Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 13 (27.3.1891)
- Date
- 1891-03-27
- Page
- Seite 226 (sequence 4)
- Language
- German
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226 Hesterreichifche MochtttfchrifL Nr. 13 nung der Dinge — der Mensch selber ist, der ind ividualistisch e, egoistische, in der erdrückenden Mehrheit seiner Einzelnerscheinungen „antisociale" homo saxi6n 8,w el ch e s G l a u b e n s, Stammes und L an des er immer sein möge. Soll je die Welt „social" gestaltet werden, so muß jeder Einzelne gegen sich selbst Revolution machen, denn nicht durch aufgezwungene Gesetze, sondern nur vom tiefsten Innern jeder einzelnen Menschenbrust heraus kann die Religion des Mitleids zur allgemeinen, weltversöhnenden That werden. Du mußt aber deinen Mitbürgern, den Gewerbsleuten und Bauern ganz etwas anderes sagen: nämlich, daß neben ihrer Suppe, ihrem Glas Bier, ihrem Stück Fleisch ein „unsichtbarer Gast" sitzt, der mit unsichtbarem Löffel aus ihrer Schüssel schöpft, und mit unsichtbarem Munde ihnen das Beste wegtrinkt und -ißt, mußt ihnen sagen, daß dieser unsichtbare Gast der Jude ist, welcher an ihrem Lebensmarke zehrt, welcher ihnen das Geschäft so sauer und den Erwerb so kärglich und die Scholle so unergiebig macht, und daß es nur besser werden könne und ihnen allen aufzuhelfen sei, wenn man endlich der Hyder des jüdischen Capitals die Köpfe austrete und Ausnahmsgesetze gegen die Judenschaft einführe. Und deine armen, bethörten Mitbürger werden dir mit gierigem Ohre lauschen, werden dir zujubeln und dich aÄ den Freund des kleinen Mannes preisen, du selbst aber wirst dir, wenn du noch ein Gewissen hast, im Nachhausegehen sagen müssen: „Pfui über mich! Was bin ich doch für ein elender Demagoge!" Ich nehme nur an, du trätest einmal heraus und geiztest nach den Lorbeern eines antisemitischen Volksredners, so oder ähnlich, wahrscheinlich noch viel ärger würdest du loslegen muffen, um den gewünschten „nachhaltigen" Erfolg zu erzielen. Ich wenigstens habe genau dasselbe, aber auch noch Aergeres erst vor Kurzem bei einer antisemitischen Versammlung gehört, denn manchmal besuche ich als stummer Zuhörer auch solche, um zu erfahren, welche Fortschritte die „heilige Sache" macht. Meine Meinung behielt ich natürlich für mich, denn ich kann doch diesen Barbaren nicht die Ehre gönnen, einen Menschen hinauszuwerfen. Dir aber sage ich sie: Der Socialismus, der reine, nicht „christliche", obwohl gegen die unabänderliche Menschennatur in seinen letzen Zielen unausführbar, ist als Parteiprincip hundertmal ehrlicher und charaktervoller als der Antisemitismus, denn er richtet seine Waffen gegen das Capital überhaupt und gegen die Feinde der socialen Weltumgestaltung, welcher Race sie immer augehören, nicht aber gegen einen einzelnen Menschenschlag oder Volksschlag, wie dir's dein nichtswürdiger Antisemitismus thut. Er findet die wahren oder eingebildeten Ursachen des socialen Nothstandes nicht beim Judent h um eallein, sondern allüberal l, wo der Eapitalismus und die moderne Wirths ch^a f t s ordung regieren und verabscheut daher mit Recht diese einseitige, das Ziel verrückende antijüdische Bewegung. Weil er auf allgemeiner Grundlage fußt, weil er das Wirthschastswesen und die Gesellschaft als ein Ganzes seiner Kritik unterzieht, wird es einen Socialismus auch in Zukunft geben, wann längst über dem Grabe des Antisemitismus das Gras wächst; seine, des Socialismus berechtigte Forderungen — und er hat solche — wird man anerfötnett und sie im Wege der socialen Reform, die bei euch nur-Geflunker und Aushang ist, zu erfüllen trachten; der Antisemitismus in seiner Einseitigkeit hat keine Berechtigung.? V Daoüt wM'.