Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 231 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020861--00247-3024226- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9td 13 Hesterreichische Wochmfchrtst Sette LSI Der Angeklagtem erzählt, daß er am Bahnhofe zu D r e ß l e r gesagt habe: Eie sind ein Dieb! Ein Schuft! Dr. El bogen (zu Dreßler): Wurden Sie . . . — Dreßler (unterbrechend): Auf Ihre Fragen zu antworten, bin ich nicht verpflichtet. Dr. E l b o gen: Dann wird Sie der Herr Richter eines Besseren belehren. Sie sind verpflichtet. Rede zu stehen! Wurden Sie beschimpft? Dr. Lueger: Ich spreche mich gegen die Zulaffung dieser Frage aus. Dr. E l b o g e n: Ich kann nicht darauf verzichten. Wenn mein Klient thatsächlich Dreßler mit den Worten „Dieb" und „Schuft" belegt und er als Ministerialbeamter und Officier darauf nicht reagirt hat, so wirst das ein bedeutsames Licht auf die Sache. Richter: Ich lasse die Frage ohne Weiteres zu. Dr. E l b o g e n: Also, Herr Dreßler, wurden Sie geschimpft? Zeuge (zögernd): Ich wurde nicht geschimpft. Richter : Also Sie leugnen diesen Um st and. Die Zeugen, der 18jährige Handluugspraktikant Karl Groß und der 16jährige Realschüler Karl B u g i e l, welche Begleiter Dreßlers waren, sagen unter Eid aus, daß Dreßler mit Schimpfworten vonSpitzer belegt worden sei. Der nächste Zeuge Moritz Spitzer, der Vater des Angeklagten, bestätigt unter Eid die Aussage seines Sohnes. „In der Halle nannte mein Sohn Dreßler einen Dieb und Schuft, ich schrie ihm zu, er sei ein Feigling und nnanständig." Das Plaidoyer Dr. Elbogens beschäftigt sich in hervorragendem Maße mit der Person des Priatklägers. Dreßlerhabe auf eine bestimmte Frage, ob ermitDiebund Schuft beschimpft worden sei, m i t „N e i n" geantwortet, u n d s e l b st die Zeugen seiner Pa rteirichtung hätten direkteSchimpfworte gehört. . „Ich kann," sagt Dr. E l b o g e n „meine Ausführungen nicht schließen, ohne meinem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, daß derartige Vorkommnisse überhaupt möglich sind. Es sind die reifen Früchte an dem Baume der von gew i ssen l o serSeite geschürten und systematisch g e p flegteu Bolksverhetzung." Das Urtheil lautet auf d r e i T a g e A r r e st s. Mroßnitz. In der vorigen Nummer dieses Blattes wurde bereits über die . von Seite des Herrn Heinrich B a ck. Mitgliedes der Olmützer Handels- und Gewerbekammer, in der letzten Sitzung dieser Körperschaft im Namen der deutschen Partes angehörigen jüdischen Kaufmannschaft erhobenen Beschwerden über die von czechischer Seite veranstaltete Agitation, welche vollkommen geeignet ist, diese Kaufmannschaft von Proßnitz zu Grunde zu richten, Mittheilung gemacht. Die „Olmützer Zeitung", das Organ desCordinal-Fürst erzbisch of es. bespricht nun ebenfalls diese Angelegenheit und zwar vom Standpunkte des Antisemitismus aus. Den jüdischen Kaufleuten geschieht es nach der Ansicht des klerikalen Blattes ganz recht, wenn sie von den Czechen drangsalirt werden. Wir lassen nachstehend die Aeußerungen der „Olmützer Zeitung" über die von Herrn Heinrich Back in der letzten Kammersitzung erhobenen Beschwerde folgen. Das genannte fürsterzbischöfliche Organ schreibt: „Der liebe Herr Back flehte die Handelskammer um Hilfe an für die bedrängten jüdischen Geschäftsleute, und die löbliche Handelskammer ließ sich wirklich herbei, durch den Mund des Herrn Bügermeisters von Engel ihre Entrüstung über das Beginnen der schlimmen Czechen in Proßnitz auszusprechen und bei dem Ministerium zu Gunsten der Juden zu interveniren. Die löbl. Handelskammer stellt sich wahrscheinlich vor, die böhmischen Käufer sollten von Amtswegen durch eigene Organe in die jüdischen Geschäftsläden geschleppt werden. Da sieht man die Herren Juden in ihrer ganzen Nacktheit. So lange das Volk dumm ist-yud Geld ihre in Geschäfte trägt, wird es verhöhnt und