauchte die herrliche Kaiserstadt an der Donau nicht an dem gefährlichen Uebel zu kranken, dann brauchte sie nicht den traurigen Ruhm zu besitzen, die Hochburg der Glaubenshetze zu sein, einem Ruhm, welchen sie sich durch die letzten Wahlen nicht hat nehmen lassen. Der niederschlagende Eindruck, den das Ergebniß der österreichischen Reichsrathswahlen hier hervorgerufen, wird nur gemildert durch die Wiederwahl des wackeren Streiters Dr. Bloch in Kolomea-Buczacz-Sniatyn. Ein kräftiges Glück auf! aus vollem Menschenherzen wird ihm und seinen Mitkämpen von allen Seiten zugerufen. Möge er die Kraft haben, sein Amt auch zum Wohle unserer Glaubensgenossen zu verwalten! Die Wiener Wahlen haben den Antisemiten, denen es eine Zeitlang an Stoff fehlte, außer daß sie die Mitglieder des Anti-Antisemitenvereins mit ihrem Geifer besudelten, wieder Gelegenheit gegeben, in einem antisemitischen Kneiplocal sich an den witzreichen Reden ihrer Führer zu belustigen. Stöcker sprach unter dem Jubel seiner Getreuen über die Bekämpfung des Judenthums in Wien und Berlin, eine Parallele und ein Gegensatz. Mit einem jubelnd aufgenommenen Hoch auf Stöcker wurde die Versammlung geschlossen", so meldet die Kreuzzeitung. Wer hätte daran auch gezweifelt! Der Frühlingswind streicht durch das Land, ob er wohl einen „neuen Cours" herbeiführen wird? Durch die Zeitungen geht die Nachricht, daß „Luthers Tischreden" von der Censur in Wien nach §§ 303 und 5,16 wegen Vergehens der Religionsstörung und Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit conflscirt worden sind. Die judenfeindlichen Stellen in diesen Reden werden höchstwahrscheinlich für das von Humanität und Menschenduldung überströmende Herz des Censors eine zu starke Dosis enthalten haben. War dies der Grund der Confiscation, dann vivat sequens! Hoffentlich schreckt uns eine weitere Mittheilung aus diesem Traum von dem Glauben an das Menschengeschlecht nicht unsanft auf. Dr A. Löwenthal Vermischtes. Me«. (Oesterreichisch-israelitische Union.) Samstag den 28. März, 7 Uhr Abends, findet im Restaurant K h u n e r, I. Börsegasse 14, eine Vereinsversammlung statt. Tagesordnung: 1. Mittheilungen des Vorstandes; 2. Besprechung der Gemeinderathswahlen; 3. Anträge und Interpellationen. Der Eintritt ist nur Vereinsmitgliedern und den von solchen eingeführten Gästen gestattet. Men. Ueber den famosen Präsidenten des Vereines „Machsike hadas“, mit dessen destruttiver Wirksamkeit wir uns leider wiederholt beschäftigen müssen, erhalten wir aus Drohobycz nachstehende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! Ein im gestrigen Morgenblatte der „N. Fr. Presse" aus Lemberg vom 19. d. M. veröffentlichtes Original- Telegramm berichtet, daß der von dem Lcmberger Cultusvorstande der Enqutzte vorgelegte Entwurf eines Musterstatutes für die Cultusgemeinden von der orthodoxen Judenschast bekämpft wird, deren Wortführer — wie der gedachte Drahtbericht hinzufügt — der Droh ob yczer Rabbiner S chreiber war. Als Mitglied des Drohobyczer Cultusrathes ersuche ich Sie, geehrter Herr Redacteur, zu berichtigen, daß der in Drohobycz wohnhafte Privatier Schreiber, der schon bei öfteren Gelegenheiten außerhalb Drohobycz sich als Drohobyczer Rabbiner ausgab, wederDrohobyczer Rabbiner, noch überhaupt Rabbiner ist.