-sth dir nicht Nngerathen haben, dich den Sncuflisten in die Arme zu werfen. Ich räche dir vielmehr, dich von allen Parteifesseln zu befteien und dasjenige, -was man „Politik" nennt, gänzlich von. dir zu thun. Freilich, wenn alle so dächten, wäre es schlimm, aber mir, der ich solch elende Erfahrungen machte, ist Enthaltsamkeit nicht zu verübeln. Ich lade dich ein, mit mir eine Partei — der Parteilosen, der Freien. Unabhängigen, der emancipirten Selbstdenker zu gründen; jedenfalls aber ist es hohe Zeit, daß sich die besseren und feineren Elemente unter den studirten Antisemiten, es gibt wirklich auch feinere, aber wenig, von der Despotie der Schlagworte losreißen, u. zw. mit ganzer Kraft und mit heiligem Ernste, ohne Rücksicht auf Freundschaft und Gefolgschaft; denn auf eine Freundschaft, die es nur durch das Band der Partei ist, pfeife ich, und eine Gefolgschaft, die das Opfer meiner besseren Einsicht von mir fordert, löse ich kraft des Rechtes freier Selbstbestimmung. Ich kenne „deutschnationale" Antisemiten, und du gehörst auch dazu, die mir stets einen tragikomischen Eindruck machen. Sonst offene Köpfe, über den Hausbedarf gebildet, einsichtig, für alles Geistige empfänglich, die mit achtenswerthem Freimuth und mit einem gewissen Beigeschmäcke von Selbstironie, welche stets das Zeichen einer tieferen Erkenntniß ist, über die Zustände der Antisemitenparteien, auch der eigenen, aburtheilen. Ei n e r, m i t dem ich neulich beim G las e Wein zusammensaß, lies sich unter Seufzern vernehmen — in vino veritas! — daß e s jetzt schon eine Schande sei, Antisemit zu heißen. Ja, um alles in der Welt, lieber Freund! sagte ich, warum tragen Sie dieses Schicksal? Warum schämen Sie sich denn für Andere? Nichts ist einfacher: s e i e n Sie nicht mehr Antisemit, und ihre Seele wird Ruhe haben! — Das aber ist immer das große Hinderniß, worüber der nach innerer Freiheit strebende „Gesinnungsgenosse" doch nicht hinwegsetzen kann. Wie wenn ihm sein Horoskop darauf gestellt worden wäre, als Antisemit zu leben und zu sterben, wehrt er sich trotz aller erkannten Parteijäinmerlichkeiten gegen die Zumuthung, jemals das „Princip" aufzugeben, denn die; „Idee", die ja doch im Grunde so schön fei, aufgeben, hieße sich den Vorwurf der Charakterlosigkeit und Gesinnungslumperei zuziehen, und wenn die „Peitsche", die auf die Abtrünnigen niedersausen soll, gottlob auch nicht wörtlich zu nehmen ist, so macht ihm der Gedanke doch Angst, als ein Treuloser und Fahnenflüchtling angesehen zu werden. Diese innerlich schon Abgefallenen kämpfen in der That einen fortwährenden Seelenkampf; sie wollen mit dem antisemitischen Mob beileibe nichts zu thun haben, dabei aber doch den Grundgedanken (Ungedanken!), welcher die wildromantischen Antisemiten-Fractionen hervorrief, nicht fahren lassen; sie st r ä u b e n sich dagegen, mit d e n -„Vereinigten C h r i st e n" in einen To p f geworfen zu werden, übersehen aber dabei die Thatsache gänzlich, daß d er so genannte nationale Antisemitismus läng st an die Wand gedrückt i st u n d v o n den anderen Banden nur mehr mrt einem verächtlichen L ä ch e l n a b g es e r t r g t w i r >. Auch du, lieber Hermann, kämpfst diesen Kampf um das winzige Phantom der „Principientreue", sage nur ja, "Und ob du auch schon über manche Erscheinungen im Schoße der eigenen Partei bedenklich den Kopf schüttelst: an der Docttin muß festgehalten werden, oder besser, an bfcfc Disciplin oder Dressur, denn die Doctrin schrumpft. bei ihrer völligen Aussichtslosigkeit auf das mehr oder minder, ausgeprägte Gefühl der Abneigung gegen die Juden zusammen^ auf eine bloße I d i o s h nkr as i e, wie es z. B. Leute gibt, welche die Krebse nicht vertragen können. —; Ich bin glücklich, wenn es diesen Zeilen gelingt, dir deinen tragie komischen Seelepkampf zu erleichtern!.