in seinen heiligsten Gefühlen und Interessen, verletzt.. Wendet sich daß Volk von ihnen ab, dann laufen sie zur Polizei Nach beiden Richtungen hin ist es der Uebermuth, der die Handlungen der Juden bestimmt." Was sagt seine Eminenz der Cardinal-Fürfterzbischof zu diesen vom heftigsten Judenhaß dictirten Auslassungen seines Leibblattes? Kokomea, 18. März. Unsere Hoffnungen, daß die Gemüther sich endlich besänftigen werden, wurden leider bis jetzt nicht erfüllt. In T u r k a. und S l av c e find wieder arge Ausschreitungen vorgekommen. In der Nacht vom 17. auf den 18. wurde die jüdische Colonie in Turka bei Kolomea durch Bauernbanden arg an Leib und Vermögen geschädigt. Verflossene Nacht wurden im Dorfe Sopor den Juden alle Fenster eingeschlagen, wobei es jedoch wenigstens zu keinen Mißhandlungen gekommen ist; dagegen ereigneten fich hier auf der Vorstadt Mnichürka Excesse ärgerer Natur. Die Excedenten begnügten sich nicht mit dem Einschlagen der Fenster, sie mißhandelten die Juden und raubten in einem Schankhause Branntwein und Brot. Außerdem werden einzeln reisende Juden überfallen, mißbandelt und beraubt. Die ganze Bewegung nimmt einen schlimmen Charakter an. Unter dem Volke ist das Gerücht ausgestreut, daß die Juden vom Kaiser für drei Monate als vogelftei erklärt wurden. Man vermuthet, daß russische Agitation dabei im Spiele ist. Es bandelt sich bei den russischen Agenten vor Allem, das Bauernvolk in revolutionäre Bewegung zu setzen und wenn einmal die bösen Geister losgelassen sind, die Bewegung für russische Zwecke auszunützen. Diese Ansicht wurde mir gegenüber von mehreren polnischen Männern geäußert. Die Jungpolen und Ruthenen sind jedoch bei uns geeingt und betrachten die ganze Sache als Judenhetze, die man passiven lassen kann. Die hiesige Bewegung ist auch in socialökononnscher Beziehung sehr gefährlich. Die Hetzer haben die Parole ausgegeben, „kaust nicht bei den Juden", und ist dies bei uns gefährlicher als in der Großstadt Einzelne Christen werden, wenn sie der ausgegebenen Parole keine Folge leisten, förmlich terrorisirt. Die jüdischen Krämer erleiden dadurch unersetzlichen Schaden. Es hieße sich einer argen Täuschung hingeben, wenn man glauben würde, der Ausfall der Wahl in Kolomea- Buczacz-Sniatyn sei Ursache der Excesse und der Aufregung gegen die Juden. Im Gegentheil, wäre GrafStarcenski durchgedrungen, die Ausschreitungen gegen die Juden, die ihren Candidaten nicht durchzusetzen vermochten, würde vielleicht blutiger sich gestaltet haben. Es spielen hier ganz andere Fäden, und die Apostel der Antisemiten, die schon seit längerer Zeit bei uns im Stillen ihre MinirarWk betrieben, haben diese Fäden in ihren Händen. Merlin. 17. März. Eine ereignißreiche Woche liegt hinter uns. Ein Drama von erschütternder Tragik hat man das Zusammentreffer beider Geschehnisie, des Rücktritts des Kultusministers vonG o ß l e rund des Heimganges Ludwig W i n dth o r st s, genannt. In dem Augenblicke, wo man den Unterrichtsminister der mächtigen Centtumspartei und ihrem Führer opfern wollte, mußte dieser vom Schauplatze seiner Erdenthätigkeit abgerufen werden. Beide Männer waren so mächttge Persönlichkeiten daß ihr Wort in jeder politischen Angelegenheit schwerwiegend in die Wagschale fallen mußte. Beide bekleideten so einflußreiche Stellen; der Eine im unmittelbaren Staatsdienste, der Andere als Führer der größten Partei, daß sie gezwungen waren zu jener Frage, die man die „Judenftage" nennt, Stellung zu nehmen * Um es gerade herauszusagen: Beide „gegangene" Männer waren von jener Niedrigkeit des Charakters, welche den Bekennern anderer Religionen, die ihnen verbrieften Rechte verkümmern will, frei. Aber beiden fehlte allerdings noch viel daran, daß sie jener angefeindeten Religionsgemeinschaft die reine Menschenliebe entgegengebracht hätten Doch die Liebe läßt sich nichtfordern, nur ein Gott kann